Gesundheit : Ewiges Leben ?: Nenne nur das Zauberwort

R. St.

Zwei selbstkritische Humangenetiker waren offen und ehrlich genug, unberechtigten Hoffnungen ernüchternde biologische Fakten gegenüber zu stellen. Gegen das Alter und seine Leiden lässt sich mit den Mitteln der Genetik nicht ankommen, leiteten Holger Höhn und Hans-Hilger Ropers bei einer Berliner Tagung aus diesen Fakten ab (siehe nebenstehenden Bericht). Daraufhin fragte der Berliner Alternsforscher Paul Baltes, warum es dann so viele optimistische Publikationen gebe, deren Autoren schreiben, wir gingen auf die 150 Lebensjahre zu.

Diese Wissenschaftler kennen die Mechanismen des "Fund raising", erwiderte Ropers. Wir wissen also, mit welchen Argumenten oder auch nur Reizworten man Forschungsmittel einwirbt. Das erinnert an eine Pflichtübung, die unter Grundlagenforschern seit Jahrzehnten verbreitet ist: In jeder noch so kleinen Meldung über ein noch so anwendungsfernes Forschungsergebnis muss mindestens ein Mal das Wort "Krebs" vorkommen. Den Krebskranken hat diese Art von "name dropping" zwar bis heute nichts genützt, aber es beeindruckt das Publikum samt Presse und Politikern - und die Mittel fließen.

Seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wird diese Methode auf sämtliche Krankheiten, das Alter und zuweilen sogar den Tod ausgedehnt. Wie gut sie wirkt, zeigt zum Bespiel eine kürzlich gehaltene Rede des englischen Premiers Tony Blair. Da äußert er die Absicht, nun den wichtigsten Todesursachen wie Krebs und Herz-Kreislauf-Versagen den Kampf anzusagen - und ahnt offenbar nicht, dass unter Epidemiologen eine Bevölkerung dann als besonders gesund gilt, wenn als ihre wichtigsten Todesursachen diese Altersleiden übrig bleiben. Blair sagte auch, der National Health Service könne und müsse sich die moderne Biotechnologie durchaus leisten, denn sie biete ja die Möglichkeit, die teuren degenerativen Krankheiten "auszurotten". Wird da der naive Glaube an die Macht einer unverstandenen Wissenschaft zur Leitlinie der Politik?

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