Gesundheit : Examen: Die Mutter aller Prüfungen

Sven Schade

Prüfungen sind das dicke Ende jedes Studiums. Das gilt allemal für den mündlichen Teil, den viele Kandidaten besonders fürchten: Die Tür zum Zimmer des Professors öffnet sich, man reicht ihm die schweißnasse Hand und muss unmittelbar Rede und Antwort stehen - spontan, souverän und intelligent. Eine Stresssituation, in der auch Prüflingen die Nerven durchgehen, die mit ihren Klausuren noch gut zurechtgekommen sind.

"Prüfungsgespräche sind potenzielle Ohnmachtssituationen, in denen man sich ausgeliefert fühlt. Manche Leute haben Angst, dass nicht Fachliches, sondern ihre Person bewertet wird," sagt Mechthild Rolfes von der Psychologischen Beratungsstelle der Technischen Universität. Jedes Semester betreut sie in zwölf Sitzungen acht Examenskandidaten, die ihre Prüfungsängste in den Griff bekommen müssen. Die Angst vor dem Prüfungsgespräch wird nach Mechthild Rolfes Ansicht durch die Massenuniversität begünstigt, wo sich Prüfer und Prüfling kaum kennen. Unsichere Kandidaten fantasierten dann über ihre Professoren und verlören die Konzentration, wenn während der Prüfung das Telefon klingelt oder der Prof das Fenster öffnet. Warum telefoniert der jetzt? Interessiert den überhaupt, was ich hier erzähle?

Viele Studierende erleben die mündlichen Prüfungen auch deshalb als besonders schwierig, weil sie die Situation während ihres Studiums in der Regel nicht üben. Juristen etwa haben bis zum ersten Staatsexamen keine einzige mündliche Prüfung abzulegen. Die erste schlägt in der Note dann aber gleich mit 40 Prozent zu Buche und kann damit maßgeblich den beruflichen Werdegang mitentscheiden. Erschwerend hinzu kommt, dass angehende Juristen in der Gruppe mündlich geprüft werden. Drei bis fünf Prüflinge sitzen zwei Professoren und zwei Praktikern gegenüber. Das komplette Wissen aus fünf Teilfächern wird dabei in insgesamt fünf bis sechs Stunden geprüft. Bei Gruppenprüfungen ist ein "Blackout" besonders unangenehm, weil die Fragen nach längeren Pausen an die Kommilitonen abgegeben werden. "Die juristischen Prüfungen sind Rituale. Man sieht eben gern, dass die Prüflinge sich diesen Ritualen unterwerfen", sagt Rainer Schröder, Jura-Professor an der Humboldt-Universität ironisch. Dazu gehört wohl auch die Kleiderordnung. Die Männer stehen meist in Anzug und Krawatte Rede und Antwort, Frauen im Kostüm - so fühlen sich viele an einem so schweren Tag auch noch verkleidet.

Von wegen "weiche Fächer"

Mit anderen Schwierigkeiten kämpfen Studierende, die angeblich "weiche" Fächer studieren, wie Literaturwissenschaft. "Ich habe einfach zu viel gelesen", sagt Carola, die vor kurzem ihre mündliche Magisterprüfung in Neuerer Deutscher Literatur abgelegt hat, und bei der Frage nach ihrer Note nur abwinkt. "Themen und Lernstoff lassen sich in der Literaturwissenschaft immer beliebig ausdehnen." Inzwischen durch Erfahrung klüger empfiehlt sie Prüflingen, das Terrain in vorausgehenden Sprechstunden mit dem Professor gut abzustecken. Werden Literaturkenntnisse abgefragt? Soll man mit Forschungsmeinungen jonglieren oder sind eigenständige Interpretationen erwünscht? "Zu Unrecht gilt die Germanistik als leichtes Fach", sagt Erhard Schütz, Professor an der Humboldt-Universität. "Meiner Erfahrung nach haben meistens diejenigen Probleme, die sich an das Auswendiglernen von Namen, Daten und Inhaltsangaben klammern."

Auch für die Dozenten sind misslungene Prüfungen unangenehm: Liegt es an den Fragen, wenn der Kandidat partout am Thema vorbeiredet? Was, wenn es zu Gefühlsausbrüchen des Prüflings kommt? "Ich habe jedes Semester durchschnittlich einen Fall, wo jemand zusammenbricht oder zusammenzubrechen droht. Da sind wir Professoren hilflos", sagt Erhard Schütz.

Darum weiß auch Mechthild Rolfes: "Die Dozenten schicken dann die Prüflinge in die Psychologische Beratung. Manchmal wäre ein Lehrgang auch für die Prüfer hilfreich. Das ist aber zeitlich nicht möglich." Also müssen die Studierenden sich vorbereiten. Kern der Gruppenarbeit bei Mechthild Rolfes ist eine nachgestellte Prüfung mit verteilten Rollen. "Das offenbart die Probleme der Kandidaten", sagt Mechthild Rolfes und erzählt von der Studentin Eva, die gleich auf die erste Frage wie ein Maschinengewehr antwortete. Mit permanentem Reden wollte Eva ihre Angst kaschieren. Der Prüfer will sie eigentlich mit einem Augenzwinkern und einem "Jetzt-mal-langsam" bremsen, da wird sie laut und weint. "Wer im Spiel aus der Rolle steigt, wäre im Ernstfall auch gescheitert," sagt die Psychologin. "Oft kommt es bei Kandidaten, die extrem viel reden, zu Machtkämpfen ums Rederecht. Der Prüfer bekommt keine Gelegenheit zu fragen." Jeder Prüfling müsse sich einfach der Tatsache bewusst sein, dass schwierige Fragen keine Zumutung seien, sondern das simple Recht der Prüfer.

Eine Erleichterung für Studierende könnten in jedem Fall regelmäßige mündliche Teilprüfungen sein, wie sie in der Elektrotechnik üblich sind. Nicht nur können die Prüflinge dabei rechtzeitig die Situation im Examen üben, die Übung einer mündlichen Präsentation nutzt später auch im Beruf. Mirko Knaak, Assistent am Institut für Messtechnik an der Technischen Universität Berlin, ist davon überzeugt, dass Studierende neben Fachwissen lernen müssen, komplexe Sachverhalte relativen Laien verständlich darzustellen oder Projektpartner zu überzeugen. Deshalb sei die Prüfungssituation in seinem Fach keineswegs künstlich, sondern ein praktisches Training.

0 Kommentare

Neuester Kommentar