Gesundheit : Examen: Interview: "Auf keinen Fall Aufputschmittel nehmen"

Warum fürchten sich viele Kandidaten mehr vor

Karin Lau ist Referentin im Landesamt für Lehramtsprüfungen in Berlin und prüft in den Fächern Deutsch und Spanisch.

Warum fürchten sich viele Kandidaten mehr vor der mündlichen als vor der schriftlichen Prüfung?

In der mündlichen Prüfung wird aus größeren Wissensgebieten geprüft. Andererseits gibt es gegenüber Klausuren aber die Chance, dass die Prüfer den Kandidaten auch wieder auf den richtigen Weg bringen können, wenn er in die falsche Richtung gegangen ist.

Was sind die schlimmsten Fehler, die ein Prüfling machen kann?

Auf keinen Fall sollte der Kandidat vor der Prüfung Beruhigungs- oder Aufputschmittel nehmen. Ich habe erlebt, dass ein junger Mann während seiner Prüfung fast eingeschlafen ist. Man muss die Aufregung aushalten. Häufig kommt es vor, dass Kandidaten vor der Kommission wie ein Kaninchen vor der Schlange sitzen und nur einsilbig antworten. Kommissionsmitglieder, die prüfungserfahren sind, fangen in der Regel solche Aufregung auf. Umgekehrt gibt es Leute, die so überdreht sind, dass sie nicht mehr aufhören zu reden und am liebsten überhaupt keine Fragen zulassen wollen. Auch das kann das Gespräch belasten. Lange Referate sind aber in einer Prüfung nicht möglich.

Was, wenn man plötzlich ein Blackout hat?

Man darf ruhig ein Blackout haben, aber natürlich nicht bei jeder Frage. In der Regel sprechen sich selbst Hypernervöse nach ein paar Minuten frei. Der Bewertungsmaßstab ist nicht die erste Viertelstunde, sondern die ganzen 60 Minuten. Wenn man wirklich eine Antwort nicht weiß, ist es in jedem Fall besser, nicht zu bluffen. Dann kann die Kommission dort weiterfragen, wo der Kandidat etwas weiß.

Auf welche Fragetechniken der Prüfer müssen sich die Kandidaten einstellen?

Es wird häufig in konzentrischen Kreisen gefragt, angefangen bei Begriffen oder Namen über Transferfragen bis hin zur Problemorientierung. Wenn es um die Lyrik im Biedermeier geht, könnte die erste Frage zu Mörike kommen, eine zweite Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zu anderen Lyrikern ansprechen, eine weitere Frage könnte den Vergleich zur romantischen Lyrik, auch in Verbindung mit der Forschung, thematisieren. Der umgekehrte Weg ist genauso denkbar, also zunächst die Aufforderung, einen Überblick zu geben.

Wie soll der Kandidat auf sehr allgemeine Fragen reagieren, auf die ihm besonders viel einfällt?

Er sollte die zentralen Begriffe ansprechen und ein Panorama öffnen mit dem, was von besonderer Bedeutung ist. Dann sollte er den Ball ruhig ein bisschen bei sich halten und anbieten, das eine oder andere näher auszuführen und dabei selbst in konzentrischen Kreisen verfahren. Dabei sollte er in der Lage sein, Nachfragen standzuhalten. Wer von Dekadenz spricht, sollte wissen, was das ist. Wichtig ist, genau auf die Frage einzugehen. Wenn ich nach Mörike frage, frage ich nicht nach der Droste.

Was zeichnet eine sehr gute Prüfungsleistung aus?

Für eine Eins muss man auf allen drei Ebenen sicher sein und sie eigenständig miteinander verbinden können. Und man muss auch in der Lage sein, größere Horizonte zu durchschreiten.

In Staatsexamensprüfungen werden die Kandidaten von einem Staatsprüfer und zwei Professoren geprüft. Wie sollte der Prüfling sich verhalten, wenn es zwischen Staats- und Univertretern im Prüfungsgespräch Spannungen gibt?

Meine Erfahrung ist: Es gibt so gut wie keine Spannungen. Die Hochschulprüfer verfolgen so ziemlich dieselbe Fragetechnik wie die Staatsprüfer. In 99 Prozent aller Fälle sind sie sich am Ende auch über die Benotung einig. Das Prüfungsgespräch führen übrigens vorrangig die Hochschullehrer, und der oder die Vorsitzende ist gut beraten, sich, wenn möglich, zurückzuhalten. Auf jeden Fall aber muss sichergestellt werden, dass in erster Linie die Kandidaten zu Wort kommen.

Wie kann man sich auf die mündliche Prüfung am besten vorbereiten?

Man sollte vorher alles tun, um die Prüfung zu üben. Das kann man mit Gesprächspartnern machen, die unbedingt fachlich in der Lage sein sollten, kritische Fragen zu stellen. An den Unis bieten Professoren Examenscolloquien an. Hier kommt es drauf an, nicht zwanzigminütige Referate zu halten, sondern ins Gespräch zu kommen. Um den Studierenden zu sagen, was auf sie zukommt, gebe ich seit vielen Jahren regelmäßig Colloquien an den Unis. Leider machen viel zu wenig Studierende von der Möglichkeit Gebrauch, vor ihrem Examen an einer mündlichen Prüfung teilzunehmen, was mit Einwillung des Prüflings möglich ist. Wenn man die Atmosphäre im Prüfungsamt kennt, kann das die Nervosität reduzieren.

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