Gesundheit : Exil und innere Emigration: "In der Fremde sind die Sterne aus Zinn"

Ingo Bach

Wie können Literaten Widerstand gegen eine Diktatur leisten? Gibt es nur die Möglichkeit, das Land zu verlassen? Oder ist schon der Rückzug in die eigene Innerlichkeit ein Akt des Aufbegehrens? Diese Diskussion entzweite die deutschen Schriftsteller schon kurz nach dem Ende des Dritten Reiches - und sie entzweit noch heute die Germanisten. "In den Augen der Exulanten hatten die in Deutschland Gebliebenen keinen wirklichen Widerstand geleistet", sagt Hermann Haarmann, Kulturwissenschaftler an der Freien Universität. "Und diejenigen, die die innere Emigration der äußeren vorgezogen hatten, warfen den Exulanten vor, gar nicht darüber mitreden zu können, was sie in Deutschland erdulden mussten." Und so fehle es bis heute an einer parallel laufenden Debatte über Exil und innere Emigration, so Haarmann auf der Tagung "Katastrophen und Utopien. Exil und innere Emigration 1933-1945", die am Wochenende in der Akademie der Künste stattfand.

Wie ein Exulant die Fremde erlebt, das versuchte der Berliner Kulturhistoriker Steffen Damm am Beispiel des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov zu demonstrieren. Nabokov, der aus einer wohlhabenden russischen Familie stammte, hatte nach dem Sieg der Bolschewiki in Russland mit seinen Angehörigen in Berlin Unterschlupf gefunden. Von 1922 bis 1937 blieb er in der deutschen Hauptstadt, bevor er in die Vereinigten Staaten wechselte. Die Sehnsucht nach seiner Heimat St. Petersburg ließ ihn nie los. Nabokov, der dreisprachig (russisch, englisch und französisch) aufgewachsen war, lehnte es ab, deutsch zu lernen. Er verkehrte in den geschlossenen Zirkeln der damals in Berlin sehr großen russischen Exilgemeinde und ignorierte die deutsche Politik völlig. "Dem Emigranten ist alles schal", sagte Damm. Oder, wie es Nabokov selbst ausdrückte: "In der Fremde sind die Sterne nur aus Zinn." In seinem Werk wird diese Ablehnung überdeutlich. Wenn Deutsche in seinen Romanen und Erzählungen auftauchen, dann nur als Metzger, Biertrinker oder Bauarbeiter - "grob geschnitzte, klischeehafte Typen", so Damm.

Lückenlose Überwachung

Trotz der Leiden, die das Exil mit sich brachte, wählten von 1933 an viele Deutsche diesen Weg, um dem Hitlerregime zu entgehen. Zu Tausenden strandeten sie überall auf der Welt in einem "Wartesaal ohne Ziel", wie es der Germanist Alexander Stephan von der Ohio State University (USA) nannte. Auch dort ließ sie das Regime nicht aus den Augen. Fast lückenlos überwachten die deutschen Botschaften die Aktivitäten der Exulanten. Spitzel wurden zu Treffen der Exilgemeinden eingeschleust, anonyme Denunziationen gesammelt und die örtliche Presse ausgewertet. Die Flut von Berichten, die Stephans Recherchen in den Archiven zu Tage förderten, zeigt, dass "die sich selbst oft als wirkungslos einstufenden Exulanten von den braunen Machthabern sehr ernst genommen wurden".

So beschäftigte der jüdische Dramatiker Friedrich Wolf mit seinem antirassistischen Stück "Professor Mamlock" gleich zwei Botschaften. Zunächst schickte die deutsche Botschaft in der Schweiz nach der Uraufführung des Stückes 1935 in Zürich einen Mitarbeiter ins Theater. Sein Urteil: "Kein Hetzstück, aber ein sehr gefährliches Stück". Auch der deutsche Gesandte in Oslo bestellte Exemplare des Manuskriptes, weil das dortige Theater ebenfalls eine Aufführung plante. Eine Absetzung des Dramas erreichte die Botschaft in Zürich jedoch nicht - obwohl sie es mit scharfen Protesten versuchte. Aber darum ging es auch nicht. "Ziel der Überwachung war es vor allem, den Exulanten das Gefühl zu vermitteln, dass sie sich nirgends auf der Welt sicher fühlen konnten", meint Alexander Stephan.

Wesentlich realer war die Bedrohung für diejenigen, die das Regime zwar ablehnten, aber im Lande blieben. Einer von ihnen war Erik Reger, nach dem Krieg Lizenzinhaber und Mitherausgeber des Tagesspiegels. Noch 1932 hatte Reger mit der Serie "Die Naturgeschichte des Nationalsozialismus" in der Vossischen Zeitung Aufsehen erregt. Darin schrieb er, die Urzelle des Nationalsozialismus sei der "rasende Stammtisch" und seine Methodik die "Genauigkeit der Lüge". Hitler bezeichnete er als "gewissenlosen Demagogen". Nazis sind nachtragend. "Reger wusste, das er von den neuen Machthabern nichts Gutes zu erwarten hatte", sagte Erhard Schütz, Germanist an der Berliner Humboldt-Universität. Der Westdeutsche Rundfunk kündigte ihm dann auch Anfang Juni 1933 die Zusammenarbeit, seine beiden vor 1933 erschienenen Romane wurden 1935 auf Antrag des Nazi-Chefideologen Rosenberg verboten.

Trotzdem durfte Reger weiter publizieren, doch es finden sich in seinen Veröffentlichungen keine politischen Inhalte mehr. "Er produzierte zeitlos scheinende, innerliche Texte", sagte Schütz. "Er schrieb Kindheitserinnerungen, Liebes- und Landschaftsromane und gelegentlich auch Texte, die ihm selbst wohl als Akte der Distanzierung erschienen." Die Folgerung des Germanisten: "Es gab im Dritten Reich ein relativ breites Spektrum an Möglichkeiten des Publizierens, ohne politische Propaganda oder gar antisemitische Hetze betreiben zu müssen. Wer Propaganda und schreibend Rassismus betrieb, musste dies nicht unter wirklichem Zwang oder aus Lebensgefahr tun." Doch erkennbare Ablehnung des Regimes hatte keine Chance. "Es war aussichtslos, erkennbar oppositionell zu schreiben und dennoch gedruckt zu werden", sagte Schütz. Doch eines müsse man Reger bescheinigen: "Er ist während der Nazidiktatur sauber geblieben, hat nichts Zwielichtiges und schon gar nichts Schändliches getan."

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