Gesundheit : Exotik des Orients: Europäische Reisende des 18. und 19. Jahrhunderts und der Harem

Tilmann Warnecke

Das arabische Wort Harem hat eine ganz einfache Übersetzung: Es heißt verboten. Verbotenes reizt bekanntlich am meisten, und deswegen ist es nicht weiter erstaunlich, dass der Harem und seine Haremsfrauen noch immer zu den großen Mythen der Kulturgeschichte gehören, auch wenn der letzte Harem bereits 1914 geschlossen wurde. Bauchtänzerinnen, sich willig räkelnde Laszive und Sozialaktivistinnen sind nur einige Rollen, die Haremsfrauen zugeschrieben worden sind.

Auf europäische Reisende hat der Harem immer eine faszinierende Wirkung gehabt, war es doch für sie eine unbekannte Welt und Inbegriff der Exotik des Orients. Prägend für das Bild des Harems im Westen: Die 170 Jahre zwischen 1750 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges, wie Karin Hörner, Orientalistin an der Uni Hamburg, in einem Vortrag über die Darstellung von Haremsfrauen in westeuropäischer Reiseliteratur zu berichten wusste. Denn als der Aufstieg des Bürgertums begann, schnellte auch die Anzahl der Reisenden in den Orient nach oben.

Die westlichen Reisenden projizierten vor allem ihre eigene Sozialisation und Zielvorstellungen in die Darstellung der Haremsfrauen. Sklavinnen - vor allem von europäischen Männern beschrieben - zeigen die "animalische Weiblichkeit" der orientalischen Frau: Sie sind schwarz, rauchen und tragen blaue Arbeitskleider.

Anders die Berichte von europäischen Frauen. Sie sind geblendet vom Schmuck der reichen Frauen der orientalischen Oberschicht. "Ein Smaragd so groß wie ein Truthahnei", weiss eine Engländerin zu berichten. Hinter diesem "Krämergeist" (Hörner) bei der peniblen Aufzählung aller Broschen und Ringe verbirgt sich aber etwas ganz anderes: Reichtum bedeute Macht, und Macht bedeute Schutz vor ungewolltem Sex - ein Problem, das auch europäische Frauen beschäftigte. "Der sexuelle Freiheitsgedanke wird durch den Schmuck deutlich gemacht", so Hörner. Der europäische Mann dagegen sah in der reichbehängten Frau eher eine schnell zu erlegende Beute. Das erklärt, weshalb orientalische Frauen im Hamam, dem türkischen Bad, so oft nackt und reich mit Schmuck behängt dargestellt wurden.

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