Gesundheit : Exotische Wesen

ELISABETH OEHLER

Das auffällig farbig leuchtende Plakat "Bedeutende Naturwissenschaftlerinnen" weist auch den institutsfremden Besucher eindeutig darauf hin, daß das Ziel erreicht ist: dies ist eines von ganz wenigen außeruniversitäten Forschungsinstituten in Deutschland, an denen gleich mehrere Naturwissenschaftlerinnen angestellt sind - das Institut für Festkörperforschung des Forschungszentrums Jülich.

Daß es immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, als Frau in der Naturwissenschaft zu arbeiten, ist der hier forschenden Physikerin Barbara Kessler durchaus bewußt."Es kommt vor, daß ich mich in einer Konferenz umblicke und feststelle, daß ich mal wieder die einzige Frau bin", sagt Kessler, die gerade ihre Habilitationsschrift abgeschlossen hat.Jahrelang hat sie sich dafür mit der Erforschung von Materialien aus wenigen gleichartigen Atomen, genannt Cluster, beschäftigt.Die 40jährige Physikerin konnte von den Fördermaßnahmen für Frauen in der Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen profitieren, indem sie 1996 als eine von 15 Frauen ein Lise-Meitner-Habilitationsstipendium erhalten hatte.

Die Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Familie ist mit Sicherheit ein wesentlicher Grund, warum die Zahl der Professorinnen in Deutschland seit Einführung des Studienrechts für Frauen nicht proportional zu der stark angewachsenen Zahl der Studienanfängerinnen gestiegen ist.Denn obwohl mehr als siebzig Jahre vergangen sind, seit die ersten Studentinnen in naturwissenschaftlichen Fächer promoviert wurden, und obwohl die Zahl der Doktorandinnen seitdem kontinuierlich angewachsen ist, gibt es auch heute noch fast genauso wenig Professorinnen wie damals.

Barbara Kessler sieht die Frauen besonders in einer Hinsicht den Männern gegenüber benachteiligt: "Ich bin davon überzeugt, daß wir erst dann eine Gleichberechtigung erreicht haben, wenn ein Arbeitgeber genauso wahrscheinlich von einem Mann erwartet, daß er Erziehungsurlaub beantragt, wie er es heute von einer Frau erwartet.Das geht aber nur, wenn die Männer an dieser Entwicklung mitarbeiten."

Viele Studentinnen verabschieden sich, so Barbara Kessler, spätestens nach der Promotion von ihrem Traum, eine wissenschaftliche Karriere zu machen, weil sie keine Möglichkeit sehen, einen Beruf in der Wissenschaft mit einer Familie zu vereinbaren.Statistiken zeigen tatsächlich, daß 80 Prozent aller Professorinnen kinderlos sind.

Auch Barbara Kessler hat keine Kinder.Sie hätte sich ihre Karriere mit Kindern auch nicht zugetraut, weil ihr Mann sich ebenfalls habilitiert und aus diesem Grunde keiner von beiden genug Zeit für den Nachwuchs gehabt hätte.Um Eltern in der Wissenschaft Familie und Beruf zu ermöglichen, fordert sie: "Die Kinderbetreuung müßte zur Grundausstattung der Universitäten gehören.Außerdem könnte man, wie in Schweden, den Erziehungsurlaub verdoppeln, wenn sich beide Elternteile mit der Erziehung der Kinder abwechseln.Um die Kindererziehung in Zukunft nicht mehr einseitig den Frauen zuzumuten, spricht sich auch der Wissenschaftsrat in seinem im Mai 1998 erschienenen Katalog "Empfehlungen zur Chancengleichheit von Frauen in Wissenschaft und Forschung" für eine Reform des Wissenschaftssystems aus.Es gebe für Frauen und Männer derzeit nicht die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Qualifizierung und Berufsausübung bei gleichzeitiger Familienbetreuung.

Wiedereinstiegsprogramme für Wissenschaftlerinnen hätten allerdings den Nachteil, daß sie Frauen auf die Familienrolle festlegten, so der Wissenschaftsrat.Vielmehr müßten wissenschaftliche Einrichtungen eine "lebensphasenorientierte Personalpolitik" einführen, "um Frauen wie Männern die Chance zu bieten, Beruf und Familie zu vereinbaren".Flexiblere Arbeitszeitangebote und Teilzeitstellen für Führungskräfte sowie ein bedarfsorientiertes Betreuungsangebot für Kinder seien dringend notwendig, um die Chancen für Frauen auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt effektiv und langfristig zu erhöhen.

Allerdings hält der Wissenschaftsrat auch die Vergabe von Habilitationsstipendien für Frauen, wie Barbara Kessler eines erhalten hat, für kurzsichtig.Er warnt davor, "Frauen auf spezielle Sonderprogramme, Förderinstrumente oder Qualifikationselemente abzulenken.Sie bergen die Gefahr, bestehende Strukturen unverändert zu belassen und Frauen in zukunftslose Nischen oder Sackgassen abzudrängen.Vielmehr sollte die nachhaltige Integration von Frauen in das bestehende Wissenschaftssystem oberste Priorität erhalten."

Die Frauenbeauftragte der Technischen Universität Berlin, Heidi Degethoff De Campos, sieht die Gefahr, daß Frauen mit Habilitationsstipendien jahrelang keine Renten- und Arbeitslosenversicherung erhielten, während Männer auf festen Stellen dagegen die Gelegenheit bekämen, sich in der Lehre zu qualifizieren und zusätzlich persönliche Kontakte zu knüpfen.Statt Wissenschaftlerinnen, die eine Professorinnenstelle anstreben, mit der Habilitationspflicht zu belasten, die in der Regel in die Phase der Familiengründung fällt, sollten die Hochschulen nach Meinung des Wissenschaftsrates in Zukunft auch andere Lehr- und Forschungsaktivitäten als Qualifikationen für eine Professur akzeptieren.

Eine Änderung dieser Regelung zugunsten der Akzeptanz anderer wissenschaftlicher Leistungsnachweise hält auch Barbara Kessler für sehr sinnvoll: "Die Habilitation hat insbesondere für Frauen, die Kinder haben möchten, eine große abschreckende Wirkung.Das sehe ich an meiner Doktorandin, die beschlossen hat, nicht zu habilitieren.Aber nicht, weil sie sich das nicht zutraut, sondern weil sie bei mir sieht, wieviel Arbeit das ist."

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