Gesundheit : Expo 2000: "Kaffee ist ein besserer Computer als Wasser"

Thomas de Padova

Bill Buxton mag moderne Flugzeugtoiletten. Das Licht schaltet sich beim Eintrtt automatisch ein, die Toilettenschüssel reinigt sich selbsttätig, und auch die Seife tropft in vorauseilendem Gehorsam wohlportioniert in seine Hände. Wenn doch alles im Alltag so flutschte! Man müsste die Computerchips nur richtig einsetzen, meint der Computerspezialist von der Universität Toronto in Kanada. "Wir müssen von einer Situation, in der wir uns an die Computer anpassen, zu einer Situation übergehen, in der sich die Computer an uns anpassen."

Sein Kollege Neil Gershenfeld vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge in den USA lebt längst in einer solchen Welt. Ob Buch, Pillendöschen oder Wasserflasche - mit allem steht Gershenfeld in ständiger, unsichtbarer Verbindung. "Wir sind von Computersystemen umgeben", sagt Gershenfeld. "Wir müssen sie nur als solche zu nutzen wissen."

Die Computer, von denen Gershenfeld in seinem Vortrag im Wissenschaftszentrum der Expo in Hannover spricht, sind winzig klein und allgegenwärtig. Es sind molekulare Computer, die Gershenfeld mit fein abgestimmten Radiosignalen zu manipulieren gedenkt und deren Rückstrahlung die gewünschte Interaktion ermöglichen soll. Diese "Quantencomputer" sind in seiner Zukunftsvision so präsent wie Handys im heutigen Alltag.

Gershenfeld hat dabei Systeme im Sinn, wie sie Wissenschaftler um Steffen Glaser von der Technischen Universität München gerade eben in einer Physikalischen Fachzeitschrift vorgestellt haben: Fünf Atome in einer Aminosäuren-Lösung, mit Hilfe derer sich eine einfache Rechenaufgabe bewältigen lässt. Ein primitiver Quantencomputer, aber die Nanotechnik werde bald mehr ermöglichen, schwärmt Gershenfeld, sich seiner Popularität als Wissenschaftler und Buchautor bewusst.

Unsereins, der an Maus und Monitor gewöhnt ist, fühlt sich gleichwohl zunächst ein wenig beengt, wenn Gershenfeld sagt, die ganze Welt sei ein Interface. "Und Kaffee ist ein besserer Computer als Wasser, denn die Kaffee-Moleküle sind komplexer." Haben Sie beim Frühstück je daran gedacht, welch kostbaren Rohstoff Sie da hinunterspülen?

Beim "Global Dialogue" auf der Weltausstellung in Hannover, einem dreitägigen, bis heute andauernden Wissenschaftsmarathon, fließt der Kaffee reichlich: Irish coffee, Espresso, Café con leche. Hundert Wissenschaftler, darunter ein knappes Dutzend Nobelpreisträger, halten Vorträge zu den vier Themen "Informationstechnologien", "Wissenschaft und Gesellschaft", "Prognostik" und "Ressourcen für die Zukunft". Neben ihnen auf dem Podium sitzen Politiker und Journalisten. Allein die Zuhörer sind nicht so zahlreich wie erhofft.

Dabei geht es den Veranstaltern vor allem um sie, um den Dialog zwischen Wissenschaftlern und einer breiten Öffentlichkeit, um das, was alle betrifft: unsere Zukunft. Welche Rolle wird der Wissenschaft bei ihrer Gestaltung zukommen? Wie etwa könnten die von Gershenfeld prophezeiten Computersysteme von der Größe eines Moleküls unseren Alltag verändern? Werden sie ihn uns so bequem machen, wie den Besuch einer Flugzeugtoilette? Oder könnten Winzlinge von Robotern nicht auch zu der schrecklichsten Waffe in der Geschichte der Menschheit werden, zu Soldaten, so klein wie Bakterien?

Die moderne Wissenschaft habe die Menschen in die Lage zu versetzen, Chancen und Risiken ihrer Ergebnisse zu beurteilen und sich eine eigene Meinung zu bilden, sagt Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn. Wohin die Reise in der Informationstechnologie, in Gesundheits- oder Genomforschung gehe, könne nur eine Gesellschaft beurteilen, die die von der Wissenschaft angebotenen Optionen kenne. Debatten wie über die Entschlüsselung des menschlichen Genoms müssten im Fernsehen "genauso viele Zuschauer wie ein Fußball-Länderspiel haben", sagt die SPD-Politikerin.

Von solchen Einschaltquoten wagt aber wohl selbst die strahlende Ministerin nicht zu träumen. Der gewünschte Dialog zwischen den Forschern und der Öffentlichkeit kommt nur zögerlich in Gang. Den Wissenschaftlern gehe es ausschließlich um die Reputation bei den Fachkollegen, unterstreicht Carl Djerassi, der Erfinder der Antibabypille. "Wenn das Publikum dagegen der Meinung ist, dass ich ein guter Wissenschaftler bin, dann spielt das keine Rolle."

Die Bringschuld liegt allerdings nicht allein auf Seiten der Wissenschaft. Die Methoden der Naturwissenschaften sind den meisten Gebildeten hier zu Lande völlig fremd. Eine bessere Schulbildung wäre ein notwendiger Schritt, die Trennung der Naturwissenschaften vom Rest der Kultur langsam zu überwinden. Ansonsten gerät jede Diskussion über Nutzen und Risiken der Forschung zu einem schiefen Bild.

Immerhin haben die Feuilletons einiger deutscher Zeitungen nun eine solche Debatte eröffnet. Sie hinterfragen die ethischen Konsequenzen der Genomforschung oder malen für die Zukunft eine schreckliche Mixtur aus Gentechnologie, Nanotechnologie und Robotik (neuerdings auch abgekürzt: GNR, was etwas holpriger klingt als GAU) aus, eine den Menschen verachtende und entmachtende Technik. Sich wie Zellen oder Viren selbst vermehrende Roboter könnten demnach schon Mitte dieses Jahrhunderts die Weltherrschaft an sich reißen.

So düster dieses Bild auch ist - Edelgard Bulmahn begrüßt derartige Debatten. "Die Gesellschaft braucht solche Warnsignale." Auch der Chefberater der britischen Regierung und künftige Präsident der Royal Society, Sir Robert May, erkennt darin einen wichtigen Denkanstoß. Wir sollten wenigstens darüber nachdenken, wie wir jener neuen Art des Terrorismus begegnen könnten, den erst die Informationsgesellschaft möglich macht. Nach Ansicht eines Großteils der britischen Bevölkerung schreitet die Wissenschaft inzwischen so schnell voran, dass die Politik Schwierigkeiten habe zu folgen, betont May. Brauchen wir also eine stärkere Politikberatung von Seiten der Wissenschaft?

Hier zu Lande hat etwa der Wissenschaftsrat seit 40 Jahren die Aufgabe einer solchen Politikberatung. "Die Politik will heute genau wissen, was unter den konkreten finanziellen Rahmenbedinungen gemacht werden kann", sagt der Wissenschaftsrats-Vorsitzende, Winfried Schulze, ob sich Deutschland etwa eine teure Anlage zur Kernfusionsforschung leisten könne oder nicht. Der Wissenschaftsrat gebe eine Hilfe dabei, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Wissenschaft könne durchaus wichtige Beiträge zu Sachfragen leisten, sagt der Soziologe Victor J. Vanberg von der Universität Freiburg. Er unterscheidet dabei jedoch zwischen einer an die Bürger gerichteten "Politikberatung" und einer direkten "Politikerberatung", die nur dann wirksam sei, "wenn sie den Politikern hilft, erfolgreich zu sein". Anders ausgedrückt: Wer als Professor ein Gutachten erarbeitet, der gerät leicht in Verdacht, ein Zuträger der entsprechenden Auftraggeber zu sein. Und solche Zuträger finden sich überall in der vielschichtigen und vielstimmigen Wissenschaft.

Für Vanberg liegt die Bedeutung der Politikberatung nicht in den Expertenurteilen per se, sondern in den "dadurch aufgeklärten Bürgern". "Die Wissenschaft soll ihre Stimme heben", mahnt auch Theo Sommer, ehemaliger Herausgeber der "Zeit". "Der richtige Weg der Beeinflussung ist der über die Öffentlichkeit." Denn Politik sei kein Bereich der Wahrheit, sondern der Mehrheit. Was die Wissenschaft also beisteuern könne, seien alternative Modelle, betont der SPD-Politiker Erhard Eppler, jene Optionen, von denen auch Edelgard Bulmahn spricht. Es sei dann die Aufgabe der verschiedenen Gruppen in einer demokratischen Gesellschaft, diese Optionen zu werten.

Mit der Veranstaltung in Hannover versucht Forschungsministerin Bulmahn einmal mehr, die Wissenschaftler im Schulterschluss mit den großen deutschen Forschungsorganisationen aus den Labors und Studierstuben zu locken. Sie sollen einem breiten Publikum die Perspektiven ihrer Forschung erläutern und möglichen Nutzen und Missbrauch benennen. "Ich will, dass alle mitreden können, wenn es um lebenswichtige Fragen der Menschheitsentwicklung geht", sagt Edelgard Bulmahn.

Es wird sie noch einige Mühen kosten, die breite Öffentlichkeit wirklich zu erreichen. Die Informationstechnologie kann dabei hilfreich sein. Neil Gershenfeld jedenfalls zeigte Videos, auf denen zu sehen war, wie sich Kinder oder Museumsbesucher von seiner Forschung begeistern lassen.

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