Gesundheit : Exportware Seepferdchen

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Von Monika Rössiger

Für seinen Broterwerb braucht Cesar Socias Lungen wie ein Delphin und das scharfe Auge eines Barracudas. Die Beute des 21-jährigen Fischers lebt nämlich gut getarnt zwischen den Korallen: Seepferdchen. Außerdem muss sie von Hand gefangen werden. Fast jede Nacht fährt der Filippino mit dem Auslegerkanu auf das tintenschwarze Meer heraus. Über dem Riff stoppt er, springt ins Wasser und taucht mit angehaltenem Atem in zwei bis vier Metern Tiefe. Entdeckt er eines der possierlichen Tierchen, „pflückt“ er es von der Koralle – wie einen Apfel vom Baum.

Der Seepferdchenfischer ist nur einer von zahllosen Rohstoff-Lieferanten für die traditionelle chinesische Medizin. Vielleicht liegt es am bizarren Aussehen der marinen Pferdchen, dass ihnen so eine besondere Heilkraft nachgesagt wird. Sie gelten als potenzsteigernd und lebensverlängernd, sollen helfen bei Herz- und Kreislaufbeschwerden ebenso wie bei Erkrankungen der Nieren, Leber, Bronchien oder Haut. Wer an die allumfassende Vitalisierung durch Seepferdchen glaubt, – die wissenschaftlich nicht bewiesen ist –, verzehrt sie roh, gekocht oder getrocknet, pulverisiert, geröstet oder in die Suppe gestreut.

Die Philippinen gehören zu den Hauptexporteuren im internationalen Handel mit Seepferdchen; und die von Bohol, wo Cesar lebt, sind wegen ihrer „erstklassigen Qualität“ besonders begehrt. Via Hongkong gelangen sie nach China, wo der Bedarf in den letzten Jahren aufgrund der wachsenden Mittelschicht sprunghaft angestiegen ist. Weltweit werden pro Jahr mindestens 20 Millionen Exemplare der Fischverwandten gehandelt, tot oder lebendig.

Cesar, der junge Fischer, verbringt die Nacht mehr unter als über Wasser. Mit Flossen und Taucherbrille ausgerüstet, pflügt er durchs Meer; das Kanu zieht er am Strick hinter sich her. Eine am Bug vertäute Gaslaterne ist die einzige Lichtquelle in der Dunkelheit. Seepferdchen zu finden, ist nicht nur wegen ihrer Tarnung schwer – nach jahrzehntelangem Fischen sind sie selten geworden. Ihre Fänge, berichten die Fischer von Bohol, haben sich innerhalb von zehn Jahren um 70 Prozent vermindert.

„Wir sind arm, weil das Meer arm ist“, sagen die Menschen in Handumon, Cesars Dorf. Die rund 850 Einwohner haben weder Strom noch fließend Wasser. Sie wohnen in Pfahlhütten, deren „Wände“ aus Palmstroh geflochten sind. Fast alle Familien leben vom Fischfang oder von Seepferdchen, bleiben aber trotz der großen Nachfrage aus dem Reich der Mitte bitterarm. Sie erhalten Pfennigbeträge für eine Arbeit, die nicht nur hart ist, sondern durch den Raubbau ihre eigene Existenzgrundlage gefährdet.

Um aus dieser Negativspirale herauszukommen, hat die kanadische Biologin Amanda Vincent in den 1990er Jahren ein Projekt initiiert, das sowohl den Fischern als auch den Seepferdchen nützt. Gemeinsam mit Dorfbewohnern und einheimischen Wissenschaftlern richtete die Seepferdchen-Expertin ein 33 Hektar großes Meeresschutzgebiet ein, das Tag und Nacht bewacht wird – Fischen absolut verboten.

„Wir können die Seepferdchen nicht ohne ihren natürlichen Lebensraum schützen“, sagt die philippinische Meeresbiologin Marivic Pajaro, die das Projekt in Handumon leitet. „Den Lebensraum können wir aber nur schützen, wenn wir den Dorfbewohnern ein Einkommen sichern.“ Das geht nicht ohne Bildung. Auf all diesen Ebenen setzt das Projekt an: Mit Umwelt-Seminaren für die Kinder, Weiterbildung für Erwachsene, Wiederaufforstung des Mangrovengürtels vor Handumon. Jugendliche erhalten ein Stipendium für die Schule, wenn sie am Wochenende das Projekt unterstützen: zum Beispiel Fische und Korallen im Schutzgebiet zählen.

Als alternative Einnahmequellen sollen Fisch- und Seegrasfarmen dienen sowie das traditionelle Flechthandwerk. Die Alten unterrichten die Jungen in einer Technik, die schon verloren zu gehen drohte. Körbe, Matten oder Taschen werden inzwischen nicht mehr nur lokal, sondern auch international vertrieben, etwa über das Shedd-Aquarium in Chicago, einem Sponsor des Projektes. Seegras ist auf den Philippinen ein begehrter Rohstoff für die verarbeitende Industrie, als Zusatz zu Kunststoffen, Lebensmitteln oder Zahnpasta.

Das Ganze ist ein Prozess, der Zeit, Geduld und Überzeugungskraft braucht. Nicht alle Fischer wollen umlernen. Ihnen liegt der Fisch oder das Seepferdchen am Abend näher als die Zukunft der Bestände. Das ist auf den Philippinen nicht anders als in Europa; selbst, wenn es immer schwieriger wird, die Netze voll zu kriegen. In Handumon ist es schon ein großer Erfolg, dass viele Fischer darauf verzichten, trächtige Seepferdchen einzusammeln.

Dabei handelt es sich übrigens um Männchen. Seepferdchen sind die einzigen Tiere der Welt mit so einem kuriosen Rollentausch. An den dicken Bäuchen, in denen sich bis zu 200 Jungtiere tummeln, sind die werdenden Väter leicht zu erkennen. Auch der Fischer Cesar Socias verschont sie, nachdem er so ein Umweltseminar besucht hat. Früher hat weder er noch irgendeiner seiner Kollegen darüber nachgedacht, dass der Raubbau mit dieser relativ einfachen Methode zumindest begrenzt wird. Der Erfolg spricht für sich. In den vergangenen Jahren haben sich die Seepferdchen-Bestände vor Handumon immerhin stabilisiert. Bis sie sich wirklich erholen, wird es noch Jahre dauern.

Die Ideen des Projektes verbreiten sich in der Region. Mehrere Dörfer haben Meeresschutzgebiete nach dem Vorbild von Handumon eingerichtet. Die Bewohner der Nachbardörfer konnten sich mit eigenen Augen überzeugen, was so ein Reservat bringt. Beim Schnorcheln vor Handumon, erzählt Marivic, staunten sie vor allem über die großen Fische im Schutzgebiet. „Wie habt ihr das geschafft?“, fragten sie. Marivic ist überzeugt, dass „Wissenstransfer am besten von Dorf zu Dorf funktioniert“. In ein paar Jahren, so hofft sie, kann Handumon seine Meeresressourcen ohne Hilfe von außen managen.

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