Gesundheit : Exzellentes Mittelmaß

Die Siegerunis waren im Elitewettbewerb nicht so überlegen, wie behauptet wird. Die Sitzungsunterlagen werfen Fragen auf

Anja Kühne,Tilmann Warnecke

„Wenn der Süden besser ist, dann ist er es“, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel klargestellt. Die Universitäten in München und Karlsruhe hätten die Entscheidung verdient. Damit wollte Merkel die Wogen nach dem Eklat um die Endausscheidung im Exzellenzwettbewerb der Universitäten glätten. Am Freitag in der Schlussabstimmung waren die Politiker empört aus dem Bewilligungsausschuss ausgezogen, nachdem ihnen die Wissenschaftler überraschend eine Mitsprache in Zweifelsfällen verweigert hatten. Stattdessen war den Wissenschaftsministern der Länder und Bundesbildungsministerin Schavan das fertige Ergebnis präsentiert worden. Um den Schaden zu begrenzen, stimmten die Politiker zwar zu. Aus Protest verhängten sie aber über zehn Prozent der Projektmittel eine Sperre.

Mehrere Wissenschaftsminister empörten sich im Anschluss darüber, Projekte ihres Landes seien durch das Vorgehen der Wissenschaftler benachteiligt worden, das Verfahren sei „intransparent“ und „unseriös“. Die drei Siegerunis hätten diesen „Merkwürdigkeiten“ teilweise ihren Elitestatus zu verdanken. Dietrich Austermann etwa, Wissenschaftsminister in Schleswig-Holstein, kritisierte, „eingespielte Netzwerke und Seilschaften in der DFG“ hätten dafür gesorgt, dass nicht nur nach Exzellenzkriterien entschieden worden sei.

Das brachte Austermann und anderen verärgerten Wissenschaftsministern den Vorwurf ein, schlechte Verlierer zu sein. In der Öffentlichkeit herrschte überwiegend Zufriedenheit darüber, dass die Wissenschaftler politische Einmischung verhindert hätten, dass also nach reinen Leistungskriterien entschieden worden sei.

Ging es tatsächlich nur nach der Qualität der Anträge? Zweifel sind angebracht. Die Sitzungsunterlagen, die dem Tagesspiegel vorliegen, zeigen, dass keine der später gekürten drei Elite-Universitäten auf einer sicheren Basis stand, als sich die Entscheidungskommissionen in der vergangenen Woche zusammensetzten.

Den Spielregeln des Wettbewerbs nach kann eine Hochschule den Elitestatus nur dann bekommen, wenn sie mindestens ein Forschungscluster und eine Graduiertenschule gewinnt. Deshalb war die TU München eine Wackelkandidatin. Sie hatte zunächst kein Forschungscluster und keine Graduiertenschule, die nach Auffassung der Kommission eindeutig mit „Ja“ bewertet, also im grünen Bereich gesehen wurden. Nur eine Graduiertenschule der TU München war überhaupt in den gelben Bereich vorgestoßen und lag dort auf einem mittelmäßigen Platz.

Über diese Graduiertenschule kam es nach Informationen des Tagesspiegels unter den Wissenschaftlern zum Streit. Die Mehrheit der Kommissionsmitglieder war der Auffassung, die Graduiertenschule solle in den grünen Bereich geschoben werden, um der TU den Elitestatus zu sichern. Gegen dieses „hochhieven“ wehrten sich dem Vernehmen nach drei Professoren – unterlagen aber. Die Meinung setzte sich durch, dass die TU München ihrer gesamten Leistung nach förderungswürdig sei.

Ist es nicht richtig, den Elitestatus einer der stärksten deutschen Universitäten nicht von ihrer Tagesform und einer Graduiertenschule abhängig zu machen? Ernst-Ludwig Winnacker, DFG-Chef und Vorsitzender des Bewilligungsausschusses im Elite-Wettbewerb hat erst gestern erklärt, zukünftige Elite-Unis stünden nicht auf wackligen Beinen: „Wenn eine Universität zu den besten zählt, dann passiert ihr so etwas nicht. Eine exzellente Universität muss in der Lage sein, exzellente Anträge in allen drei Linien des Wettbewerbs zu stellen.“ Das traf auf die TU München offenbar nicht zu.

Auch Karlsruhe musste bangen. Während ihre Graduiertenschule ohne Wenn und Aber als förderungswürdig eingestuft wurde, wackelte ihr Cluster – der Liste nach lag es tief im gelben Bereich der strittigen Fälle. Trotzdem wurde es zum Schluss auf Grün gestellt, die Uni zur Elite-Uni.

Die LMU München hingegen stand als einzige später zur Elite-Uni gewählten Hochschule auf sicheren Beinen, einem unstrittig mit „Ja“ bewerteten Cluster und einer gleichfalls auf Grün gesetzten Graduiertenschule. Einen glanzvollen Durchmarsch hatte sie jedoch nicht. Die Gutachter des Zukunftskonzepts, mit dem die Uni sich um den Elitestatus bewarb, zeichnen ein ambivalentes Bild. Zwar zähle die LMU bereits zu den führenden europäischen Unis. Jedoch sei ihre Schwächen-Analyse „nur allgemein“ gehalten. Vor allem kritisieren sie mehrfach Unklarheiten des Konzepts: Bei der geplanten „School of Science“ wie beim Tenure Track, den Gastprofessoren oder beim „Centre for Advanced Studies“.

Auch herrsche zwischen den Fakultäten und der Unileitung zwar Vertrauen. Doch spiele die Leitung „gegenwärtig eine eher reaktive Rolle, ihr Beitrag zur strategischen Ausrichtung der Universität ist noch nicht deutlich geworden“, heißt es in dem Bericht, der auf einer Begehung im Sommer fußt. Auch hätte die Uni „das Verhältnis zwischen der fachlichen Schwerpunktbildung und dem strukturell ausgerichteten Zukunftskonzept klarer herausarbeiten können“, formulieren die Gutachter. Sie kommen zwar zu dem Schluss, angesichts „der bereits sehr guten Leistungen“ werde die Universität mit dem Zukunftskonzept „langfristige, zuverlässige“ Fortschritte erzielen und ihre internationale Position weiter ausbauen. Aber: „Es führt wahrscheinlich nicht zu dem substanziellen Sprung, der notwendig wäre, um das selbst gesetzte Ziel zu erreichen, innerhalb von fünf Jahren in die Gruppe der 25 weltweit besten Universitäten vorzustoßen.“ Trotz des gemischten Eindrucks wurde die LMU zu einer von drei Elite-Unis.

Der Sieg dieser drei Hochschulen war keineswegs einer mit wehenden Fahnen. Auch bei den vielen Clustern, die gerade die Unis in München holten, ist die Überlegenheit nicht so deutlich gewesen, wie nun behauptet wird. Vier ihrer schließlich erfolgreichen Cluster gehörten vor der Schlussrunde zu den bundesweit 15 strittigen Clustern (siehe Grafik). Über diese Streitfälle hätten die Wissenschaftler mit den Politikern diskutieren sollen, doch sie entschieden sich allein: Alle vier Cluster aus München wurden schließlich auf „Grün“ gestellt. Ein weiteres umstrittenes Cluster, das schließlich bewilligt wurde, stammt von der Uni Karlsruhe, die ebenfalls Eliteuni wurde.

Fünf der acht heraufgesetzten Vorhaben bekommt also Süddeutschland. Sonst kommen nur Hessen und das letzte Cluster, das Ostdeutschland noch im Rennen hatte, zum Zuge. Heruntergestuft werden dagegen vornehmlich Projekte aus dem Norden, darunter auch das Chemie-Cluster der Technischen Universität Berlin, auf das viele Hoffnungen der Wissenschaftler in der Hauptstadt ruhten.

Wurde womöglich nach regionalpolitischen Aspekten entschieden? Prominenten Kommissionsmitgliedern „wie dem Nobelpreisträger Ketterle und der Forschungsleiterin von Google“ könne man „so eine Kleinstaaterei“ nicht ernsthaft unterstellen wollen, hat Winnacker klar- gestellt. Allerdings werden sich die leer ausgegangenen Wissenschaftler nun fragen, warum ihre zum Teil sogar besser vorbenoteten Anträge schließlich nicht erfolgreich waren.

Im Sommer hatten Gutachter – Experten in den jeweiligen Disziplinen – die Vorhaben einen Tag lang intensiv untersucht, Noten dafür abgegeben und diese an die Entscheidungskommission weitergeleitet. Stellt man eine Rangliste der strittigen Cluster nach diesen Vornoten auf, bekamen keinesfalls die acht besten das grüne Licht. Im Gegenteil: Die Cluster auf Platz eins, drei und sieben in dieser Gruppe umstrittener Fälle scheiden aus, es handelt sich um Vorhaben der Uni Kiel, der im Rennen um den Elitestatus chancenlosen Uni Tübingen und der TU Berlin. Diese drei Cluster haben von den Gutachtern teilweise sogar erheblich bessere Bewertungen erhalten als die letztendlich geförderten Vorhaben. „Es waren nicht mehr gute Anträge da“, verteidigte Winnacker jedoch die Auswahl. Auch müsse die Forschung erst noch lernen, dass es in einem Wettbewerb immer Gewinner und Verlierer gebe.

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