Gesundheit : Exzellenz ohne Legitimität

Machtkartelle und Oligarchien siegen über Leistung: Wie im Elitewettbewerb entschieden wurde

Richard Münch

Eine international wettbewerbsfähige Gesellschaft bedarf der Förderung von Exzellenz. Darauf zielt die „Exzellenzinitiative“ zur Förderung von Wissenschaft und Forschung an den deutschen Hochschulen ab. Die Hochschulen wurden eingeladen, sich um die Finanzierung von Graduiertenschulen, Exzellenzclustern und Zukunftskonzepten einer Spitzenuniversität zu bewerben. Das hat für viel Bewegung an den Hochschulen gesorgt.

Nach der Entscheidung in der ersten Runde ist die Exzellenzinitiative allerdings in die Kritik geraten. Den wenigen Gewinnern stehen viele frustrierte Verlierer gegenüber, die viel Zeit und Energie in gescheiterte Anträge gesteckt haben und vergeblich nach rationalen Gründen suchen, die ihnen erklären, warum sie nicht zum Zuge gekommen sind. Erstaunen und Irritation ruft hervor, dass eine ganze Reihe von Anträgen nicht gefördert wurde, die nach dem kritischen Urteil der Gutachter vor der entscheidenden Sitzung des Bewilligungsausschusses besser als die später siegreichen Anträge waren oder gleichauf mit ihnen rangierten. Erstaunen ruft auch hervor, dass die drei mit Elitestatus ausgezeichneten Universitäten keineswegs als unumstrittene Sieger durchs Ziel gingen, wie es in den Verlautbarungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Wissenschaftsrates heißt.

Unterzieht man die Verteilung der Forschungsmittel auf die Hochschulen einer statistischen Analyse, dann stößt man auf erstaunliche Zusammenhänge. Nicht der offene Wettbewerb und Leistungsdifferenzen sind die maßgeblichen erklärenden Faktoren, sondern Machtkartelle, Monopolstrukturen und Oligarchien. Sie sorgen für ein eklatantes Missverhältnis zwischen der Konzentration von Forschungsgeldern auf wenige Standorte im Zentrum des akademischen Feldes und der ganz anders verteilten Produktivität in der Einwerbung von Drittmitteln und im Output an Publikationen pro eingesetztem Personal.

Nach DFG-Statistik vereinnahmen nur 17 von etwa 100 Universitäten die Hälfte aller DFG-Bewilligungen zur Forschungsförderung. Das aktuelle Forschungs-Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung(CHE) ermittelt eine Spitzengruppe von acht „forschungsstarken Universitäten“. Daraus wird geschlossen, dass sich in der Tat schon einige „Spitzenuniversitäten“ von der Masse der „höheren Lehranstalten“ abgesetzt hätten.

Unterzieht man diese These einer genaueren Prüfung, dann zeigt sich jedoch, dass sie sich ausschließlich auf das absolute Drittmittelaufkommen der Standorte und auf Faktoren wie Traditionsstatus, Größe, Dominanz von Natur-, Bio- und Ingenieurwissenschaften sowie Medizin und Mitgliedschaften in Akademien und DFG-Ausschüssen stützt.

Ein Blick auf die Einwerbung von Forschungsgeldern pro Professor und erst recht pro Wissenschaftler vermittelt jedoch ein anderes Bild. Die Differenzen zwischen den Standorten schrumpfen deutlich zusammen. Einige Standorte fallen von der Spitze ins Mittelfeld zurück. So findet sich beispielsweise die mit „Elitestatus“ versehene LMU München bei den DFG-Bewilligungen pro Wissenschaftler 2003 auf Rang 32 und 2006 auf Rang 26 unter 80 einbezogenen Hochschulen. Gut 10 dahinter liegende Hochschulen kommen auf ähnliche Werte. Es fällt auf, dass mittlere und kleinere Hochschulen größere Effizienz in der Nutzung ihrer Personalkapazität erreichen als Großstandorte.

Der harte Prüfstein, ob die Konzentration von Forschungsgeldern auf wenige auserwählte Hochschulen die Forschungsleistungen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland steigert, ist der Publikationsoutput. Nur wissenschaftliche Publikationen beweisen die Effizienz der Investition von Forschungsmitteln. Das lässt sich anhand von Daten des CHE-Forschungs-Rankings überprüfen.

Legen wir diese Daten zugrunde, dann ist zu sehen, dass die absoluten Publikationswerte mit der Summe der eingeworbenen Drittmittel steigen, allerdings nur in einem eng begrenzten Maße. Nur sehr schwach, in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fächer überhaupt nicht, ist ein Zusammenhang zwischen dem absoluten beziehungsweise relativen Drittmittelinput und den relativen Publikationswerten pro Professor zu erkennen.

Wir können also die große Ungleichheit der Verteilung von Forschungsgeldern nicht durch Leistungsdifferenzen – beziehungsweise „Exzellenz“ – erklären. Wäre „Exzellenz“ der erklärende Faktor für die hohe Konzentration der Gelder auf wenige Standorte, dann müsste sich eine Konzentration auf dieselben Hochschulen auch bei den Werten für die Einwerbung von Forschungsgeldern und für die Publikationen relativ pro eingesetztem wissenschaftlichem Personal zeigen.

Als alternative Erklärung drängt sich eine auf wenige Standorte konzentrierte Machtverteilung im akademischen Feld auf. Demnach ist hier weniger von einem Kompetenzfeld als von einem Machtfeld zu sprechen, in dem eine kleine Gruppe von Hochschulen trotz nur durchschnittlicher Forschungsproduktivität den größten Teil der Forschungsmittel der DFG an sich zieht.

Als Machtbasis dieser Gruppe ist ihre überproportionale Vertretung in den DFG-Ausschüssen zu identifizieren. Mit 59 Mitgliedern haben im Jahr 1998 nur zehn Hochschulen zusammen mit der Max-Planck-Gesellschaft mehr als die Hälfte der 110 wissenschaftlichen Mitglieder von Präsidium, Senat, Bewilligungsausschüssen für Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs und dem Auswahlausschuss für den Heinz-Maier- Leibniz-Preis in der DFG gestellt. Im Jahr 2005 hat dieselbe Gruppe mit 329 Mitgliedern ebenfalls mehr als die Hälfte der Sitze in den entscheidenden Ausschüssen besetzt. Sie sind auch im Bewilligungsausschuss für die Exzellenzinitiative überproportional vertreten.

Diese hohe Konzentration von Ausschussmitgliedschaften wirkt wie ein latentes Machtkartell, das die Forschungsmittel ohne direkte Absprache zwangsläufig auf die Mitglieder des Kartells konzentriert. Die Kartellmitglieder teilen ein Klubgut, das ihnen umso größeren Nutzen bringt, je kleiner der Kreis der Nutznießer gehalten wird. Die Mitglieder von Bewilligungsausschüssen handeln nicht in einem wissenschaftspolitischen Vakuum, sondern in einem wissenschaftlichen Machtfeld, in dem die Vertretung von Hochschulen im Zentrum der Macht von entscheidender Bedeutung ist. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass unter den umstrittenen Anträgen im Exzellenzwettbewerb vor allem diejenigen eine Hochstufung erfuhren, die von den später gekürten „Elite“-Universitäten eingereicht worden waren.

An dieser Sachlage wird sich auch in der zweiten Runde des Exzellenzwettbewerbs nichts ändern. Wenn dann jetzt gescheiterte Kandidaten aus dem Kartell der Mächtigen doch noch den Elitestatus erlangen, werden sich alle fragen, warum es dazu eines zweiten Anlaufs bedurfte. Das Verfahren offenbart hier einen Mangel an Legitimität. Es führt dazu, dass im Vergleich ungerechtfertigte Belohnungen verteilt werden und sich alle Spitzenforscher in den marginalisierten Disziplinen und an degradierten Fachbereichen und Standorten um den Lohn ihrer Arbeit betrogen sehen. Inzwischen herrscht keine „Aufbruchstimmung“ mehr, sondern blanker Zorn.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg und Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs „Märkte und Sozialräume in Europa“. Er hat eine empirische Untersuchung über das System der Forschungsförderung in Deutschland durchgeführt, deren Ergebnisse im Mai 2007 unter dem Titel „Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz“ in der edition suhrkamp publiziert werden. Ein ausführlicher Aufsatz zum Thema erscheint in Heft 4, 2006 (Dezember), der Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Leviathan.

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