Gesundheit : Fachzeitschriften: Ideen fürs Archiv

Jörg Plath

"Zitieren Sie mich nicht", bat der Leiter eines großen Wissenschaftsverlags, nachdem ihm eine drastische Verwünschung entfahren war. In der Gelehrtenrepublik liegen die Nerven blank, der gemeinhin kollegiale Umgangston ist rau geworden. Seit eine öffentliche Boykottdrohung kursiert, steht die seit Jahrhunderten eingespielte Praxis wissenschaftlicher Publizität vor grundlegenden Veränderungen.

Mehr als 15 000 Biowissenschaftler und Mediziner aus 136 Ländern haben einen Offenen Brief unterschrieben, in dem sie ihre Zeitschriften-Verleger auffordern, Artikel sechs Monate nach deren Veröffentlichung kostenlos einer Online-Bibliothek zur Verfügung zu stellen. "Wir erkennen an", heißt es in dem Brief, "dass die Verleger unserer wissenschaftlichen Zeitschriften ein legitimes Recht auf angemessene Bezahlung für ihre Rolle in der wissenschaftlichen Kommunikation haben." Doch die dauerhafte Archivierung wissenschaftlicher Forschung und Ideen solle nicht von Verlegern betrieben oder kontrolliert werden, sondern von der Öffentlichkeit.

Die Unterzeichner verleihen ihrer Forderung Nachdruck, indem sie androhen, mit Zeitschriften, die dem Appell nicht nachkommen, von September an nicht mehr zusammenzuarbeiten. Unter den etwa 400 deutschen Unterzeichnern findet sich zwar auch ein "Major, Tanzkorps, Rote Funken". Ansonsten aber sind neben Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern auch Universitätsprofessoren und Direktoren diverser Max-Planck-Institute vertreten. Die Boykottdrohung ist ernst zu nehmen.

Sie entspringt zunächst massivem Ärger. Denn die Informationsbeschaffung ist für Wissenschaftler in den letzten Jahren zunehmend teuer und zeitaufwändig geworden. Selbst relativ gut ausgestattete Bibliotheken wie die des Heidelberger Universitätsinstituts für Molekulare Biologie können nicht alle wichtigen Zeitschriften erwerben, wie dessen Direktor Konrad Beyreuther erklärt. Deren Zahl und Preis sind kontinuierlich gestiegen, Abbestellungen und Erhöhungen des Zeitschriftenpreises folgen in einem Teufelskreis aufeinander. Im Wettbewerb mit anderen Forschungseinrichtungen nehme, so Beyreuther, die Gefahr zu, Kraft, Zeit und Geld an ein bereits erforschtes Thema zu verschwenden.

Konrad Beyreuther ist Unterzeichner des Briefs und Mitherausgeber einiger Zeitschriften. In der gegenwärtigen Regelung, nach der die Verlage zwölf Monate lang das alleinige Verwertungsrecht für die Artikel besitzen, sieht er eine "Schikane". Schließlich erhielten wissenschaftliche Autoren kein Honorar und bewerteten für die Verlage kostenlos die Manuskripte von Kollegen. Die Wissenschaftsverlage dagegen fürchten, dass sie in den vorgeschlagenen sechs Monaten ihre Kosten nicht erwirtschaften können. Nach geltendem Urheberrecht fallen die Verwertungsrechte ohnehin nach einem Jahr an die Autoren zurück.

Genomdaten online abrufbar

Dass die Verlage nicht nur drucken, sondern auswählen, dem Artikel durch das Renommee der Zeitschrift Beachtung sichern, ihn in einen passenden Kontext stellen, für qualifizierte Begutachtung sorgen, Überarbeitungen anregen, schließlich produzieren und verbreiten, gilt den Forschern wenig. Ebenso, dass die Verlage immer wieder das unternehmerische Risiko von Zeitschriftenneugründungen eingehen und Verluste eine Weile ausgleichen. Die Boykottdrohung ist neu, die Forderung nach einer Onlinebibliothek dagegen nicht. Für biomedizinische Veröffentlichungen riefen schon Ende 1998 amerikanische Wissenschaftsmanager aus den National Institutes for Health nach ihr. Vorbild war die täglich aktualisierte GenBank, in der amerikanische, europäische und japanische Daten zur Entzifferung des menschlichen Genoms weltweit abfragbar sind.

Seit Februar 2000 ist PubMed Central im Netz und bietet eine Volltextsuche in 15 biomedizinischen Zeitschriften, die ihren Inhalt mit einer Verzögerung von bis zu zwei Monaten gratis zur Verfügung stellen. Allerdings erscheinen die Zeitschriften zum großen Teil bei BioMed Central, dem kommerziellen Zweig von PubMed Central, und werden von nicht profitorientierten wissenschaftlichen Gesellschaften herausgegeben. Angesehene Verlage sind PubMed Central bisher nicht beigetreten. Entspringt die Boykottdrohung also der Ungeduld?

"Science" hat auf den offenen Brief mit einer Doppelstrategie reagiert: In einem Editorial warnen die Herausgeber vor einer "Regierungsbibliothek", kündigen aber zugleich die Freigabe von Artikeln nach zwölf Monaten an. Nervosität herrscht auch in Europa. Die European Molecular Biology Organisation (EMBO), eine akademieähnliche Vereinigung mit knapp 1000 angesehenen Wissenschaftlern, deren Schwester-Organisation für die GenBank zuständig ist, stoppte die Gespräche über eine Onlinebibliothek mit den Amerikanern, als PubMed Central überraschend ans Netz ging. EMBO missfällt deren Beschränkung auf Biomedizin, die zentrale Struktur und die niedrigen Standards bei der Bewertung von Artikeln. Erleichtert nahmen die Europäer zur Kenntnis, dass PubMed Central nicht, wie anfangs geplant, Manuskripte ohne jede Kontrolle zur Verfügung stellt.

"Wissen ist Geld"

Möglichkeiten und Gefahren einer Datenbank sind offenkundig. EMBO-Direktor Frank Gannon schilderte die europäischen Bedenken gegenüber einem amerikanisches Monopol, das feindlich eingestuften Staaten den Zugang zu Informationen verwehren könnte. Und zu dem Allgemeinplatz "Wissen ist Macht" hat sich seit Craig Venters Firmengründung zur Entzifferung und Verwertung des menschlichen Genoms ein zweiter gesellt: "Wissen ist Geld". Das gilt besonders in den Biowissenschaften.

EMBO verfolgt nun mit Unterstützung der Europäischen Union den Plan einer eigenen Datenbank für alle Biowissenschaften, die eine Volltextsuche in miteinander vernetzten Angeboten ermöglicht und so eher die Multinationalität der globalen Forschungslandschaft abbildet. E-BioSci soll zudem die Urheberrechte der Verlage respektieren, deren Vertreter auch im Vorstand sitzen. Denn anders als in den USA finanzieren sich die kleineren wissenschaftlichen Gesellschaften Europas meist über die Erlöse ihrer Zeitschriften. Vornehmlich geht es E-BioSci daher wohl nicht um den kostenlosen Zugang, sondern um den Zugang überhaupt. Die Datenbank sollte schon Ende des letzten Jahres mit bibliografischem Service und Abstracts im Netz sein, nun wird das Ende dieses Jahres avisiert.

Es ist trotz der harschen Boykottdrohung nicht zu übersehen, dass man mit dem Offenen Brief auf die Verleger zugehen möchte. Ihr Anspruch auf Vergütung wird durch die Sechsmonatsfrist anerkannt. Offenbar sollen Kompetenzen und Apparate der Verlage genutzt werden. Die bisherigen Kommunikationswege würden von der Onlinebibliothek lediglich ergänzt. Das kommt den europäischen Vorstellungen sehr nahe. Bleibt die leidige Kostenfrage: Wie werden die Verlage für die verkürzte Verwertungsdauer entschädigt? Wie finanzieren sich in Zukunft wissenschaftliche Gesellschaften? Und: Wer betreibt die Onlinebibliothek?

Sollte sich eine noch zu findende Lösung bewähren, werden andere Wissenschaften folgen. Der Mannheimer Germanist Gerhard Strickel, Herausgeber der Zeitschrift "Deutsche Sprache", hat von dem Boykottaufruf gehört. Aber bei den Philologen seien solche Bestrebungen vorerst undenkbar. "Wir erfinden nichts ökonomisch Wertvolles", sagt er. "Wir sind weitgehend auf den deutschen Sprachraum beschränkt, und unsere Erkenntnisse haben Zeit."

Die Hoffnung auf neue Übersichtlichkeit ist übrigens eine vertraute Erscheinung der Moderne. Bisher trog sie. Und es werden wohl niemals alle Zeitschriften mit einer Suchmaske zu erschließen und kostenlos zugänglich sein. Spezialisierte Neugründungen sind Zuschussobjekte, angesehene Organe wahren ihr Prestige auch durch Exklusivität im Vertrieb. Wer als Gelehrter in immer entlegenere Grenzgebiete des Wissens vordringt, wird sich über Informationszersplitterung kaum wundern. Der offene Brief ist vor allem als Fanal eines Verteilungskampfes zu verstehen. Das Distributionsmedium Internet erschüttert das Gleichgewicht von sorgsam austarierten Interessen. Es stärkt die Position der Autoren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar