Gesundheit : Fächer im Internet: Die Germanistik

Christine Hofmann

Da liegt er nun, der Goethe, genau dort, wo wir ihn in unserer Zeit erwarten: nicht im sonnigen Italien, sondern am Kopf der Seite "Germanistik im Internet" der Universität Erlangen-Nürnberg. Lässig stützt er den Arm auf den Computer und blickt in die Weiten des Bildschirms. Statt der Ikone hätte man hier auch ein Zitat des großen Meisters anfügen können: "Die guten Leute wissen gar nicht, was es für Zeit und Mühe kostet, das Lesen zu lernen und von dem Gelesenen Nutzen zu haben; ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht." (Goethe zu Frédéric Soret am 25. Januar 1830).

Michael Mecklenburg, wissenschaftlicher Assistent für Ältere deutsche Literatur und Sprache an der Freien Universität Berlin, hat selbst schon einen Kurs zur Internet-Recherche angeboten. Seiner Erfahrung nach haben Studenten der Germanistik noch immer Probleme mit einfachsten Computeranwendungen. Ihnen fehle ein Mindestmaß an technischem Verständnis. Ähnliche Überlegungen haben wohl auch Hartmut Schönherr und Paul Tiedemann, die Verfasser von "Internet für Germanisten" geleitet. Ein Drittel des Buches besteht aus allgemeinen Bemerkungen zum Internet, zu E-Mail, Computerviren und Dingen, für die sich viele Germanisten primär nicht sonderlich interessieren. Wer sich vom Internet in erster Linie eine Hilfe für zeitökonomische Recherchen im eigenen Fach erhofft, der wird bald einsehen müssen, dass Neue Medien viel Aufmerksamkeit auf ihr Funktionieren lenken und dass so manche denkbare Straße erst noch gebahnt werden muss.

So gibt diese Einführung neben Kommentaren zu einzelnen Seiten auch den Hinweis darauf, dass der Eppelsheimer-Köttelwesch, die traditionelle zentrale Anlaufstelle für bibliographische Recherchen der Germanistik, im Internet noch nicht verfügbar ist.

Tief durchatmen hilft immer

Gleichwohl, das Internetangebot für Germanisten ist groß. Doch die Qualität schwankt. Für den Anfang genügt es, sich die Erlanger Liste ( www.phil.uni-erlangen.de/en/germref.html ) oder die Internet Resources for Germanists ( http://polyglot.lss.wisc.edu/german/irfg/ ) anzusehen. Tief durchatmen und nochmals genau überlegen, was man genau wissen wollte. Wer gerade ein Seminar zu den Romanen von Thomas Mann besucht, findet den Anschluss immer noch am schnellsten durch die Lektüre der gedruckten Ausgaben. Auch wer sich Lesearbeit sparen will, bleibt auf das Buch angewiesen: Kindlers Literaturlexikon gibt es zwar als CD-ROM, aber nicht online ( www.kindlers.de ).

Alan Ng, der das internationale Forum "Internet Resources for Germanists" ( www.germanistik.de ) pflegt, behauptete vor nicht allzu langer Zeit, das Leben der Germanisten spiele sich im Großen und Ganzen noch ohne Internet ab, denn "das Internet ist ein neues, der globalen Marktwirtschaft gerecht werdendes Kommunikationsmedium. Demgegenüber stellt sich die Germanistik als traditionsreiches, aber im ökonomischen Sinne unproduktives Wissenschaftsgebiet dar." (Zwischen Elfenbeinturm und Markt. In: Germanistik im Internet).

Sein Eindruck trügt: Viele Germanisten sind fleißige Nutzer, Netz-Literatur ist ein neuer und aufregender Gegenstand für literaturwissenschaftliche Untersuchungen geworden. Fachtagungen in der Germanistik werden schon lange mit Hilfe von E-Mails organisiert, Universitätsinstitute und Organisationen verzichten kaum noch auf eine eigene Vorstellung im Netz, und vor allem jüngere Forscher kommunizieren inzwischen mit ihren Kollegen und Kolleginnen über Newsgroups und Mailinglisten.

Dann stimmt das Bild von dem klassischen Bildungsleser, der sich aus elitärer Attitüde nicht mit dem zeitgenössischen Informationsjunkie an den gleichen Tropf hängen will und als Teilhaber "unproduktiver Wissenschaftsgebiete" auf die Marktgesetze pfeifen kann, eben doch nicht.

Viel wichtiger ist, was FU-Dozent Michael Mecklenburg über den eigentlichen Schwerpunkt des germanistischen Interesses bemerkt: "Der Primärtext muss und soll immer im Zentrum stehen." Und genau in diesem Bereich tun sich für die Germanistik ganz neue Möglichkeiten auf. So pflegt etwa Klaus Graf, Dozent an der Universtiät Freiburg, eine Seite zur Handschriftenforschung im Netz ( www.uni-koblenz.de/ur ). Da immer nur wenigen Forschern eine Ansicht der Originale erlaubt werden kann, setzt man natürlich berechtigte Hoffnungen in die Möglichkeiten einer Digitalisierung. Was diesbezüglich in Anfängen derzeit existiert, kann man bei einem virtuellen Spaziergang zu den wohl gehüteten Schätzen der Staatsbibliothek zu Berlin erkunden: ( www.fotomr.uni-marburg.de/hs/hs-online.htm ).

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