Gesundheit : Fächer im Internet: Die Informatik - Schön bunt, aber leer

Christoph Rasch

Ohne "Aga-Aga" hätte Frank Probleme gehabt. Der 34jährige studierte Informatik an der Technischen Universität Berlin ( www.cs.tu-berlin.de ). Dass dort die Einführungsveranstaltung für Erstsemester mit Babysprache umschrieben ist, ist keine böse Absicht. Scheint sie doch nötig, um die Internetangebote des Fachbereichs und des angeschlossenen Rechenzentrums überhaupt nutzen zu können. "Ohne die Einführung kommt man als Anfänger mit der Unix-Oberfläche nicht auf Anhieb klar", sagt Frank.

Aber wo, wenn nicht bei den Rechenfreaks, sollen sich die effizientesten Angebote und die klarsten Website-Strukturen finden? Die Praxis trägt dem Klischee nicht unbedingt Rechnung. Die Internet-Auftritte deutscher Informatik-Fachbereiche sind, wie es scheint, nicht nur von kühler Logik, geprägt - sondern von den gleichen Defiziten, die auch andere Uni-Disziplinen mit ihrem Web-Angebot haben.

Handwerkszeug mit Campus-Lizenz

In den Auftritten der Informatiker finden sich die - häufig uni-intern standardisierten - Vorlesungsverzeichnisse, Prüfungs- und Studienordnungen sowie reichlich konventionelle Selbstdarstellungen und hin und wieder Verweise auf Praktika oder auf verwandte Fachseiten. Auch das Handwerkszeug bekommen die Informatiker weitgehend übers Netz. Benötigte Software, wie etwa Compiler für die Programmiersprachen C und C+, werden von der Uni mit einer so genannten Campus-Lizenz eingekauft. Wer ein entsprechendes Account hat, kann sich die Programme aus dem Netz herunterladen. Daneben finden sich Pools mit frei verfügbarer Public-Domain-Software. Das war es dann aber oft auch schon. Die Bereitstellung von vollständigen Vorlesungs- oder Seminarinhalten - etwa als für jeden Nutzer lesbare PDF-Datei - ist hingegen auf deutschen Informatik-Servern noch immer nicht gang und gäbe.

Den Service halten die Fachbereiche oft bewusst in Grenzen. Denn auch in der Informatik sollen die Internetangebote den klassischen Unibetrieb nicht ersetzen. "Wir wollen keine virtuelle Hochschule werden", sagt etwa Elfriede Fehr, Dekanin am Fachbereich Informatik der Freien Universität Berlin. "Das Web-Angebot soll ausgewogen sein, sein Inhalt eine überschaubare Quantität nicht überschreiten. Auf weiterführende Inhalte verweist man besser mit Links."

Forschung und Lehre würden nur um zusätzliche technische Möglichkeiten ergänzt, wie etwa seit neuestem der Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften oder die Studienberatung per E-mail. "In wichtigen Fragen müssen die Studenten trotzdem noch selbst in die Sprechstunde kommen", so Fehr. Dennoch experimentiert auch der FU-Fachbereich, der bereits vor 10 Jahren ans Netz ging, mit multimedialen Angeboten, etwa der Video-Übertragung von Unterricht.

Fehr hält die Internetauftritte der Informatiker nicht für "per se effizienter und durchdachter als die anderer Fachbereiche". Schließlich seien die Metasprachen zur Programmierung der Webseiten nur ein kleiner Ausschnitt der Ausbildungsinhalte. Und Lutz Zegartowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Informatik der Universität Bremen, sieht sogar den Trend, dass speziell die Informatiker auf ihren Websites "zunehmend Design-Elementen, Grafiken und Animationen verfallen". Die Inhalte kämen dabei zu kurz. Für den Bremer Informatiker keine gute Entwicklung, "immerhin sollen unsere Studenten später auch Internetlösungen für die Wirtschaft anbieten können. Die Vorliebe für bunte Bilder reicht da nicht." Kein gutes Aushängeschild also? Vielfach stammen die Fachbereichs-Seiten nicht einmal von den an der Uni eingeschriebenen Informatikern. Auch das Web-Angebot der Bremer Informatiker ist nicht am Fachbereich entstanden, sondern von einer externen Firma programmiert worden.

An der - etwa im Vergleich zu den Geisteswissenschaftlern - herrschenden Inhaltsleere auf deutschen Informatik-Servern ändern diese Trends nichts. Die wirklich relevanten Informationen würden ihm auf den Websites der Unis "nur sehr marginal geboten", sagt Zegartowski.

Grafik statt Text

Die Lust an der schicken Oberfläche hat also auch die Welt der vermeintlichen Logik-Puristen erobert. Doch ein Blick in die deutsche Informatikserver-Landschaft zeigt: der Blick für das Wesentliche wird dadurch nicht zwingend versperrt, wer sucht, der findet mitunter auch. So kommen viele Grafik-Elemente noch immer vorwiegend zur Darstellung abstrakter Themen zum Einsatz. An der Uni Karlsruhe (www. ira.uka.de) veranschaulicht etwa eine Sonderforschungsgruppe von Informatikern die "Fusion medialer Bilddaten" mit 3D-Grafiken, verzichtet aber weitgehend auf Text. Ebenso puristisch wie funktional ist das Web-Angebot der Fernuni Hagen aufgebaut (www.informatik.fernuni-hagen.de). Hier wird fast ganz auf grafisches Beiwerk verzichtet und dafür Wert auf schnelle Übertragung und Navigation gelegt. Sehr informativ präsentieren sich die Leipziger Informatiker (www.uni-leipzig.de). Auf einem eigens eingerichteten "Lern-Server" sind nicht nur die Lehrveranstaltungen der vergangenen Jahre aufgelistet, sondern auch die dazugehörigen Volltext-Skripte, Materialien und Übungsaufgaben, die man am Computer bearbeiten kann.

Doch wirklich revolutionär gute Auftritte scheint man hierzulande mit der Lupe suchen zu müssen, und so blicken viele Informatiker sehnsuchtsvoll in die USA - oder klicken sich einfach auf die Web-Auftritte des Massachusetts Institute of Technology (web.mit.edu) oder der Stanford University (cs.stanford.edu). Die gelten hierzulande als Vorbilder was ihre Inhaltsfülle angeht. Vor allem die Arbeit von Projektgruppen wird hier ausführlich dargestellt und eine Vielzahl von Querverweisen aufgelistet.

Einige Unis experimentieren mit alternativen Modellen, so etwa die TU München (www.informatik.tu-muenchen.de), die ihr Internet-Angebot jüngst aktualisierte. Dort arbeitet man bereits mit einer Alternative zu den herkömmlichen Linksammlungen: eine zentrale, "generative" Datenbank ist hier entstanden - die "Drehscheibe". "Deren Inhalte werden von den jeweils Verantwortlichen dezentral bearbeitet und ständig übers Internet aktualisiert", berichtet Professor Johann Schlichter. So entsteht in München ein vielfältiges Wissens-Forum, das sich nach außen hin mit einheitlicher Abfragemaske präsentiert. Zudem bietet die Drehscheibe einen Newsletter-Service, den der User nach seinen eigenen Wünschen konfigurieren kann. Die eingeschriebenen Studenten werden also gut bedient: an der TU können sie via Internet erledigte Aufgaben direkt in ein Gesamtverzeichnis schicken, auf das ihr Tutor direkten Zugriff hat - wesentlich praktischer als die Kommunikation per E-mail.

Doch wollen die Münchner mit ihrem Konzept neue Zielgruppen bedienen - vor allem ehemalige Studenten. "Heute lernt man sein Leben lang. Und gerade Informatiker müssen ihr Wissen ständig aktualisieren, weil sich die Technik rasend schnell ändert", sagt Schlichter. "Der gute Draht zur Uni ist für ausgebildete Informatiker besonders relevant."

Weitere Startpunkte für Informatiker ins Netz

Überblick über Uni-Informatik: www.ft-informatik.de.

Basiswissen und Berufspraxis: www.giev.de.



Bereits erschienen: Philosophie am 19. August, Medizin 29. August.

Ohne "Aga-Aga" hätte Frank Probleme gehabt. Der 34jährige studierte Informatik an der Technischen Universität Berlin (www.cs.tu-berlin.de). Dass dort die Einführungsveranstaltung für Erstsemester mit Babysprache umschrieben ist, ist keine böse Absicht. Scheint sie doch nötig, um die Internetangebote des Fachbereichs und des angeschlossenen Rechenzentrums überhaupt nutzen zu können. "Ohne die Einführung kommt man als Anfänger mit der Unix-Oberfläche nicht auf Anhieb klar", sagt Frank.

Aber wo, wenn nicht bei den Rechenfreaks, sollen sich die effizientesten Angebote und die klarsten Website-Strukturen finden? Die Praxis trägt dem Klischee nicht unbedingt Rechnung. Die Internet-Auftritte deutscher Informatik-Fachbereiche sind, wie es scheint, nicht nur von kühler Logik, geprägt - sondern von den gleichen Defiziten, die auch andere Uni-Disziplinen mit ihrem Web-Angebot haben.

Handwerkszeug mit Campus-Lizenz

In den Auftritten der Informatiker finden sich die - häufig uni-intern standardisierten - Vorlesungsverzeichnisse, Prüfungs- und Studienordnungen sowie reichlich konventionelle Selbstdarstellungen und hin und wieder Verweise auf Praktika oder auf verwandte Fachseiten. Auch das Handwerkszeug bekommen die Informatiker weitgehend übers Netz. Benötigte Software, wie etwa Compiler für die Programmiersprachen C und C+, werden von der Uni mit einer so genannten Campus-Lizenz eingekauft. Wer ein entsprechendes Account hat, kann sich die Programme aus dem Netz herunterladen. Daneben finden sich Pools mit frei verfügbarer Public-Domain-Software. Das war es dann aber oft auch schon. Die Bereitstellung von vollständigen Vorlesungs- oder Seminarinhalten - etwa als für jeden Nutzer lesbare PDF-Datei - ist hingegen auf deutschen Informatik-Servern noch immer nicht gang und gäbe.

Den Service halten die Fachbereiche oft bewusst in Grenzen. Denn auch in der Informatik sollen die Internetangebote den klassischen Unibetrieb nicht ersetzen. "Wir wollen keine virtuelle Hochschule werden", sagt etwa Elfriede Fehr, Dekanin am Fachbereich Informatik der Freien Universität Berlin. "Das Web-Angebot soll ausgewogen sein, sein Inhalt eine überschaubare Quantität nicht überschreiten. Auf weiterführende Inhalte verweist man besser mit Links."

Forschung und Lehre würden nur um zusätzliche technische Möglichkeiten ergänzt, wie etwa seit neuestem der Zugang zu elektronischen Fachzeitschriften oder die Studienberatung per E-mail. "In wichtigen Fragen müssen die Studenten trotzdem noch selbst in die Sprechstunde kommen", so Fehr. Dennoch experimentiert auch der FU-Fachbereich, der bereits vor 10 Jahren ans Netz ging, mit multimedialen Angeboten, etwa der Video-Übertragung von Unterricht.

Fehr hält die Internetauftritte der Informatiker nicht für "per se effizienter und durchdachter als die anderer Fachbereiche". Schließlich seien die Metasprachen zur Programmierung der Webseiten nur ein kleiner Ausschnitt der Ausbildungsinhalte. Und Lutz Zegartowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Informatik der Universität Bremen, sieht sogar den Trend, dass speziell die Informatiker auf ihren Websites "zunehmend Design-Elementen, Grafiken und Animationen verfallen". Die Inhalte kämen dabei zu kurz. Für den Bremer Informatiker keine gute Entwicklung, "immerhin sollen unsere Studenten später auch Internetlösungen für die Wirtschaft anbieten können. Die Vorliebe für bunte Bilder reicht da nicht." Kein gutes Aushängeschild also? Vielfach stammen die Fachbereichs-Seiten nicht einmal von den an der Uni eingeschriebenen Informatikern. Auch das Web-Angebot der Bremer Informatiker ist nicht am Fachbereich entstanden, sondern von einer externen Firma programmiert worden.

An der - etwa im Vergleich zu den Geisteswissenschaftlern - herrschenden Inhaltsleere auf deutschen Informatik-Servern ändern diese Trends nichts. Die wirklich relevanten Informationen würden ihm auf den Websites der Unis "nur sehr marginal geboten", sagt Zegartowski.

Grafik statt Text

Die Lust an der schicken Oberfläche hat also auch die Welt der vermeintlichen Logik-Puristen erobert. Doch ein Blick in die deutsche Informatikserver-Landschaft zeigt: der Blick für das Wesentliche wird dadurch nicht zwingend versperrt, wer sucht, der findet mitunter auch. So kommen viele Grafik-Elemente noch immer vorwiegend zur Darstellung abstrakter Themen zum Einsatz. An der Uni Karlsruhe (www. ira.uka.de) veranschaulicht etwa eine Sonderforschungsgruppe von Informatikern die "Fusion medialer Bilddaten" mit 3D-Grafiken, verzichtet aber weitgehend auf Text. Ebenso puristisch wie funktional ist das Web-Angebot der Fernuni Hagen aufgebaut (www.informatik.fernuni-hagen.de). Hier wird fast ganz auf grafisches Beiwerk verzichtet und dafür Wert auf schnelle Übertragung und Navigation gelegt. Sehr informativ präsentieren sich die Leipziger Informatiker (www.uni-leipzig.de). Auf einem eigens eingerichteten "Lern-Server" sind nicht nur die Lehrveranstaltungen der vergangenen Jahre aufgelistet, sondern auch die dazugehörigen Volltext-Skripte, Materialien und Übungsaufgaben, die man am Computer bearbeiten kann.

Doch wirklich revolutionär gute Auftritte scheint man hierzulande mit der Lupe suchen zu müssen, und so blicken viele Informatiker sehnsuchtsvoll in die USA - oder klicken sich einfach auf die Web-Auftritte des Massachusetts Institute of Technology (web.mit.edu) oder der Stanford University (cs.stanford.edu). Die gelten hierzulande als Vorbilder was ihre Inhaltsfülle angeht. Vor allem die Arbeit von Projektgruppen wird hier ausführlich dargestellt und eine Vielzahl von Querverweisen aufgelistet.

Einige Unis experimentieren mit alternativen Modellen, so etwa die TU München (www.informatik.tu-muenchen.de), die ihr Internet-Angebot jüngst aktualisierte. Dort arbeitet man bereits mit einer Alternative zu den herkömmlichen Linksammlungen: eine zentrale, "generative" Datenbank ist hier entstanden - die "Drehscheibe". "Deren Inhalte werden von den jeweils Verantwortlichen dezentral bearbeitet und ständig übers Internet aktualisiert", berichtet Professor Johann Schlichter. So entsteht in München ein vielfältiges Wissens-Forum, das sich nach außen hin mit einheitlicher Abfragemaske präsentiert. Zudem bietet die Drehscheibe einen Newsletter-Service, den der User nach seinen eigenen Wünschen konfigurieren kann. Die eingeschriebenen Studenten werden also gut bedient: an der TU können sie via Internet erledigte Aufgaben direkt in ein Gesamtverzeichnis schicken, auf das ihr Tutor direkten Zugriff hat - wesentlich praktischer als die Kommunikation per E-mail.

Doch wollen die Münchner mit ihrem Konzept neue Zielgruppen bedienen - vor allem ehemalige Studenten. "Heute lernt man sein Leben lang. Und gerade Informatiker müssen ihr Wissen ständig aktualisieren, weil sich die Technik rasend schnell ändert", sagt Schlichter. "Der gute Draht zur Uni ist für ausgebildete Informatiker besonders relevant."

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