Gesundheit : Falsches Vorbild

Schwalben, Notbremsen, versteckte Fouls - der Erfolg heiligt die Mittel. Wie junge Spieler ihren Idolen auch dort nacheifern, wo sie besser eigene Wege gehen sollten

Thomas de Padova

Große Gesten der Fairness? Gunter Pilz fallen sofort Beispiele ein. Etwa die Reaktion des Trainers Frank Haberland vom SV Beckedorf: Als der Coach beobachtet, wie einer seiner Spieler seinen Gegner im Rücken des Schiedsrichters schlägt, macht sich der Trainer nicht zum Komplizen des Täters. Er holt den Spieler, der sonst ungestraft davongekommen wäre, vom Platz und schickt ihn nach Hause. „Er hat keinen Ersatzspieler eingewechselt, sondern sein Team mit einem Mann weniger weiterspielen lassen.“

Pilz kann einige solche Geschichten erzählen. Er gehört zur Jury der Aktion „Fair ist mehr“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und wurde vor sechs Jahren in den Expertenausschuss für Fairplay der Uefa berufen. Aber der 62-jährige Soziologe entwirft an diesem Frühlingsnachmittag ein eher düsteres Bild des Fußballalltags. Nach gehaltener Vorlesung sitzt er in seinem Arbeitszimmer im Sportwissenschaftlichen Institut der Uni Hannover und schildert, wie schon die Kleinsten auf dem Platz zu unfairem Spiel angetrieben und beschimpft würden. Am schärfsten von den eigenen Eltern: „Tritt ihm in die Knochen!“ oder „Bewegungslegastheniker!“ sind Sprüche, die er und seine Studenten am Spielfeldrand aufgenommen haben.

In die Imagewerbung der WM passen die Kommentare nicht. Darin ist der Fußballverein ein Ort, an dem junge Menschen Anstand lernen. „Der Fußball als Mannschaftssport lehrt sie Disziplin, Achtung, Teamgeist und Fairness – auf dem Platz wie im Leben“, hat es Fifa-Präsident Joseph Blatter umschrieben.

Doch um die Fairness ist es schon im Jugendfußball nicht gut bestellt. „Spätestens in der C-Jugend lernen Jugendliche, dass es im Interesse des Erfolgs wichtig und richtig ist, Regeln zu verletzen“, sagt Pilz. Anstatt Fairness zu lernen, werde ihnen in den Vereinen oft das Gegenteil vermittelt. Pilz befasst sich seit Jahrzehnten mit Fairplay und Gewalt im Sport. Er hat Fanprojekte von Hannover 96 mitbegründet, Mitternachtssport für Jugendliche organisiert und ist für die WM 2006 in Beratungsteams aktiv. In Sachen Fairness kann er sich auf die Befragung aller C- und B-Jugendspieler der vier Bezirksligaklassen in Niedersachsen stützen, zusammen mehr als 4500 Fußballspieler im Alter von 12 bis 16 Jahren. „Wir befragen sie jedes Jahr zum Fairplay.“

Eines der Ergebnisse: „Jugendliche, die länger als sechs, und erst recht solche, die länger als neun Jahre im Verein Fußball spielen, sind signifikant häufiger der Meinung, dass man auf dem Platz unbedingt gewinnen muss, notfalls auch mit Fouls.“ Mit Blutgrätschen, Schwalben und was an fiesen Tricks so dazugehört.

Fußball ist ein kampfbetontes Spiel, in dem es darum geht, sich durchzusetzen. Der BGH hat diesen Umstand in einer Schadensersatzklage 1974 auf seine Weise formuliert: „Das dieser Sportart eigene kämpferische Element beim gemeinsamen Kampf um den Ball führt nicht selten zu unvermeidbaren Verletzungen. Mit deren Eintritt rechnet jeder Spieler und geht davon aus, dass auch der andere die Gefahr in Kauf nimmt, daher etwaige Haftungsansprüche nicht erheben will.“

Gleichzeitig muss sich jeder Fußballer jedoch darauf verlassen können, dass allen daran gelegen ist, Verletzungen des Gegenspielers zu vermeiden. Um dies bei zunehmend erfolgsorientierter Spielweise im Sinne eine Kosten-Nutzen-Rechnung halbwegs zu gewährleisten, verhängen die Schiedsrichter inzwischen deftige Strafen für schwere Fouls.

In den „Cambridge-Rules“, den Vorläufern der heutigen Fußballregeln, waren solche Strafen nicht vorgesehen. Für die englische Oberschicht im viktorianischen Zeitalter war der sportliche Wettkampf geprägt von der freiwilligen Unterwerfung unter die Regeln, von Anstand, Aufrichtigkeit und Selbstbeherrschung. Er galt als Schule fürs Leben der damaligen Elite. Diese „ritterliche Einstellung“ habe einer „vulgären Verbissenheit des Siegens um jeden Preis“ Platz gemacht, stellte der französische Soziologe Pierre Bourdieu fest. Die Grenzen des Tolerierbaren haben sich immer weiter verschoben.

Im Profifußball wird heute in entscheidenden Situationen allgemein erwartet, dass der Spieler die „Notbremse“ zieht. Als Michael Ballack im Halbfinalspiel der WM 2002 einen Südkoreaner in aussichtsreicher Position nur noch mit einem üblen Foul stoppen konnte und deshalb fürs Finale gesperrt war, wurde er dafür von Kommentatoren nicht gescholten. Stattdessen hieß es, er habe „Verantwortung übernommen“. Das Foul machte ihn zum tragischen Helden. Dagegen erhielt der Türke Alpay Özalan bei der Europameisterschaft 1996 zwar den Fairplay-Preis der Uefa, weil er den ihm enteilenden kroatischen Stürmer nicht mit einem Foul am Siegtreffer hinderte. In seiner Heimat aber verspottete man ihn als Weichei.

Die Fifa versucht zwar, am Fairplay-Gedanken des Sports festzuhalten, kann sich aber auch mit härteren Strafen nicht durchsetzen. Als sie für den Weltcup 1990 Bußgelder von bis zu 30 000 Schweizer Franken festsetzte, mit denen Spieler bei wiederholtem Foulspiel sanktioniert werden sollten, hätten sich die deutsche Mannschaft und ihr Trainer Franz Beckenbauer quer gestellt, sagt Pilz. „Der DFB musste schließlich die Strafen für die Spieler übernehmen.“

Deutlich hat Paul Breitner Position bezogen, der mit seinem Buch „Ich will kein Vorbild sein“ seinerzeit einiges Aufsehen erregte: „Denn eines ist klar, und das gilt für Schüler genauso wie für Bundesligaprofis: Bevor ich dem Gegner erlaube, ein Tor zu schießen, muss ich ihn mit allen Mitteln daran hindern – und wenn ich das nicht mit fairen Mitteln tun kann, dann muss ich es eben mit einem Foul tun. Lieber einen Freistoß als ein Tor. Wer das nicht zugibt, der lügt sich was vor – oder er ist kein Fußballer.“

Fest steht: Die Profis sind, ob sie wollen oder nicht, Vorbilder für die Heranwachsenden. Und die beeindrucken gerade die üblen Tricks. In der Art und Weise, wie sich die Stars über Moral und Regeln hinwegsetzen, finden Jugendliche einen Schlüssel dazu, selbst Gebote zu umgehen. Auch für sie werden das Gewinnmotiv und die damit verbundene Rücksichtslosigkeit mehr und mehr zur obersten Maxime. Die Verbissenheit werde maßgeblich auch von Trainern und Eltern in den Jugendfußball hineingetragen, sagt Pilz. „Einige Eltern sind so ehrgeizig, dass sie von ihrem Kind viel mehr verlangen als der Trainer selbst.“ Pilz hat immer wieder Szenen auf dem Platz erlebt, bei denen die Jungs in Tränen ausbrachen.

Auch die Trainersituation ist im Fußball nicht einfach. Sportwissenschaftler wie Dietrich Kurz von der Uni Bielefeld beklagen, dass in keiner anderen Sportart so viele Jugendliche von Übungsleitern betreut werden, „die für ihre Aufgabe keine Ausbildung erhalten haben, keine Lizenz besitzen“. Aber wer opfert schon seine Freizeit für eine solche Aufgabe?

Pilz hat bei seinen Erhebungen in Niedersachsen festgestellt, dass der Trainer einen starken Einfluss auf das Fairnessverständnis und in geringerem Maße auch auf das Fairnessverhalten der Jugendlichen hat. Zeigt er großes Interesse am Fairplay, geben auch die Spieler signifikant häufiger an, dass sie auf Schwalben oder Notbremsen verzichten.

Soeben haben Forscher der Uni Augsburg Schiedsrichter verschiedener Sportarten nach dem Verhalten von Trainern, Zuschauern und Spielern befragt. Fußball schnitt am schlechtesten ab. Die Trainer fielen dadurch auf, dass sie Gegner und Schiedsrichter am häufigsten beschimpften und sogar handgreiflich wurden, bei den Zuschauern war die Neigung zur Gewalt besonders ausgeprägt, Unflätigkeiten an der Tagesordnung. „Sportlehrer sollten bei der Vermittlung von Fußball über Fairness und Verhalten reflektieren und im Schulsport eine Distanz zum öffentlichen Erscheinungsbild der Sportart aufbauen“, rät der Sportpädagoge Helmut Altenberger. „Hier ist auch der DFB gefragt, der über seine Trainerausbildung nachdenken muss.“

„Je ausgeprägter die Erfolgsorientierung, desto mehr degenerieren informelles und formelles Fairplay zu einer fiktiven Handlungsmoral des Leistungssports“, resümiert Pilz. Sie machte einer Moral des „fairen Fouls“ Platz. Das ist zwar noch mit dem Anspruch verbunden, den Gegner nicht absichtlich zu verletzen. Aber nicht zuletzt wegen der übertriebenen Härte des Spiels kehren etliche Jugendliche dem Fußball schon nach wenigen Jahren wieder den Rücken.

Jürgen Klinsmann klagte schon vor der letzten WM in der „Financial Times Deutschland“, manche Eltern und Trainer führten sich auf wie Zombies. Das Ergebnis sei, „dass die meisten Spieler mit 14 oder 15 verheizt sind“. Der Vereinsfußball habe im Alter zwischen 14 und 18 Jahren eine Ausstiegsquote von 60 Prozent. „Wenn auf einen Achtjährigen beim Fußball Druck ausgeübt wird, wird er als Zwanzigjähriger niemals sein Potenzial erreichen.“

Beim Weltcup 2006 hofft die Fifa auf die eine oder andere große Geste der Fairness. Diese gilt nach wie vor als bessere Werbung für den Fußball als die Schlitzohrigkeit eines Maradona, dem im WM-Viertelfinale 1986 gegen England beim 1:0 die „Hand Gottes“ zu Hilfe kam. Mit einem ungerechten Spielausgang fallen zwar nur die immateriellen Werte des sportlichen Wettkampfs – aus diesen Idealen aber schöpfen viele Breitensportler ihre größte Motivation. Wo es um die höchste Trophäe geht, sind auch die Erwartungen an die Fairness am höchsten.

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