Gesundheit : Familienidyll unter der Abrissbirne - Auch Rudi Dutschke lebte in der Siedlung

Dan von Appen

Die kleine Solveig stürmt mit dem Sahnebesen durch die Wohnung und testet den Klang von Gegenständen, indem sie ihn als Schlagstock benutzt. Die Anderthalbjährige ist eines von acht Kindern aus dem Studentendorf Schlachtensee in Zehlendorf. Bald wird sie einen Bruder oder eine Schwester bekommen. Ihre Mutter Andrea Schmidt ist im sechsten Monat schwanger und steht als angehende Grundschullehrerin vor dem Examen. Mit Tochter und ihrem Freund, der Medizin studiert, wohnt Andrea in einer der Drei-Zimmer-Wohnungen der Anlage. Gemütlich ist es hier, trotz der schäbigen äußeren Fassade des Hauses. Die beiden Studierenden teilen sich ein Arbeitszimmer und das Bett in einer kleinen Schlafkammer, während Tochter Solveig das Wohnzimmer samt Kochecke mit ihrem Spielzeug okkupiert hat.

Doch die Familienidylle ist nicht mehr ungetrübt: Dem Studentendorf mit rund eintausend Bewohnern an der Wasgenstraße droht seit einiger Zeit der Abriss. Hintergrund sind Pläne des Senats, die Siedlung zu verkaufen. Sie galt bisher als Tauschobjekt für die Finanzierung der Museumsräume der Berlinischen Galerie in der ehemaligen Kreuzberger Schultheiss-Brauerei (der Tagesspiegel berichtete).

"Seit fast zwei Jahren leben wir jetzt schon mit der Ungewissheit, ob wir demnächst eine neue Wohnung suchen müssen oder nicht", sagt Andrea. Für sie und ihre wachsende Familie wäre ein baldiger Umzug schwierig: Die 31-Jährige arbeitet zweimal in der Woche als Köchin im Club "A 18" des Studentendorfes, um einen Teil der Miete zu finanzieren. "Das Hauptproblem ist jedoch, dass ich schnell mein Studium beenden will und sich hier oft jemand findet, der mal auf Solveig aufpassen kann", sagt Andrea. Die zumeist gute Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft unter den Zimmernachbarn in Schlachtensee ist für studierende Eltern oft die einzige Möglichkeit, Studium, Job und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen.

Statt sich mit einem Umzug abzufinden, engagiert sich Andrea zusammen mit der studentischen Selbstverwaltung des Dorfes gegen seinen Abriss. "Als ich hier eingezogen bin, wusste ich kaum etwas über die Geschichte des Dorfes. Mittlerweile ist mir auch die historische Bedeutung der Anlage bewusst. Deshalb kämpfe ich, auch unabhängig von meiner persönlichen Lage, für den Erhalt", betont Andrea.

Geschichtlichen Wert hat die jetzt etwas heruntergekommene Wohnstätte für Berlin in der Tat: Von der US-Regierung der Stadt 1959 geschenkt, verfolgte der damals hochmoderne Bau ein architektonisches Konzept des Zusammenlebens der Studenten in vielen Gemeinschaftsräumen, mit Möglichkeiten zum Kochen, für Sport und Freizeit. In den Sechziger Jahren machten die Bewohner mit spektakulären Fluchthilfeaktionen für ostdeutsche Kommilitonen von sich reden. Prominentester Mieter einer "Studierbude" war ein gewisser Rudi Dutschke, manches Mal Besuch von den Ordnungshütern der Polizei bekam. Autor Günther Grass las aus der Blechtrommel vor und Uwe Johnson nahm an verschiedenen Diskussionsrunden teil. Dann war da noch der Aufsehen erregende "Schlüsseltausch" Ende der Sechziger, mit dem die Studenten die Trennung von Frauen- und Männerhäusern beendeten.

Fast täglich geht Andrea mit Tochter Solveig zu den Treffen der studentischen Selbstverwaltung, um den neuesten Stand des Tauziehens um das Dorf zwischen Senat und Abrissgegnern zu erfahren. Mittlerweile gibt es durchaus prominente Fürsprecher für die Erhaltung der Anlage, wie FU-Präsident Peter Gaehtgens oder den Stadtentwickler und Professor Hardt-Waltherr Hämer, was den Studierenden Mut macht.

Eine Meldung aus dem Senat macht den Studenten Hoffnung, wieder etwas Zeit gewonnen zu haben. Die Landesregierung beschloss in ihrer Sitzung am Dienstag, das Studentendorf von dem Objekt Berlinische Galerie "abzukoppeln". Das bedeutet, dass das Museum zunächst ohne den Tauschhandel finanziert wird. Bau-und Entwicklungssenator Peter Strieder will per öffentlicher Ausschreibung versuchen, Schlachtensee an einen Investor zu bringen.

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