Gesundheit : Farbkleckse auf dem Boden, Pinsel im Automaten

TOM HEITHOFF

Die Kunst, wächst sie nicht im Verborgenen? Sehen wir sie nicht immer erst dann, wenn sie aufgeblüht, zu einem Bild, einer Figur gereift ist? Am vergangenen Wochenende waren die Ateliers und Werkstätten in den diversen HdK-Gebäuden keine verbotenen Zonen, keine verschlossenen Hexenküchen.Die Türen zu den Produktionsstätten der Kunst standen beim sechsten Tag der offenen Tür sperrangelweit offen, und die Besucher durften den Geruch von Farbe in der Nase spüren, durften über farbklecksreichen Boden laufen und Kunst einmal nicht vor sterilen Galeriewänden betrachten.

Die Ergebnisse der Fotografie-Klassen hängen in der Lietzenburger Straße.Da sind "Neue Bilder aus Berlin" von Saul Robbins zu sehen, der in seiner Serie jeweils eine Person isoliert: Momente des Alleinseins - auf Plätzen, im Abteil, in der Telefonzelle - als typisch Berliner Erfahrung? Ein paar Meter weiter streicht das Auge über Claudia Angelmaiers Fotoserie "Landschaft in der Stadt": Baustellen-Details mit Wiedererkennungswert.Im zweiten Stock lädt ein Drahtstuhl nicht zum Sitzen ein, im dritten trifft man auf eine Stuhlreihe - "Das Warten auf das A und O" heißt diese Installation.Ob man sich durchs Setzen tatsächlich "auf den schnellen Weg zum Nirwana" (so der Untertitel) macht, bleibt ungewiß.Zuviel Respekt vor dem Werk ...

Auch im Haus der Designer steht die Tür offen.Gleich am Eingang ist die Verwirrung groß.Sind die bunten Kärtchen, die unter dem Titel "Studentenpresse" hängen, Kunst oder nicht? Und was ist mit der breiten gelben Folie auf dem Boden, deren Aufschrift vor Starkstrom warnt? Lieber nicht drauftreten ...Der Pförtner sitzt erschöpft vor seiner Zeitung, der Arm stützt den Kopf.Man ist diese Hitze schließlich auch nicht mehr gewohnt.Kein Zweifel hier, beim Automaten, der statt belegter Brötchen Pinsel, Bürste und Seife anbietet.Kunst! Oder? Einige Fächer sind leer.Hat sich da etwa doch jemand was gezogen? Ist das vielleicht doch kein Kunst-Scherz? Viermal eine Mark einwerfen! Leider gibt das Portemonnaie das nicht mehr her.

Treppe hoch.Er habe "viel Selbstdisziplin, viel Streß und wenig Geld, dafür viel Freiraum".Der Künstler, der dies spricht, ist selbst zur Kunst geworden auf dem Plakat von Katja Thoring und Annick Girardier.Eine Selbstauskunft, die wohl für die meisten Kunsttreibenden zutrifft.Auch für den Modedesigner, der sich im Nachbarraum gerade vor dem Spiegel in einem hosenartigen Gebilde - Schnitt: hohes Hochwasser - dreht und wendet.Zwischen die Lippen hat er seine Abstecknadeln geklemmt, weshalb der Neugierige seine Frage, was das denn einmal werden solle, fallen läßt.Viel zu gefährlich!

Trapp, trapp.Zum Einsteinufer.Noch auf der Straße ruft eine Stimme, und der Kunstflaneur zuckt zusammen.Da erscheint plötzlich ein Gesicht auf dem Fernsehschirm in der Glasvitrine neben ihm und spricht von Schuldgefühlen, von einem "Schloß, das es nicht gibt" und davon, daß "mein Herz blutet".Dann wird die Stimme lauter: "Geht es euch nicht allen so?" Während der Betrachter noch überlegt, wandert sein Blick übers Glas und bleibt an einem Einschußloch hängen, das jemand - garantiert ohne Kunstabsicht, aber vielleicht als Kunstkritik - im Schaukasten hinterlassen hat.Schnell hinein ins Haus und hinauf.Oben im "Videowohnzimmer" entspannt man sich beim Genuß eines mit "Bildkompression" betitelten unscharfen Gewackels und Gefiepses.

Aus den Ateliers im HdK-Hauptgebäude strömt ein bunter Duft, in den Ecken stehen Rahmen und Leinwände, und so mancher Kassettenrekorder ist dem Gewicht der eingetrockneten Farbschichten zum Opfer gefallen.Alle Altersklassen sind auf der Kunstrundreise.Ältere und feinere Gestalten (Galeristen? Eltern?) treten ein, viele Kunststudenten schauen vorbei, und immer wieder ziehen die Schreie von Kindern durch die Flure.Natürlich sind es Schreie des Entzückens, was denn sonst.Nur manchmal will eines einfach nur aufs Klo.

Über 20 Klassen präsentieren sich in diesem Nest - oder Brutkasten? - junger Kunst.Das Spektrum reicht von Miniaturbildern in Verbindung mit Gedichten von Marie Türk bis hin zur lebensgroßen Tonfigur von Inka Girden, von der Abstraktion bis zum expressiven Portrait.

Und natürlich sind da die Menschen aus Fleisch und Blut, die Künstler, die wachend oder lesend an den Fenstern sitzen.Die froh sind, wenn man nicht nur den Blick auf ihr Bild, sondern auch ein Wort an sie richtet.(Wann hat man schon mal die Gelegenheit dazu?) Und von denen einiges zu erfahren ist: Auch wenn jetzt die Türen offenstünden und sich die ganze Sippe der HdK-Künstler gemeinschaftlich zeige, so sei doch leider nicht zu leugnen, daß im Vergleich zu früher die Ellbogenmentalität zugenommen habe, "wie auch sonst in der Gesellschaft", wie eine Studentin sagt.

Durch geöffnete Türen weht immer ein Wind.Die Atmosphäre, schwebend zwischen lebendiger Produktion und nachlebendiger Ausstellung, genießen Künstler wie Außenstehende gleichermaßen.Man spricht über Stile und Erfolg und wie beides zusammenhängt.Und darüber, daß man nicht versteht, wie beides zusammenhängt.Darüber auch, daß die Kriterien der Galeristen nicht nachvollziehbar sind - Gespräche eben, die man so führt, wenn man die Hoffnung hat - und haben muß, Kunst zu Geld zu machen.Doch ist solch eine Atelierschau nicht die ideale Schnittstelle zwischen Künstler und Galerist? "Ich habe noch nie davon gehört, daß dadurch jemand entdeckt wurde", sagt die Malerin Mirjam Müller mit einem etwas unglücklichen Lächeln.Jeder HdK-Student übrigens hat das Recht, "im Hause" zu arbeiten, doch die meisten mieten ein eigenes Atelier an, wie sie selber auch.Eine kostspielige Angelegenheit, "doch sonst würde man sich hier auf die Füße treten", sagt sie.Solch ein Rundgang sei darum auch eine gute Gelegenheit, sich über die Arbeit der Kommilitonen zu informieren.

Kein Zweifel, der "Konkurrenz" über die Schulter zu gucken, dem Interessenten ins Gesicht und sich in einem größeren Zusammenhang zu sehen und auszutauschen, nützt in jedem Falle - auch wenn solch eine Gemeinschaftsausstellung dem einzelnen wieder einmal in geballter Deutlichkeit vor Augen führt , daß so viele das gleiche machen wie man selbst, nämlich Kunst, daß so viele das gleiche wollen, nämlich verkaufen.

Nicht zu vergessen sind die ungeahnten Folgen bei denen, die auf dem "Rundgang Ô98" Blut geleckt haben! Was in einem Atelier zu sehen war, fand eine junge Dame so beeindruckend und animierend, daß sie still und leise die Tür hinter sich schloß und mit glänzenden Augen in eine große Kiste griff, in der sich allerlei Farbtuben und Pinsel stapelten."Nina, nicht im Müll wühlen!", sagt der heraneilende Vater und ahnt vielleicht noch gar nicht, daß er in zwanzig Jahren durchs Atelier seiner Tochter spazieren wird.Den Geruch von Farbe kriegt man nicht mehr raus - aus dem Kopf.

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