Gesundheit : "Faszination Wissenschaft": Der Mensch, das metaphysische Tier

Adelheid Müller-Lissner

Was ist der Mensch? Diese "große" Frage wurde in der Konrad-Adenauer-Stiftung am Montag im Rahmen der Reihe "Faszination Wissenschaft" gestellt. Zunächst antwortet der Dichter: Ein "metaphysisches Tier" nennt Durs Grünbein den Menschen, auch eine "universelle Missgeburt". "Singende Hirne, mein Freund, verkapselt wie Mohn, hoch montiert auf Stativen: Das sind wir." Wie Georg Büchner, Namensgeber des Preises, den der Lyriker 1995 bekam, beschäftigt Grünbein die Physiologie, die Materie des Geistes. Er macht daraus Poesie. In seinem neuen Werk "Das erste Jahr" wird das Gehirn als "neuronale Metropole bei Nacht" beschrieben.

Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, sprach mit dem Dichter. Die moderne Hirnforschung habe eine große Desillusionierung mit sich gebracht, erklärte der Naturwissenschaftler. Dass das Verhalten von Plattwürmern und Schnecken vollständig beschreibbar ist, nimmt der Mensch vielleicht noch hin. Aber: "Kommt bei uns nicht irgend etwas vor, das bei ihnen nicht vorkommt?" Wenn nicht, sind die Folgen gravierend. Wenn auch komplexes Verhalten auf Wechselwirkungen zwischen Nervenzellen zurückgeführt werden kann, wird unser Denken "nicht frei sein in dem Sinn, dass wir es uns in jedem Moment anders überlegen könnten".

Auch der Glaube an ein "Fortleben einer personifizierten Seele" nach dem Tod leidet. Es sei schließlich unvorstellbar, sagte Singer, "dass das Selbst die Zerstörung der materiellen Grundlage überdauern könnte". Kein Widerspruch kam vom Dichter, der in seinem Band "Schädelbasislektion" doch längst gegen die "Scheiß-Sterblichkeit" gewettert hat. Der Hirnforscher vermutet hinter solch sarkastischer Ausdrucksweise des Dichters auch Enttäuschung. "Dass der Himmel leergefegt wird von Illusionen und von Trost, spürt man in diesen Zeilen."

Wenn Enttäuschung, dann nicht durch die Wissenschaft, so beteuert der Dichter: Sie biete schließlich nicht nur Entzauberung, sondern vor allem Ergründung der Welt. Dass der Geist nicht mehr Domäne der Geisteswissenschaft ist, wie Moderator Hartmut Wewetzer, Wissenschaftsredakteur des Tagesspiegel, eingangs formulierte, scheint Grünbein zu freuen: "Ich habe darunter gelitten, dass Natur- und Geisteswissenschaften so getrennt sind."

Leidet nun eher der Hirnforscher Singer? Leider, so sagt er, sind in seiner Wissenschaft "sehr unangenehme Experimente möglich". Sie zeigen, dass der Mensch oft mit "nachträglichen Erfindungen" sein Handeln rationalisiert und rechtfertigt. Dichten wir uns vernünftige Gründe an, weil wir einfach voraussetzen, dass unser Handeln sie hat, haben muss? Singer sieht sich selbst und seine Kollegen in einer "leicht schizoiden Situation". Mit ihrer Forschung bringen sie Licht in die materiellen Strukturen unseres Denkens und Fühlens, zugleich bleiben sie "in unserer Kultur eingebettete Wesen. Was bleibt, ist eine Ernüchterung, die es auszuhalten gilt." Sogar von einem "Gefühl der Geworfenheit" spricht, ganz existenzialistisch, der Hirnforscher. Der Dichter dagegen, von der Germanistin Birgit Lermen zuvor als "Neuro-Romantiker" vorgestellt, nimmt es mit der "Gelassenheit der Künste".

Aber auch Singer glaubt, dass wir mit dem Unbehagen an der Hirnforschung fertig werden und ihr sogar Impulse für neue Humanität abgewinnen könnten: Wenn wir besser verstehen, wie Weltbilder im Gehirn entstehen, könnten wir uns zu mehr Nachsicht und sogar Mitleid durchringen und "wegkommen von schrecklichen Feindbildern". Aus der Hoffnung des Neurowissenschaftlers schöpft der Schriftsteller ein neues Wort: "Neuro-Humanismus" lautet das Ziel, auf das sie sich einigen können.

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