Gesundheit : Fehler im OP

Adelheid Müller-Lissner

Irren ist ärztlich: Eine Operation der Schilddrüse, die die Stimmbänder in Mitleidenschaft zieht - von da an kann die Patientin nur noch leise sprechen. Eine Blinddarm-Entzündung, ein Bruch im Handgelenk, ein Knoten in der Brust - zu spät erkannt. Komplikationen während der Geburt, Sauerstoffmangel etwa, der bleibende Schäden beim Kind hervorrufen kann.

All das sind typische Gründe, die zu Verfahren vor den Schlichtungsstellen der Ärztekammern führen. Diese Stellen begutachten - außergerichtlich und kostenfrei - Fälle, in denen Patienten oder ihre Angehörigen den Verdacht haben, der Arzt könnte einen Fehler gemacht haben.

"Krankenhäuser und Arztpraxen stellen sehr komplexe Systeme dar, in denen Menschen unter Stress arbeiten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Dinge dort immer so laufen, wie sie sollten", sagt Christian Thomeczek von der Ärztlichen Zentralstelle Qualitätssicherung in Köln.

Zahlen aus Deutschland gibt es nicht, doch unter dem Titel "To Err is Human" hat das Institute of Medicine der amerikanischen National Academy of Science sich 1999 mit den Irrtümern, Fehlern und Pannen bei der ärztlichen Behandlung beschäftigt.

Grundlage war eine Harvard-Studie, für die 30 000 Patientenakten aus 51 Krankenhäusern ausgewertet wurden. Bei fast vier von 100 Krankenhaus-Aufnahmen, so das Ergebnis, schädigten fehlerhafte Therapien die Gesundheit der Patienten zusätzlich. Dies machte eine neue Behandlung erforderlich.

In weitaus kleinerem Maßstab hat sich nun die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover die gemeldeten Fehler im eigenen Einzugsbereich genauer angesehen. Dazu gehören die Ärztekammern der Länder und Stadtstaaten Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Problem Selbstüberschätzung

Der Löwenanteil aller Verfahren stammt dabei aus der Chirurgie, der Orthopädie, der Gynäkologie und der Geburtshilfe. Dass in diesen Fachgebieten tatsächlich mehr Fehler gemacht werden, ist damit nicht gesagt - wahrscheinlich werden Fehler dort nur leichter bemerkt oder zumindest vermutet.

In 30 bis 40 Prozent der Fälle, findet die Schlichtungsstelle, ist der Anspruch der Patienten begründet. Grundlage der Beurteilung, die im Nachhinein nicht leicht ist, sind Standards des ärztlichen Handelns, zunehmend aber auch Leitlinien, die richtiges Vorgehen in Diagnostik und Therapie festlegen.

Die Zahlen für das Jahr 2000 sind im Novemberheft der "Berliner Ärzte" veröffentlicht. Zum Nutzen der Mediziner. Denn aus Fehlern kann man lernen: Für eine richtiggehende "Fehlerkultur" in der Medizin plädiert deshalb im gleichen Heft Christian Thomeczek. Der Mediziner ist zugleich Verkehrsflugzeugführer. Er hält es für sinnvoll, Erkenntnisse aus der Fehlerforschung in der Luftfahrt für das Vorgehen in der Heilkunst zu nutzen.

Im Cockpit wie im Operationssaal sind Menschen zu schnellen Entscheidungen gezwungen, und sie stehen dabei unter hohem psychischen Druck: sie wissen, dass sie durch Fehler das Leben anderer Menschen gefährden können.

Piloten wie Chirurgen arbeiten im Team, und "je mehr Menschen miteinander, selbst auf höchstem Sicherheitsniveau, agieren, desto wahrscheinlicher wird es, dass Fehler passieren".

Lernen kann man aus Fehlern nur, wenn sie als solche erfasst werden. In den USA gibt es, wie Thomeczek schreibt, ein freiwilliges Meldesystem für Vorfälle, die eine Gefährdung der Flugsicherheit bedeuten können. 400 000 "Incident Reports" sind dort seit 1975 eingegangen. Wer einen Vorfall innerhalb von zehn Tagen meldet, ist übrigens vor Sanktionen sicher.

Weltweit ist außerdem die Teilnahme am "Crew Ressource Management" verbindlich, einem Trainingsprogramm, das die Besatzung für Fehlerquellen sensibilisieren und Kommunikationstechniken vermitteln soll. In einem Pilotprojekt wird das Swissair-Programm derzeit in der Schweiz auch Ärzten nahegebracht.

Eine entscheidende Fehlerquelle, die insbesondere die Mediziner betrifft, ist laut Thomeczek die Tendenz zur Selbstüberschätzung: "Auch wenn ich übermüdet bin, bin ich in der Lage, in Notfallsituationen effektiv zu handeln" - nur 26 Prozent der Piloten, aber 70 Prozent der Mediziner stimmten in einer Befragung dieser Aussage zu. Durch nahtlos ineinander übergehende Tag- und Nachtdienste werden junge Ärzte früh dazu gebracht, dieses heroische Selbstbild anzunehmen. Nun könnte sie ausgerechnet die Luftfahrt lehren, auf den Boden der Tatsachen zurückzufinden.

Doch nicht alles lässt sich vom Cockpit aufs Krankenhaus übertragen. "Menschen von A nach B zu transportieren, birgt weniger Komplikationen", sagt Tomeczek. Zum Beispiel muss bei Nebel nicht zwingend gestartet, bei medizinischen Notfällen jedoch sofort behandelt werden.

Zudem gibt der Mann mit der Doppelqualifikation zu bedenken: "In der Medizin haben wir es mit Leben zu tun, und an dessen Ende steht immer der Tod." Tritt er ein, so ist das nicht automatisch Folge eines ärztlichen Fehlers.

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