Gesundheit : „Feines scharfsinniges Volk, Wunder der Zeiten“ Herders Arbeiten zum Judentum und die Folgen

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Von Anatol Schneider

„Die Geschichte", notierte Elias Canetti 1950, „stellt sich so dar, als hätte es nicht anders kommen können, es hätte aber auf hundert Arten kommen können." Canettis Bemerkung ist nicht nur eine rückschauende Betrachtung, sie enthält auch eine Warnung an jede Beschäftigung mit der jüdischen Kultur- und Geistesgeschichte. Die Gefahr des seit über einem Jahrzehnt enorm gewachsenen Interesses an dieser Geschichte besteht auch darin, sie auf die Ermordung der europäischen Juden zu verengen – eben als hätte es so kommen müssen. Die vom Moses Mendelssohn Zentrum ausgerichtete Potsdamer Tagung „Die Wirkungsgeschichte Johann Gottfried Herders im Judentum“ zeigte Herder als Autor des 18. Jahrhunderts, der quasi noch Zeit genug hatte, in ganz unterschiedliche Richtungen zu wirken.

Herder hat sich wie kaum ein anderer intensiv mit dem Judentum beschäftigt . Rousseauistischen Tendenzen folgend, stieg Herder zu den „Anfangsgründen des Menschlichen“ hinab und wandte sich dem biblischen Judentum zu, wie Thomas Mann später schrieb. Den theoretischen Hintergrund dieser Befassung mit den literarischen Urdokumenten der jüdischen Geschichte bildete die These, dass der „Genius der Sprache“ auch der „Genius von der Literatur einer Nation“ ist. In den Texten des Alten Testamentes meinte Herder die Bildung der jüdischen Nation verfolgen zu können. Indem er die Juden als „ein feines scharfsinniges Volk, ein Wunder der Zeiten!“ beschrieb, war Herder, wie Martin Bollacher (Universität Bochum) hervorhob, eine „bemerkenswerte Ausnahme im deutsch-jüdischen Diskurs seines Jahrhunderts“.

Dass die Überlegungen einer Verbindung von Sprache und Nation auch einer deutschnationalistischen Rezeption zugänglich waren, vermochte ihre Wirkung innerhalb des Judentums nicht zu verhindern. So hofften jüdische Gelehrte im 19. Jahrhundert, wie der Historiker Leopold Zunz, hierdurch der Beschäftigung mit hebräischer Geschichte und Literatur ein wissenschaftliches Fundament geben zu können. Zunz, so Giuseppe Veltri (Universität Halle-Wittenberg), beantragte 1848 die Einrichtung eines Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur, was von der preußischen Kommission, in der auch Ranke saß, abgewiesen wurde.

„Das jüdische Wesen zu stützen und zu bekräftigen, würde dem Geist der neuen Freiheit entgegenwirken“, hieß es wenige Monate nach den Märzunruhen in der Kommissionsbegründung. Die Behandlung der jüdischen Geschichte sollte weiter den anderen Lehrstühlen obliegen. In der Bundesrepublik wurde Zunz’ Wunsch nach einer eigenen Wissenschaft für jüdische Literatur und Geschichte 1960 verwirklicht, nämlich mit der Einrichtung der Professur für Judaistik an der Freien Universität zu Berlin.

Herders Wirkung hat sich indes nicht aufs Wissenschaftliche beschränkt. Seine völkerpsychologische Absicht, die Individualität eines „Volksgeistes“ zu erkennen, ließ sich gut mit dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Zionismus verbinden. Autoren wie Martin Buber oder der Kulturzionist Achad Haam haben sich dieser Ideen offenbar bedient, auch wenn sie dies nicht immer deutlich machten. Mag es also Versuche gegeben haben, im Rückgriff auf Herder den Nachweis einer jüdisch-nationalen Identität zu führen, warnte Julius Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam) doch davor, in Herder den „Urvater des Zionismus“ zu sehen. Geboten sei dies vor allem angesichts der anderen Wirkungsgeschichte der romantisierenden „Volksgeist“-Lehre Herders. Im 19. Jahrhundert zur Begründung des Deutschtums instrumentalisiert, hat sie sich durch ihre rassenbiologische Aufladung von den antisemitischen Tendenzen dieser Zeit nicht freihalten können.

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