Gesundheit : Feldforschung am Imbißstand

DOROTHEE NOLTE

Die Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität VON DOROTHEE NOLTE

An einem Imbißstand in Pankow gibt es seit einiger Zeit ein paar neue Besucher.Unter die dort versammelten Arbeitslosen mittleren Alters und teilweise Alkoholabhängigen mischen sich jetzt regelmäßig einige junge, vielbeschäftigte und garantiert nüchterne Gestalten.Verzehren ihre Currywurst und bemühen sich, nicht aufzufallen.Kommen langsam ins Gespräch mit den Alteingestandenen, stellen ein paar Fragen, hängen rum, gehen wieder.Und wenn sie zu Hause sind, machen sie sich Notizen. Daß die neuen Imbißgänger Studenten der Europäischen Ethnologie sind, haben sie den Pankower Arbeitslosen erst nach einer Weile verraten."Wir wollten erstmal ihr Vertrauen erwerben", erzählt Peter David."Jetzt haben wir zwei bis drei Leute im Blick, mit denen wir ausführliche Interviews machen werden: Wie verbringen sie ihren Alltag? Wie hat sich ihr Leben dadurch verändert, daß sie weniger Geld haben? Womit beschäftigen sie sich geistig?" Die Interviews sind Teil eines Studienprojekts zur "Neuen Armut in Berlin", an dem etwa 25 Studenten beteiligt sind.Einige besuchen Familien aus Ex-Jugoslawien in einem Wohnheim, andere machen bei einem Obdachlosentheater mit, wieder andere interviewen ehemalige ABM-Kräfte in Ost-Berlin. "Wir wollen erkunden, ob sich eine Kultur der Armut entwickelt", erklärt Michi Knecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut und Leiterin des Studienprojekts."Man geht ja davon aus, daß Armut die Menschen vereinzelt.Gleichzeitig entwickeln sich aber neue Milieus und Netzwerke." Zum Beispiel - am Imbißstand. Studienprojekte wie das zur Neuen Armut sind ein zentraler Bestandteil des Studiums der Europäischen Ethnologie an der Humboldt-Universität.An dem Institut wird Feldforschung großgeschrieben - nur daß die Studenten dafür nicht in ferne Länder ziehen, wie es Ethnologen traditionell tun, sondern sich vor der eigenen Haustür umgucken.Jeder Hauptfach-Studierende muß im Hauptstudium an einem Studienprojekt teilnehmen; die Gruppen bleiben drei Semester lang zusammen, entwickeln eigene Fragestellungen, betreiben Feld- oder Archivforschung, und jeder schreibt am Ende einen Aufsatz."Aus den Projekten soll stets eine Ausstellung mit Katalog oder ein Buch entstehen", erläutert Institutsleiter Wolfgang Kaschuba und zeigt stolz die ansprechend gemachten Werke vor, die bereits im Rahmen von Studienprojekten entstanden sind: zum Beispiel ein Buch über ein typisches Haus in Neukölln und seine Bewohner oder ein Katalog zur überregional beachteten Ausstellung "Wunderwirtschaft - DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren". "Für die Studenten sind die Studienprojekte eine Chance, sich in einem geschützten Raum auszuprobieren", erläutert Ina Merkel, die als wissenschaftliche Assistentin das "Wunderwirtschaft"-Projekt betreut hat."Sie finden heraus, was ihnen liegt: Der eine schreibt gerne Aufsätze, die andere hat einen guten Blick für Ausstellungsgegenstände.Außerdem haben die Studenten hinterher etwas vorzuweisen, womit sie sich bewerben können, zum Beispiel bei Museen, in der Erwachsenenbildung, der Werbung oder den Medien".Corinna Henning, bis vor kurzem studentische Hilfskraft in der Bibliothek, schwärmt: "Man lernt dadurch viel mehr, als man in einem Seminar je hätte lernen können".Für sie waren die Studienprojekte ein Grund, hier zu studieren. Aber ein praxisorientiertes Studium, wie es die Politiker anmahnen, ist "nicht umsonst zu haben", betont Michi Knecht."Die Studienprojekte sind sehr aufwendig; eigentlich bräuchte man eine studentische Hilfskraft allein für die Organisation." Bis vor kurzem sah es aber im Gegenteil noch so aus, als würden auch die bereits vorhandenen, zum März auslaufenden Hilfskraft-Stellen aufgrund eines Einstellungsstopps nicht wiederbesetzt werden.Dieser Einstellungsstopp ist jedoch gerade aufgehoben worden: "Sonst hätten wir unsere Bibliothek nicht mehr offen halten, die Computer nicht mehr warten und keine Erstsemester-Tutorien mehr abhalten können", so Wolfgang Kaschuba."Wir sind ja sowieso überlastet: Das Institut wurde für 200 Studenten konzipiert, jetzt studieren schon 500 hier." Aufgrund des allgemeinen Geldmangels sind internationale Austauschprogramme gefährdet, klagt Peter Niedermüller, neben Kaschuba und dem Stadtsoziologen Rolf Lindner der dritte Professor am Institut.Und ob die Mittelbaustelle, die bald ausläuft, wiederbesetzt werden kann, steht in den Sternen. Die Geldnöte des Instituts stehen im Kontrast zu den Räumlichkeiten.Seit Mai 1995 residiert das Institut in einem ehemaligen Verlagshaus am Schiffbauerdamm, in frisch renovierten Räumen mit Blick auf die Spree und auf das zukünftige Bundespresseamt.Kein Wunder, daß Wolfgang Kaschuba davon spricht, sich demnächst auch einer "Ethnologie der Macht" zuzuwenden: "Die Ethnologie beschäftigt sich traditionell eher mit Randgruppen der Gesellschaft oder fremden Kulturen.Aber auch die Zentren, Städte, Betriebe, das Management lassen sich untersuchen." "Die Bühnen der Macht" lautet der Titel eines künftigen Forschungsprojekts, "Umzug einer Hauptstadt" heißt ein anderes.Und vielleicht taucht demnächst eine Ethnologin auf, die die neue Armut an den Universitäten erforscht?

Institut für Europäische Ethnologie, Schiffbauerdamm 19.Telefon: 30874 350/351.

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