Gesundheit : Fernsehen ist Pflicht

In Münster stritten die Politologen über ihre Rolle in der Öffentlichkeit

Juliane Schäuble

Dem Dinosaurier fehlt der Kopf. Warum hat sich die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) dieses Bild auf das himmelblaue Programmheft ihres 23. Kongresses gestellt? Eine Gattung, die ausstirbt, weil sie zu wenig denkt? Gemeint ist der Staat, die Gesellschaft. Aber ein wenig erinnert das Deckblatt an die eigene Vergangenheit als streitbare Zunft.

Wenn sich rund 800 Politologen zu einem fünftägigen Kongress in Münster treffen, debattieren sie dabei, so denkt man, hitzig und ringen um die großen gesellschaftlichen Fragen. Große Fragen waren da, Streit dagegen eher selten. Am Thema – Staat und Gesellschaft – fähig zur Reform?“ – kann es nicht gelegen haben. „Die großen ideologischen Debatten, die wir in den Sechzigern und Siebzigern geführt haben, sind etwas in den Hintergrund getreten“, bestätigt die neu gewählte Vorsitzende Susanne Schüttemeyer, Professorin in Halle-Wittenberg. Das liege daran, dass stärker arbeitsteilig gearbeitet werde. „Wir werden zunehmend zu Spezialisten.“ Auch dass die Forschung immer empirischer werde, befeuere nicht gerade die Streitsucht. „Ja, wir sind wohl pragmatischer geworden, aber wir sind ja auch immer stärker gefragt, die Wirklichkeit zu erklären“, sagt Schüttemeyer.

Die Wirklichkeit wird immer öfter in Talkshows, in Wahlstudios oder in regelmäßigen Kolumnen erklärt. So kennen Fernsehzuschauer den Mainzer Politologen Jürgen Falter oder Karl-Rudolf Korte aus Essen wahrscheinlich besser als manchen Politiker. Der Gang ins Fernsehen ist für diese Wissenschaftler ein notwendiger Schritt. Denn, so sagt Falter voraus, Politik werde noch stärker „inszenatorischen Charakter“ annehmen und sich „noch virtuoser der Öffentlichkeit bedienen, um diese durch gezielte Auftritte zu manipulieren“. Fernsehen vermittle das Gefühl, nah an den Personen dran zu sein. Da dürfen Wissenschaftler nicht fehlen, um ihre Sicht darzulegen.

Politikberatung wird als Betätigungsfeld für Politologen immer wichtiger. Mal sind sie als Mitglieder von Kommissionen Teil des politischen Prozesses der Bundesrepublik. So saß Fritz Scharpf vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in der Föderalismuskommission. Und der Düsseldorfer Parteienforscher Ulrich von Alemann sollte nach der Spendenaffäre von 2000 helfen, die Parteienfinanzierung neu zu gestalten. Nicht immer sind die Politologen mit ihrer Rolle zufrieden. „Als Politikwissenschaftler sind wir inzwischen in der Lage, den Ablauf und die Ereignisse von Reformprozessen zu erklären. Aber auch wenn wir angehört werden, bleibt der Einfluss unserer Argumente so gering, wie er immer war“, stellt Scharpf fest.

Wobei Alemann, Falter und andere mitmischen, interessiert viele ihrer Kollegen gar nicht. „Manche ziehen sich lieber in ihre theoretischen Forschungen zurück, ja sie wehren sich sogar aggressiv gegen den Kontakt zu Medien oder Entscheidungsträgern“, sagt Alemann. Der Parteienforscher fordert, Politologen sollten endlich raus aus dem Elfenbeinturm und mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit. „Wir haben eine konkrete Bringschuld – für die Öffentlichkeit und die Politik.“

Bei der Frage nach dem Selbstverständnis der Disziplin scheiden sich die Geister. Fakt ist, dass im Zuge des Bologna-Prozesses, in dem die Studiengänge reformiert werden, die Anforderungen an die Lehrenden höher geworden sind. Qualität soll nachgewiesen werden, die Unis miteinander konkurrieren. Viele Professoren fürchten wie Beate Kohler-Koch von der Uni Mannheim, dass dabei die wissenschaftliche Breite auf der Strecke bleibt. Kohler-Koch warnt vor einer zunehmenden Ökonomisierung: „Manche glauben, dass Forschung ein steuerbarer Prozess mit verwertbaren Produkten ist.“ Dabei solle Wissenschaft doch vor allem der Erkenntnis dienen. In Deutschland gibt es heute 347 Politikprofessuren, die rund 30 000 Studenten zu betreuen haben. Schon jetzt klagen viele über Überforderung. In Zukunft sollen 40 Prozent eines Jahrganges studieren. „Aber wir werden es nicht schaffen, mehr Studenten in kürzerer Zeit mit weniger Ressourcen besser auszubilden“, warnt Schüttemeyer.

„Politologie ist inzwischen eine normale Sozialwissenschaft“, sagt Alemann. Aber ihr Kern, die Wissenschaft von der Demokratie, ist für die neue DVPW-Vorsitzende Susanne Schüttemeyer heute wieder ähnlich wichtig wie zu ihren Anfängen. Nach 1945 wurde sie als „Demokratiewissenschaft“ gegründet mit einem eindeutigen politischen Auftrag, nämlich die Deutschen nach langen Jahren der Naziherrschaft zu einem demokratiefähigen Volk zu erziehen. Angesichts rechter Parteien, die in Landtage einziehen und Umfragen, in denen knapp die Hälfte der Menschen die Demokratie nicht mehr automatisch als beste Staatsform ansehen, sei die Disziplin gefragt wie lange nicht: „Wir müssen aufpassen, dass Politikverdrossenheit nicht umschlägt in Demokratieverdrossenheit“, warnt Schüttemeyer. Dafür brauche es eine Analyse dessen, was Politik leisten muss und kann.

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