Gesundheit : Fernseher zum Falten

In Arizona entsteht die Technik von übermorgen

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Nur das Simsalabim fehlt. Und der Zauberstab. Aber Gregory Raupp weiß, dass er auch so wie ein Zauberer wirkt, jedenfalls für ein paar Sekunden. In allen Richtungen hat der schlanke silberhaarige Endfünfziger den aufklappbaren Bildschirm herumgezeigt. Er sieht aus wie ein Laptop, auf ein Viertel der üblichen Größe komprimiert, und zeigt eine detaillierte Landkarte. Jetzt raus mit den Batterien – und ... Der Bildschirm zeigt auch ohne Stromzufuhr weiter die Landkarte.

Doch schon beendet Raupp die Illusion und sagt, was er nicht vermag: ein neues Bild auf das Display zaubern, ohne Strom, zum Beispiel. Oder den Bildschirm einrollen und in die Hosentasche stecken. „Ist aber nur eine Frage weniger Jahre“, sagt der Direktor des Flexible Display Centers in Phoenix, Arizona, selbstgewiss. Und einen Moment scheint es, als sei die künftige Verblüffung neuer Gäste eine Hauptmotivation für seine Arbeit.

Beliebig formbare Bildschirme für alle denkbaren Geräte, daran forscht Raupps Team in der Wüstenstadt im Südwesten der USA, die Silicon Valley neuerdings den Ruf streitig macht, Wiege der Technik von übermorgen zu sein. Zum Beispiel Faltbildschirme zum Handy, die sich auf das gewohnte Fernsehformat ausklappen lassen, so dass man Fußballspiele unterwegs verfolgen kann, ohne Abstriche an der Bildgröße.

Die Displays moderner Geräte, ob Laptop, Handy oder PC, sind raffinierter und flacher geworden. Raupp jedoch hat nicht die Erfolge im Blick, sondern die ungelösten Probleme. Selbst die modernsten Bildschirme sind zerbrechlich, schwer und nicht biegsam. Welche Form auch immer die Oberfläche hat, sie brauchen eine starre Rückwand, schon wegen der Beleuchtung. Flüssigkristalldisplays sind zudem druckempfindlich. Und verbrauchen viel Strom.

Wie die Zukunft aussieht, ist absehbar: flexibler Kunststoff, nicht viel dicker als Papier, aber dick genug, um Minitransistoren einzubauen, leicht und mit geringem Energieverbrauch. Doch damit ist er mitten in den Problemen. Kunststoff ist biegsam, aber seine optischen Qualitäten sind bisher schlechter als die von Glas. Zudem ist er weniger formbeständig bei Temperaturschwankungen, die moderne Elektronik aushalten muss.

Diese Technik zu entwickeln, ist Aufgabe des Flexible Display Centers der Arizona State University (ASU). Nur mit zusätzlichen, gänzlich universitätsfremden Auflagen. Das Entwicklungstempo der Industrieforschung ist der US-Regierung zu langsam. Über das gängige Bild vom staatlich bezahlten Wissenschaftler kann sich Raupp nur erheitern. Universitäten denken in akademischen Jahren? „Wir denken in Wochen.“ Wissenschaft dient wertfreier Forschung? „Wir machen nur, was direkt industriell anwendbar ist.“ Zehn Jahre hätten Experten veranschlagt, um zur Serienreife von flexiblen Displays zu kommen – sofern man es der Industrie überlässt. Der konzentrierte Forschungsansatz von staatlicher Universität und Firmenvertretern soll die Entwicklungszeit auf fünf Jahre halbieren. Dafür hat die Regierung viele Millionen ausgelobt, die ASU hat die Ausschreibung gewonnen.

Teamarbeit ist Trumpf. „Es gibt keinen Konzern, es gibt kein Forschungsinstitut, das es allein schaffen kann“, sagt Raupp. Dafür sind die Herausforderungen zu komplex. Man braucht Kunststoffexperten, Energiefachleute, Programmierer, Nanotechniker, Fotospezialisten. Industrie-Multis haben Mitarbeiter abgestellt. Wenn der Durchbruch kommt, wollen alle mitverdienen.

Die Labor- und Produktionsetagen des Flexible Display Centers im „Research Park“ des Großraums Phoenix sehen wenig anders aus als beim benachbarten Computer-Chip-Fabrikanten Intel: in orangenes Licht getauchte, keimfreie Räume; Böden und Decken sind perforiert, um die Luft mit ihren Partikelresten auszutauschen. 1000-mal aseptischer als ein Krankenzimmer ist gerade gut genug für die Herstellung von Halbleitern.

Raupps größte Sorge? „Dass wir auf eine falsche Technik setzen.“ Die Vorstellungskraft ist begrenzt, das illustriert er am liebsten am Film „Minority Report“, der 2054 spielt. Eine elektronische Zeitung, in die, während man sie in der U-Bahn liest, kabellos die neuesten Nachrichten eingespielt werden, das sei schon 2010 möglich. „Aber erinnern Sie sich an die Schlagzeile neben dem Bild des gesuchten Hauptdarstellers Tom Cruise?“ In der virtuellen Zeitung stehe „Durchbruch in der Nanotechnologie“. Raupp lacht. „2054 spricht keiner mehr von Nanotechnologie. Da forschen wir an ganz was anderem.“

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