Gesundheit : Fernstudium auf Chinesisch

Das Reich der Mitte wirbt um deutsche Studenten – die Humboldt-Universität findet das gut

Juliane von Mittelstaedt

Mao und Megacities. Karaoke und KP. Chinesische Widersprüche? Kein Problem. Mit dem Jahrtausendwechsel setzt der mächtige asiatische Tiger zum Sprung nach vorn an: aus dem 19. Jahrhundert in die moderne Wissensgesellschaft. „100 Hochschulen für das 21. Jahrhundert“ heißt es im 1996 beschlossenen „Projekt 211“, das Niveau und Qualität der Ausbildung an ausgewählten Universitäten innerhalb von zehn Jahren so anheben soll, dass sie mit der weltweiten Spitze konkurrieren können. Vorbild für die chinesische Hochschule der Zukunft in der kommunistischen Volksrepublik ist die amerikanische Kaderschmiede Harvard.

Wichtigster Bestandteil des Bildungs-Masterplans ist die Internationalisierung der wissenschaftlichen Community. Deshalb will China möglichst viele ausländische Studierende und Forscher rekrutieren und den wissenschaftlichen „Gegenverkehr“ ankurbeln. Mit Deutschland pflegt China seit 30 Jahren bilaterale Bildungs-Beziehungen. Aus diesem Anlass initiierte das chinesische Bildungsministerium in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und der Humboldt-Universität die erste Präsentation chinesischer Hochschulen in Deutschland, den „China Campus“. Die Bildungsmesse fand am Wochendende in der Berliner Akademie der Wissenschaften statt. Mit 22 ausgewählten Top-Universitäten präsentierte sich China als neuer Studien- und Forschungsstandort, als „Land mit uralter Kultur und großer Zukunft“.

Bisher studierten im Reich der Mitte bereits mehr als 60 000 ausländische Studierende, und jährlich kommen 5000 dazu. Angesichts von sechs Millionen Studierenden machen die „Langnasen“ allerdings gerade einmal ein Prozent aus. Zum Vergleich: An Deutschlands Hochschulen kommt beinahe jeder Zehnte aus der weiten Welt.

In China will man an uralte Traditionen anknüpfen – mit den Mitteln der globaliesierten Moderne. Schließlich war das Land für zweieinhalb Jahrtausende die führende Zivilisation, Anziehungspunkt für Kaufleute, Intellektuelle, Forscher und Abenteurer aus allen Himmelsrichtungen. Heute bieten die wissenschaftlichen Hochburgen wieder vieles für Studierende aus dem Westen. Im Milliardenmenschen-Land ist von Massenabfertigung nichts zu merken. Ein Professor der Peking-Universität betreut maximal acht Studenten. Ähnlich gut ist die Relation auch an vielen anderen Elitehochschulen.

Nicht ohne Grund: Die chinesische Regierung investiert massiv in Infrastruktur, Ausstattung und qualifiziertes Lehrpersonal, um die Ziele des „Projekts 211“ zu erfüllen. Drittmittel ist das neue Zauberwort. Abgewanderte Wissenschaftler werden mit hohen Gehältern aus dem Ausland in die Heimat zurück gelockt. „Heute können die westlichen Industriestaaten von China etwas lernen“, sagt Jürgen Henze, Asienexperte und Campus-Mitorganisator. Die Humboldt-Universität wolle ihren Asien- und damit Chinaschwerpunkt in Zukunft deutlich ausweiten.

Die Volksrepublik ist inzwischen größter Exporteur von Studierenden und Wissenschaftlern: 460 000 von ihnen studierten bisher im Ausland, die Hälfte davon allein in den USA. Mit rund 10 000 Studenten stellten die Chinesen im letzten Jahr auch erstmals die größte Gruppe der Bildungsausländer in Deutschland. Eine Wissensmacht auf dem Vormarsch? „China wird zur neuen wissenschaftlichen Herausforderung für uns“, meint der Staatssekretär im Bildungsministerium, Wolf-Dieter Dudenhausen. Und Deutschland müsse aufpassen, dass der ehemaligen Meisterschüler nicht plötzlich zum neuen Lehrmeister in Sachen Wissenschaftsförderung wird.

Schon heute blicken chinesischer Forscher mehr Richtung USA, denn nach Europa. Viele haben in den Vereinigten Staaten studiert oder promoviert. Doch wissenschaftliche Kooperationen erfordern auf beiden Seiten persönliche Kontakte und ein „Feeling für das Land“, ein kulturelles Verständnis, gibt Jürgen Mlynek, Präsident der Humboldt-Universität, zu bedenken. Daher sollten nicht nur Sinologen, sondern auch angehende Ingenieure, Natur- und Geisteswissenschaftler ein Auslandssemester in Peking, Shanghai, Wuhan oder Tsingtao verbringen, wünschen sich die Organisatoren des „China Campus“ aus beiden Ländern. Zurzeit studieren oder promovieren jedoch gerade einmal 1300 Deutsche in der Volksrepublik.

Noch immer verschreckt die Landessprache viele interessierte Laoweis, wie die Ausländer dort heißen. Zwar wird die Anglisierung der Lehre forciert, auch das eine Folge des „Projekts 211“. Die Professorenlaufbahn soll nur noch Wissenschaftlern mit ausgezeichneten Englischkenntnissen offen stehen. Aber Kenntnisse der Lautschrift Pinyin sind noch immer unumgänglich, im Unterricht wie im Alltag.

Ein Sprachkurs schon in Deutschland ist daher sinnvoll. „Chinesisch sprechen kann man danach aber noch lange nicht“, sagt Felix Wassermann, Stipendiat der Studienstiftung. Der Berliner Student der Sozialwissenschaften lernte dann noch ein Jahr in Nanjing ausschließlich Chinesisch, ehe er sich dem Fachstudium widmen konnte. „Ich wollte einfach raus aus dem europäisch-amerikanischen Kontext“, begründet Wassermann seine Entscheidung für das etwas andere Auslandsstudium. Der Student glaubt, dass China unter Studenten in Mode komme, „weil es so exotisch klingt“.

Trotzdem werden die jährlichen 200 studiengebührenfreien Studienplätze, die der DAAD für chinesische Hochschulen vergibt, bisher nur zur Hälfte ausgeschöpft. Dabei gebe es kaum ein Argument, nicht in China zu studieren, sagt Jürgen Henze. Im Gegenteil: Man brauche schon einen guten Grund, um hier zu bleiben. „Das Studium in Deutschland ist langweilig gegenüber einem Studium in China.“ Oder, wie ein chinesisches Sprichwort sagt: Steigst du nicht auf die Berge, so siehst du auch nicht in die Ferne.

Informationen im Internet:

www.china-campus.de

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