Gesundheit : Feuer unterm Stuhl der Professoren

DOROTHEE NOLTE

Was bewirken Argumente? Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) wollte es wissen und reihte an ihrem gestrigen Hochschultag drei Befürworter und drei Gegner von Studiengebühren auf der Bühne der Aula auf.Bevor die Kontrahenten überhaupt den Mund aufmachen konnten, fragte der Moderator, FHTW-Vizepräsident Keßler, wer von den geneigten Zuhörern für oder gegen Studiengebühren sei.Fast alle der rund 200 Anwesenden hoben die grüne Karte - gegen Studiengebühren - , die sie am Eingang erhalten hatten, nicht die rote.Und nach der Diskussion?

Die Befürworter von Studiengebühren gaben sich große Mühe, das Auditorium umzustimmen.Die hochschulpolitische Sprecherin der CDU, Monika Grütters, sagte, Studiengebühren seien unvermeidlich; sie könnten den Leistungsverfall der Hochschulen verhindern, mehr Wettbewerb zwischen ihnen auslösen und die Studenten in die Lage versetzen, gute Lehre einzufordern.Um eine soziale Auslese zu vermeiden, müßten die Studenten bei einer staatlichen Studienkreditanstalt Darlehen aufnehmen können, die sie je nach späterem Einkommen zurückzahlen müßten.

Die ersten vier Semester sollten kostenlos sein, Familien mit mehreren Kindern sollten weniger bezahlen, ein Stipendiensystem müsse entwickelt werden, und die Beiträge müßten auf jeden Fall voll den Hochschulen zugute kommen - Voraussetzungen, die auch Gerd Hauer von der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg unterstrich.Monika Grütters warnte: "Schon jetzt müssen langfristige Verträge zwischen Landesregierungen und Hochschulen abgeschlossen werden, damit sichergestellt ist, wieviel Geld sie in den nächsten acht bis zehn Jahren erhalten.Sonst werden die Finanzminister der Länder mit Hinweis auf die Studiengebühren die Zuschüsse an die Hochschulen reduzieren."

Während Grütters eher pragmatisch argumentierte, zeigte sich TU-Präsident Ewers als ein geradezu leidenschaftlicher Anhänger von Studiengebühren, weil auf diese Weise Marktelemente in die Bildung kommen."Dann können die Studenten mit den Füßen abstimmen", sagte er."Stellen Sie sich vor, wie das den Professoren Feuer unter dem Stuhl macht, wenn mit jedem Student, der zu einer anderen Hochschule geht, auch dessen Geld ausbleibt!"

"Feuer unterm Stuhl", also mehr Leistung und Wettbewerb an den Hochschulen, wünscht sich auch Sybille Volkholz.Die bildungspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen meint aber nicht, daß Studiengebühren dazu das richtige Mittel sind, und hatte daher auf der anderen Seite der Bühne Platz genommen."Die Studiengebühren werden höchstwahrscheinlich genausowenig in den Hochschulen ankommen wie die 100 Mark Verwaltungsgebühr in Berlin." Sie plädierte dafür, die Hochschulen weiterhin ausschließlich aus Steuermitteln zu bezahlen, jedoch die Finanzierung des Lebensunterhalts der Studenten auf eine neue Basis zu stellen: Aus einem "solidarisch refinanzierten Ausbildungsfonds" solle jeder Student ein "Studiengehalt" von 1050 Mark bekommen, um dann schnell, ohne Jobben, studieren zu können.

Der Wirtschaftswissenschaftler Stephan Wilksch (FHTW) sieht noch "viele andere Portemonnaies", die anzuzapfen wären, bevor man an die Geldbörsen der Studenten geht.Insbesondere müsse der Bund mehr Geld für die Bildung herausrücken, um die finanziell ausgezehrten Länder zu unterstützen.In Studiengebühren sieht Wilksch "sozialen Sprengstoff" auch innerhalb der Hochschulen, weil viele Studenten nicht einsehen würden, warum sie mit ihren Gebühren zum Beispiel das Labor für einen anderen Studiengang bezahlen sollten."Und was wird dann aus kleinen Studiengängen mit wenig Nachfrage wie Ägyptologie oder Sinologie? Die Vielfalt an den Hochschulen gerät in Gefahr."

Immer wieder kam in der Diskussion die Frage der Gerechtigkeit auf.Für TU-Präsident Ewers sind Studiengebühren keineswegs ungerecht, sondern im Gegenteil "ein Gebot sozialer Gerechtigkeit", weil im Moment die Ausbildung der späteren Führungsschicht im Wesentlichen vom normalen Steuerzahler, etwa von Facharbeitern, bezahlt werde.Eine Studentin aus dem Publikum wandte ein, daß heute immerhin der Sohn oder die Tochter des Facharbeiters studieren könne, während er oder sie zukünftig das Risiko von Schulden scheuen dürfte, das sein reicherer Kommilitone nicht trägt.Andreas Draegert vom AStA der FHTW, der dritte Gegner von Studiengebühren auf dem Podium, meinte, auch die jetzige Situation sei schon ungerecht genug, weil in den letzten Jahren der Anteil von Studenten aus einkommensschwachen Familien immer weiter gesunken sei.

In den Köpfen der Zuhörer haben all die ausgetauschten Argumente offenkundig wenig verändert.Als Vizepräsident Keßler das Publikum am Ende erneut aufforderte, eine der beiden Karten hochzuheben, war das Bild genauso grün wie am Anfang.

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