Gesundheit : Firmenkontaktmesse Europool: "Die studieren alle das Falsche"

HEIKO SCHWARZBURGER

Nachfrage nach Ingenieuren steigt / Fachwissen allein reicht aber nichtVON HEIKO SCHWARZBURGERDrei Dinge sucht ein Abiturient, wenn er sich für ein bestimmtes Studium entscheidet: Gute Karriereaussichten, ein hohes Maß an Selbstverwirklichung im Fach und eine gewisse Nähe des Studienortes zu Mami und Papi.Bei der Selbstverwirklichung legen die Abiturienten Wert auf den Umgang mit Menschen im späteren Berufsleben, auf aktiven Umweltschutz und die Möglichkeit, künstlerische Begabungen auszuleben.In diesen Punkten stimmen die jüngsten Jugendstudien überein, ganz gleich, ob von Bertelsmann in Auftrag gegeben, vom Hochschulinformationssystem (HIS), von Shell oder von Greenpeace. Das führt seit Jahren zu einem regelrechten Sturm auf die Betriebswirtschaftslehre, auf alles, was an Unis oder Fachhochschulen irgendwie mit Massenmedien zu tun hat, auf die Umweltwissenschaften, die Sozialwissenschaften und die Lehrerausbildung.Doch die Wirtschaft fragt zur Zeit anderes nach: "Wir sehen diese Tendenz mit Sorge, denn nach unserer Auffassung studieren die meisten jungen Leute das falsche Fach", sagt Karl-Heinrich Hoepfner, Hochschulbeauftragter für die Verkehrstechnik bei Siemens."Wir brauchen Ingenieure des Maschinenbaus und der Elektrotechnik.In drei bis fünf Jahren rechnen wir bei Siemens mit einem erheblichen Ingenieurmangel." Deutschland hat 34 Millionen Erwerbstätige, davon 900 000 Ingenieure.Sie bilden die größte Gruppe unter den Erwerbstätigen mit Hochschulabschluß.Bei Siemens stehen davon allein 40 000 Ingenieure in Lohn und Brot, darunter zwei Drittel Absolventen von Fachhochschulen.Die Telekom und Daimler-Benz beschäftigen je rund 30 000.Stellte Siemens 1993/94 in Deutschland nur 700 junge Ingenieure ein, waren es ein Jahr später bereits 2300.Im vergangenen Jahr wurden sogar 2800 Studienabgänger aufgenommen, davon 500 Maschinenbauer, 650 Elektroingenieure, 200 Informatiker, 300 Physiker und 60 Mathematiker. Der Grund für die Einstellungswelle: "Wir haben den Strukturwandel der Industrie weitestgehend hinter uns.Das Geschäft geht sehr gut, vor allem im Ausland." Der Aufwärtstrend ist branchenübergreifend.So erhöhte Ford seinen Stamm im letzten Jahr um 300 Ingenieure, VW stellte 150 zusätzlich zum altersbedingten Abgang ein.Philips brauchte gleichfalls 300 Ingenieure mehr, Hewlett Packard erweiterte um 145.Die Einstiegsgehälter liegen in Westdeutschland für Uniabsolventen bei durchschnittlich 5265 Mark brutto, für FH-Absolventen bei 4753 Mark.Im Ostteil Deutschlands liegen die Preise allerdings deutlich darunter. Da die Firmen neue Märkte erobern wollen, haben sich in den letzten Jahren die Anforderungen an die Absolventen verändert.Zwar ist nach Karl-Heinrich Hoepfner "das Fachwissen noch immer die absolute Basis, aber eine, besser zwei Fremdsprachen, kulturelle Kompetenz und die Fähigkeit, Teams zu führen", zeichnen moderne Ingenieure aus."Ein wirklich erfolgreiches Produkt wurde immer von einer Mannschaft erbracht", meint er."Die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen Menschen ist eine ganz wichtige Eigenschaft.Wir stellen uns als Konzern global auf, also erwarten wir von den Absolventen eine große Mobilität." Karl-Heinrich Hoepfner empfiehlt, "unbedingt ein Semester oder ein Praktikum im Ausland zu verbringen." Unter den Fremdsprachen gilt Englisch längst als Standard, Ingenieure mit Kenntnissen in asiatischen Sprachen hingegen sind vielgesuchte Mangelware.Exzellente Karrieren öffnen sich Technikern mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund oder Exoten.Verpackungstechniker, Energiespezialisten und Fachleute für Mikrosystemtechnik haben kaum Startprobleme.Die europäische Fertigung von Flüssigkristallzellen leidet gegenwärtig unter einem akuten Mangel an Spezialisten für die LCD-Technologie.Helmut Cremer von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen prognostiziert auch bei den Verfahrenstechnikern ein Defizit."Seit 1996 ist die Zahl der Studienanfänger auf ein Drittel bis ein Viertel früherer Studentenzahlen gefallen.Rechnet man, daß nur rund die Hälfte aller Anfänger bis zum Diplom kommen, haben wir in einigen Jahren einen Bedarf von mindestens 600 bis 800 Absolventen im Jahr." Gingen die Verfahrenstechniker früher vor allem in die chemische Industrie, finden sie heute ihr Haupteinsatzgebiet in der Umwelttechnik und im Automobilbau, etwa in der motorischen Verbrennungstechnik oder in der katalytischen Abgasreinigung.Doch auch in der chemischen Industrie schlägt die Hinwendung zur Pharmazie und Biotechnologie durch: "Für Ingenieure dieser Branchen beginnt zur Zeit eine markante Aufbruchphase", sagt Hans Brunnhöfer, beim Chemie- und Pharmagiganten Hoechst für den Nachwuchs zuständig."Die gentechnische Industrie, die lange Jahre ins Ausland abwanderte, kehrt langsam zurück.Es setzt sich durch, daß die Qualifikation unserer jungen Leute der Standortvorteil Nummer Eins für Deutschland ist." So holte die Bayer AG unlängst ihre Alzheimerforschung von England nach Ludwigshafen zurück. Bei den Chemikern fiel die Studentenzahl von 800 in 1992 auf ganze 400 im letzten Jahr, deutschlandweit.Nun dämmert auch da der Morgen: "In vier Jahren muß man auf diesem Sektor mit einem Mangel rechnen", meint Hans Brunnhöfer.Die Umwälzungen in der Wirtschaft haben die Erfolgsaussichten deutscher Unternehmen und damit den Bedarf an qualifizierten Technikern rapide steigen lassen. Zudem steht in den kommenden Jahren ein Generationswechsel in den Universitäten und Fachhochschulen an.Bis 2010 gehen rund zwei Drittel aller Hochschullehrer in den Ruhestand, der Dr.-Ing.mit Berufserfahrung wird also in Kürze wieder zu Ehren kommen.Und: Wer jetzt mit dem Ingenieursstudium beginnt, wird von seinem Professor mit Handschlag begrüßt.Händeringend suchen die technischen Fachbereiche nach einem Ausweg aus der Flaute in den Studentenzahlen.Die idyllischen Studienbedingungen, die sich derzeit in diesen Fächern an deutschen Hochschulen bieten, könnten allerdings in wenigen Jahren bereits wieder der Vergangenheit angehören.

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