Fitness für Kinder : Auf die Balance kommt es an

Immer mehr Kinder haben motorische Defizite. Das haben Kinderärzte und Politiker erkannt. Damit sich der Trend umkehrt, müssten vor allem Kitas mehr auf ausreichende Bewegung achten.

Zehn Mal hüpfen in zehn Sekunden – das kann doch nicht so schwierig sein. Doch für viele Fünfjährige ist es das. Bei der Einschulungsuntersuchung müssen die Kinder seitlich über eine Linie hin- und herspringen. Ein Arzt vom Jugendgesundheitsdienst steht mit einer Stoppuhr daneben. Bei dem Einschulungstest vor zwei Jahren schaffte fast ein Drittel der kleinen Berliner nur sieben Hüpfer oder noch weniger. Das reicht nicht.

In der Spalte „Körperkoordination grenzwertig“ oder „auffällig“ tauchen diese Kinder jetzt in der neusten Statistik des Senats auf – im „Spezialbericht 2007- 1: Basisdaten zur gesundheitlichen und sozialen Lage von Kindern in Berlin“. Mit dem Test zur Körperkoordination wird die Grobmotorik beurteilt. Aber auch wenn es um die Feinheiten geht, haben viele Defizite. Eine Zeichnung von einem Drachen sollten die Kinder vervollständigen – mithilfe einer Vorlage. Mehr als ein Viertel hatte damit Schwierigkeiten.

„Es gibt sehr viele Kinder mit motorischen Problemen“, sagt Klaus-Jürgen Taube, Kinderarzt aus Neukölln. Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da. Das Forsa-Institut befragte im Mai 100 Kinderärzte in Deutschland im Auftrag der Krankenkasse DAK zu diesem Thema. 88 von ihnen waren der Meinung, die motorischen Defizite ihrer Patienten hätten in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. 49 fanden sogar, die Zunahme sei besonders stark.

Der Neuköllner Kinderarzt hat beobachtet, dass viele Kinder, die in seine Praxis kommen, nicht mehr auf einem Bein stehen und hüpfen können und auch nicht auf einer geraden Linie balancieren. „Viele verkrampfen sich dabei, strecken die Arme unnatürlich in die Höhe und beißen sich auf die Zunge“, sagt Taube. Der Mediziner meint, das liege daran, dass „die Kinder nicht mehr wie früher Hinkepott und Gummitwist spielen. Das ist alles eingeschlafen“.

„Es gibt zu viele Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen“, sagte auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) am Mittwoch bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Übergewicht und Adipositas – krankhafte Fettleibigkeit bei Kindern. 43 Prozent der Kinder könnten bei einer Rumpfbeuge den Boden mit den Händen nicht berühren, sagte Schmidt. Sie zitierte eine aktuelle Studie der Sporthochschule Köln mit 18 000 Kindern in ganz Deutschland. 30 Prozent der Vorschulkinder hätten eine Haltungsschwäche. Übergewicht und Bewegungsmangel sei besonders akut bei solchen aus sozial benachteiligten Familien. Die Ergebnisse ähnelten der Pisa-Studie: „Diese Kinder starten mit deutlich schlechteren Chancen ins Leben.“ Um das zu ändern, müsse nicht nur gesunde Ernährung, sondern auch Bewegung zu einem „Jeden-Tag-Erlebnis“ werden, sagte die Ministerin. Ganztags betreute Kinder aus sozial benachteiligten Familien wiesen „weniger Mängel“ auf als ihre Altersgenossen. Kinder müssten ein Körpergefühl entwickeln und lernen, dass man etwas Gutes für sich selbst tut, wenn man Sport treibt. Das alles will sie mithilfe des Präventionsgesetzes erreichen.

Oft hängen Übergewicht und motorische Defizite zusammen, aber längst nicht immer, sagt Kinderarzt Taube. Als Ursache für beides sieht auch er vor allem soziale Probleme. Ein Großteil seiner Patienten stammt aus Migrantenfamilien aus Neukölln und Kreuzberg. „Die Kinder bleiben den ganzen Tag in der Zweizimmerwohnung im sechsten Stock.“ Das Bewegungsangebot für sie sei ungenügend. Besonders türkische und arabische Mädchen trieben „kulturell bedingt“ viel zu selten Sport. Wie ausgeprägt die motorische Entwicklung sei, hänge meist vom Bildungsgrad der Eltern ab. „Motorik und sensorische Fähigkeiten können nur durch Übung geschult werden. Auch Auf-einem-Bein-Stehen muss man erst lernen.“

Die Daten der Studie geben Taube recht: Fast 45 Prozent der arabisch- und rund 40 Prozent der türkischstämmigen Berliner Kinder hatten Schwierigkeiten mit der Körperkoordination. Bei den deutschen Kindern waren es nur 30 Prozent. Ähnlich sind die Relationen auch bei der Visuomotorik – das ist die Fähigkeit, die zum Beispiel beim Zeichnen des Drachens gebraucht wird.

Auch die „soziale Lage“ wurde in der Auswertung des Spezialberichts berücksichtigt. Zwar gibt es besonders viele Kinder aus der „unteren sozialen Schicht“, deren Körperkoordination mit „auffällig“ bewertet wurde. In die Kategorie „grenzwertig“ würden aber auch Kinder der „oberen sozialen Schicht“ fallen.

Kinderarzt Alexander Schöffer behandelt in seiner Praxis am Kurfürstendamm Patienten „aus allen sozialen Schichten“. also auch diejenigen reicher Eltern. Auch er hat „zunehmend weniger Bewegungserfahrung“ bei den Kindern beobachtet. Viele würden von den Eltern immer mit dem Auto zur Schule und zu Freunden gebracht, sagt er. „Den Fußweg oder Fahrradfahren halten sie oft für zu gefährlich.“

Wann aber hat ein Kind motorische Defizite? „Eine Fünfjährige, die einen Ball noch nicht vernünftig werfen kann, ist nicht immer gleich therapiebedürftig“, sagt Schöffer. Es gebe keine einheitliche Bewertung, „wann etwas nicht mehr normal“ sei. Das sei auch eine Frage der Einstellung: „Wir erwarten viel mehr von den Kindern als früher.“ Vor allem sei es wichtig, bei der Bewegungsförderung „die Eltern und Kindergärten „mit ins Boot zu bekommen“.

Dieser Meinung ist auch Ulrich Fegeler, Kinderarzt in Spandau: „Leider kompensieren die Kitas die mangelhafte Anregung durch die Eltern zu wenig.“ Sport müsse dort eigentlich jeden Tag in kleinen Einheiten stattfinden. Drei Mal zehn Minuten pro Tag sollten die Erzieherinnen die Kinder toben lassen: unter Stühlen durchkriechen oder die Reise nach Jerusalem spielen. Fegeler schickt Familien oft „gnadenlos“ zum Eltern-Kind-Sport. Vor 30 Jahren konnten die Kinder mehr als heute, sagt der Mediziner. Das liege daran, dass es besonders in Großstädten wie Berlin keine „innerstädtischen Freiräume“ mehr gebe. Bei allen Studien schnitten die Kinder vom Land besser ab. Elisabeth Müller-Heck von der Bildungsverwaltung dagegen sieht in Berlin einen klaren Vorteil: „Wir haben drei Schulstunden Sport. Das ist besser als in den anderen Bundesländern.“ Außerdem werde im Grundschulunterricht zunehmend Bewegung eingebaut: Englisch und Mathe werde zum Beispiel beim Hinkepott-Hüpfen gelernt. Und an einer Schule in Zehlendorf gibt es die Aktion „Zu Fuß zur Schule gehen“. Vor allem aber sollten Lehrer und Eltern auf den Fernsehkonsum und das Spielen am Computer achten. Alle Experten sehen einen direkten Zusammenhang zwischen mangelnder Beweglichkeit und Medienkonsum. Kinderarzt Fegeler betrachtet das Ganze scherzhaft von der anderen Seite: „Vielleicht haben die Kinder ja eine wunderbare Koordination der Daumen. Das sollte man mal untersuchen.“

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