Gesundheit : Fledermäuse: Mit den Ohren die Welt erleben

Matthias Glaubrecht

"Die Fledermaus ist ein Mittelthier zwischen dem Vogel und der Mauß, also daß man sie billich eine fliegende Mauß nennen kann, wiewohl sie weder unter die Vögel noch unter die Mäuße gezehlt werden, dieweil sie beyder Gestalt an sich hat", schrieb 1558 der Naturforscher Conrad Gesner. Verblüffend ist nicht nur die Stellung der Fledertiere (Chiroptera) im zoologischen System. Heute ist ihr Sinn für Ultraschall, mit dem sie des Nachts auf Beutefang gehen, ebenso bekannt wie ihr schlechter Ruf als angeblich blutrünstige Vampire.

Blutsauger unter den Fledermäusen sind indes ausgesprochen selten. Unter den bei uns heimischen 22 Fledermausarten gibt es keine einzige bluttrinkende Art. Nur drei Arten der in Mittel- und Südamerika beheimateten mausgroßen Vampirfledermäuse aus der Familie Desmodontidae ernähren sich ausschließlich von Wirbeltierblut. Sie haben damit freilich den Rest der Fledermaussippe in den gänzlich unzutreffenden Ruf blutrünstiger Unwesen gebracht.

Allerdings saugen selbst diese Vampirfledermäuse nicht wirklich Blut; vielmehr lecken sie nach einem kurzen Biss ihrer scharfen Zähne das Blut ihrer Opfer - meist Rinder und Pferde - auf. Mit Hinweis auf diese Besonderheit eröffnete Wolf Lepenies, Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, einen Kolloquiumsvortrag der amerikanischen Zoologin Cynthia Moss von der Universität von Maryland, USA. Sie arbeitet als Fellow am Wissenschaftskolleg in einer Projektgruppe zur Raumerkennung.

Fledermäuse haben auf eine ganz eigene Weise gelernt, Raum und Landschaft zu erfassen. Im Laufe der Evolution entwickelten diese Flugsäuger ein aktives Orientierungssystem, das selbsterzeugte akustische Signale als Informationsträger nutzt. Meist sind dies intensive Ultraschalllaute, die im - für das menschliche Ohr unhörbaren - Frequenzbereich von mehr als 20 Kilohertz liegen. Sie werden im Kehlkopf der Tiere erzeugt und je nach Art entweder durch den Mund oder die Nase ausgestoßen.

Fledermäuse können überaus präzise die Zeit bestimmen, die vergeht, bis ein ausgesendeter Ruf zurückkommt. Diese Laufzeit liegt im Bereich von tausendstel Sekunden, und wird um so kürzer, je näher das Tier dem angepeilten Ziel kommt. In Experimenten mit entsprechend trainierten Fledermäusen entdeckte Cynthia Moss beispielsweise, dass ihre Versuchstiere bei unbewegten Objekten Laufunterschiede der Signallaute von 60 Millisekunden unterscheiden können; das entspricht einem Entfernungsunterschied von etwa einem Zentimeter. Dank solcher Studien erkennen Zoologen heute, wie mannigfaltig die Möglichkeiten dieses hochentwickelten akustischen Ortungssystems der Fledermäuse sind - und wie perfekt sie sich mithilfe dieses Hörgeräts in ihrer Welt zurechtfinden.

In ihrem Vortrag stellte Cynthia Moss durch eindrucksvolle Video-Animationen dar, wie die Tiere das rückkehrende Echo etwa eines fliegenden Beuteinsekts durch ihr außerordentlich leistungsfähiges Hörsystem analysieren. Dank ihres Ultraschallradars können die jagenden Flugsäuger sich im Raum orientieren und zugleich Beute lokalisieren. Sie verfügen dabei zum einen über eine Art akustisches Gedächtnis, dass sich ein Bild der Umgebung macht. Zugleich ermöglicht es ihr Hörsystem, nicht nur Richtung und Eigenbewegung der fliegenden Beute zu ermitteln, sondern daraus auch ihren Angriff vorauszuplanen.

Das hereinkommende Echo liefert den Fledermäusen Informationen über Form, Größe und Struktur des reflektierenden Ziels; also auch darüber, ob ein Beuteobjekt etwa eßbar und überdies schmackhaft ist. Eine fliegende Fledermaus sendet ihre Ortungslaute dabei in Gruppen aus. Sobald ein Objekt entdeckt ist, nimmt die Häufigkeit dieser Laute rapide zu. So steigert sich die Frequenz, mit der eine Fledermaus ihr Beuteinsekt akustisch abtastet, je näher das Tier kommt, bis es schließlich ergriffen wird.

Während es beim Menschen bekanntlich gegen gute Tischsitte verstößt, mit vollem Mund zu sprechen, gilt dies nicht für Fledermäuse. Sie müssen auch mit einem Insekt im Maul noch Ortungslaute aussenden, um nicht nach jedem Beutefang abzustürzen.

Je nach Art haben Fledermäuse ihr akustisches Ortungssystem abgewandelt und an die besonderen Bedingungen angepaßt. Sie haben sich dabei den Luftraum akustisch aufgeteilt. Mehr noch: Fledermäuse bewiesen bei der Wahl ihrer Nahrungsnische geradezu Phantasie. So gibt es neben den sich mit Ultraschall orientierenden Insektenjägern auch solche, die sich auf Frösche, kleine Säugetiere und Vögel, ja sogar auf Fische spezialisiert haben. In den Tropen fehlen selbst Vegetarier nicht, die sich von Früchten, Blüten oder gar deren Nektar ernähren, zu denen sie indes in erster Linie über den Geruch geleitet werden.

Sicherlich das Kurioseste, was die nachtaktiven Flattertiere der Neuen Welt zu bieten haben, sind dann jene drei Fledermausarten, die sich vom Blut der Rinder und Pferde ernähren. Die Vampirfledermaus Desmodus rotundus wurde dabei zum lebenden Vorbild unzähliger Vampirstorys.

In akustischer Hinsicht noch verblüffender aber ist das Jagdverhalten der Hasenmaulfledermaus Noctilio leporinus. Diese etwa in Costa Rica lebende Art erbeutet nicht wie ihre nahen Verwandten Nachtfalter oder andere Insekten aus der Luft, sondern hat sich auf Fische verlegt. Sie nimmt mit ihrem akustischen Radar jene Wasserbewegungen wahr, die die Oberfläche durchstoßende Fische verursachen, verrechnet im Beuteanflug ihren eigenen Weg mit dem des Fisches und greift dann im richtigen Moment mit ihren langen, rechenartigen und krallenbewehrten Füßen zu, um die Beute zu packen und im Flug aus dem Wasser zu ziehen.

So faszinierend die physiologischen Details der akustischen Orientierung bei Fledermäusen sind, die Cynthia Moss an diesem Abend im Wissenschaftskolleg ausbreitete, so wenig Sicheres vermögen Systematiker bislang über Ursprung und Evolution dieses Echolots im Tierreich zu sagen.

Die systematischen Details der Verwandtschaft innerhalb der 970 Arten der Fledertiere, zu denen neben den Kleinfledermäusen auch noch die Flughunde gehören, sind umstritten. Ob die raffinierte Echoortung daher innerhalb dieser Ordnung der Säugetiere nur ein einziges Mal entstanden ist, wie Unterschiede im jeweiligen Ortungssystem der einzelnen Fledertiergruppen andeuten könnten, das vermögen Zoologen derzeit nicht sicher zu entscheiden. Nicht nur Conrad Gesner hatte also seine liebe Mühe mit der verwandtschaftlichen Einordnung der Fledertiere.

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