Gesundheit : Fleischfressende Bazillen

Ein Superkeim, unempfindlich gegen Antibiotika, bislang auf Kliniken beschränkt, gelangt nach draußen

Adelheid Müller-Lissner

MRSA, das war bislang das Kürzel für einen Schrecken, der sich auf Krankenhäuser beschränkte. Doch nun scheint das Bakterium sich auch außerhalb der Mauern von Kliniken und Pflegeeinrichtungen auszubreiten, wo ihm in den letzten Jahren immer mehr vor allem alte und immungeschwächte Kranke erlagen. Hinweise darauf liefern jetzt zwei Studien im „New England Journal of Medicine“.

Das besondere Kennzeichen des Bakteriums, das US-Medien schon als „Superkeim“ bezeichnen, ist seine Unempfindlichkeit gegen zahlreiche Antibiotika, darunter auch Reservemittel, die sonst die letzte Rettung sind, wenn Penicillin und andere Antibiotika im Kampf gegen Staphylokokken versagen. Der unliebsame kugelförmige Keim mit dem vollständigen Namen „Methicillin Resistent Staphylococcus aureus“ besiedelt auch Haut und Schleimhaut gesunder Menschen, bevorzugt lebt er in der Nasenschleimhaut. Meist bleibt das völlig unbemerkt.

Bei 14 von 843 Patienten, bei denen die resistent gewordenen Staphylokokken nachgewiesen wurden und die sich nicht in Kliniken angesteckt haben, stellten kalifornische Ärzte nun eine schreckliche Diagnose: Nekrotisierende Fasziitis oder Myositis. Von „fleischfressenden“ Bazillen ist da die Rede. Schwere Entzündungen greifen dabei auf das unter der Haut liegende Bindegewebe und Teile der Muskulatur über. Das Gewebe schwillt zunächst an, wird heiß und rot. Dann stirbt es ab, verfault. Oft bleibt nur die Möglichkeit, es herauszuschneiden.

Eine grausame Krankheit, die normalerweise von Bakterien aus der Familie der Streptokokken ausgelöst wird. Für die Ärzte gibt es also doppelten Grund zur Besorgnis: Nicht nur, dass man sich eine schwere Infektion mit den gegen übliche Mittel stumpf gewordenen Keimen auch außerhalb einer Klinik einhandeln kann, sondern auch, dass es die schweren Gewebeschäden verursacht. „Nekrotisierende Fasziitis, die durch eine MRSA-Infektion außerhalb einer Einrichtung verursacht wurde, ist eine neu aufgetauchte klinische Einheit“, folgern die Mediziner um Loren Miller von der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Bisher war MRSA vor allem wegen der Lungenentzündungen, Blutvergiftungen und schweren Hautinfektionen gefürchtet, die er bei Immungeschwächten und mehrfach kranken Älteren auslöste.

Die jetzt betroffenen Patienten waren im Schnitt erst 46 Jahre alt und überwiegend Männer. Eine große Gruppe hatte zuvor Drogen gespritzt, eine weitere litt unter Hepatitis, Diabetes oder früheren MRSA-Infektionen. Immerhin vier Patienten hatten keine bekannten Vorerkrankungen. Alle brauchten chirurgische Behandlung, teilweise auch wiederherstellende Operationen, alle verbrachten längere Zeit im Krankenhaus, teilweise auch unter künstlicher Beatmung auf Intensivstationen.

Keiner der Patienten starb – und das erstaunt: Es steht in Widerspruch zu der bisherigen traurigen Statistik, derzu- folge eine nekrotisierende Fasziitis für jeden dritten Patienten ein Todesurteil bedeutet. Offensichtlich handelt es sich bei den „fleischfressenden“ Bakterien um einen besonderen Stamm von MRSA. Jedenfalls wurden sie aufgrund der molekularen Analyse als Angehörige eines gemeinsamen DNS-Typs identifiziert. Zu dessen Charakteristika gehört unter anderem die Empfindlichkeit für einige Antibiotika.

In einer zweiten Studie berichtet eine Arbeitsgruppe aus Atlanta, Minnesota und Baltimore über ihre Analyse einer großen Datenerhebung: Die Forscher fanden 1647 Fälle von MRSA-Infektionen außerhalb von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, so genannte cMRSA (für: „community aquired“). Das sind je nach Region acht bis 20 Prozent aller identifizierten Fälle. Fast ein Viertel der Patienten musste im Krankenhaus behandelt werden.

Die Forscher folgern, dass auch niedergelassene Ärzte den Verdacht auf cMRSA im Kopf haben sollten, wenn sie eine Staphylokokken-Infektion diagnostizieren. Bisher werden dann oft Antibiotika aus der Gruppe der Beta-Laktame verordnet, die bei MRSA nicht wirken. „Dieses Vorgehen muss man überdenken, wenn MRSA-Infektionen auch in der Allgemeinbevölkerung ein erkennbares Problem werden“, so die Ärzte.

In Deutschland geht es bisher nur um vereinzelte Fälle. Nur eine von hundert Proben, die im Nationalen Referenzzentrum für Staphylokokken des Robert- Koch-Instituts in Wernigerode eingingen, stammte nicht von einem Patienten, der sich in einer Einrichtung des Gesundheitswesens angesteckt haben könnte. Wolfgang Witte, Leiter der dortigen Abteilung für nosokomiale Infektionen, mahnt jedoch: „Wir müssen Patienten konsequent von dem Keim befreien. Wenn sich cMRSA weiter ausbreitet, dann können wir nicht ausschließen, dass es auch bei uns Fälle von nekrotisierender Fasziitis geben wird.“ Einem Verdachtsfall, auf den ein niedergelassener Arzt aufmerksam wurde, nachdem er von der US-Studie gehört hatte, wird jetzt in Wernigerode nachgegangen.

Noch gilt MRSA hierzulande vor allem als ein typischer Krankenhaus-Keim. Doch auch in Alten- und Pflegeheimen kommt MRSA vor, und zwar einer Studie aus Nordrhein-Westfalen zufolge genau so häufig wie in Krankenhäusern. Reger Pendelverkehr zwischen beiden erhöht die Ausbreitung. Besonders gefährdet sind Bewohner, die einen Harnblasenkatheter tragen, eine immer häufiger werdende, fast unvermeidliche Quelle von Infektionen, und Bettlägerige, die sich wund gelegen haben. Ob die Pflegebedürftigen in einem Einzel- oder Mehrbettzimmer liegen, macht dagegen der Studie zufolge keinen Unterschied. Das passt zu kürzlich in der englischen Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichten Daten: Die infizierten Patienten völlig von Mitpatienten zu trennen ist demnach weniger wirksam als ein „hoher hygienischer Standard“. Vor allem über infizierte Hände finden die Erreger sonst leicht den Weg ins Nachbarzimmer – und nach draußen.

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