Gesundheit : Fleißige Helflerlein kehren die Scherben auf

MIKE SCHERFNER

Eine Handvoll Idealisten hält den maroden Uni-Betrieb aufrecht / Die Finanzmisere aus Sicht eines wissenschaftlichen MitarbeitersVON MIKE SCHERFNERDer Protest der Studenten lag seit langer Zeit in der Luft, und nun endlich hat der Unmut den Weg auf die Straße gefunden.Die Gründe hierfür, etwa überfüllte Vorlesungen oder Praktika, wurden in den letzten Wochen durch die vielen Aktionen an die Öffentlichkeit getragen, und es ist bewundernswert, daß sich gerade die Studenten der ersten Semester so sehr für Verbesserungen einsetzen, da diese nicht die Erfahrung der ständigen Verschlechterungen machen mußten, sondern "nur" in das kalte Wasser des Mangels gestoßen wurden. Erst ein tieferer Blick in das Innere der Universität offenbart das wahre Ausmaß dessen, was sich mit abgenutzten Worten wie "Katastrophe" nicht mehr beschreiben läßt.Da platzen nicht nur die Hörsäle aus allen Nähten, sondern Studenten können Veranstaltungen nicht mehr mit einem Leistungsnachweis abschließen, weil kein Geld mehr für einen betreuenden Assistenten vorhanden ist.Selbst wer einen der raren Plätze in den Vorlesungen und in der Übungsmaschinerie bekommen hat, hat noch lange nicht alles ausgestanden: Irgendwann kommt die Zeit, in der man sich um Examens- oder Diplomarbeiten kümmern muß.Dann wundert sich der Student nicht schlecht, wenn er eine Meßapparatur verwenden muß, die seit geraumer Zeit nicht mehr funktioniert.Die Reparatur der Geräte ist dann der kleine (natürlich unbezahlte) Nebenjob, den man erledigen muß, damit überhaupt Ergebnisse erzielt werden können.So wird man durch den Mangel an den Universitäten noch als Instandsetzer ausgenutzt - oder verhilft diese Arbeit zu einem zügigen Studium? Das Problem beginnt schon bei den einzelnen Arbeitsgruppen, welche die Keimzellen für den wissenschaftlichen Fortschritt darstellen: Viele Naturwissenschaftler (und nicht nur die!) müssen mit völlig veralteten Geräten auskommen.So stehen im Rechnerraum des Instituts für Theoretische Physik der Technischen Universität Berlin nur drei Computer, die zwar nicht völlig veraltet sind, aber den Anforderungen schon lange nicht mehr genügen.Hunderte Kinder und Jugendliche in dieser Stadt werden unter den Weihnachtsbäumen bei weitem leistungsfähigere Rechner vorfinden als viele Diplomanden und Doktoranden der Physik.Nur diese brauchen sie für die Forschung, nicht für Fantasyspiele.Wer sich keinen eigenen Computer leisten kann, muß sich auf lange Wartezeiten an den wenigen Bildschirmen vorbereiten.Zügiges Vorankommen wird konsequent behindert. Wie sieht es beispielsweise mit der Betreuung von Diplomanden aus? Den Kern einer Gruppe, in der die Arbeiten angefertigt werden, bildet der entsprechende Professor.Dieser hat allerdings fast nie ausreichend Zeit, um seine Diplomanden gut zu betreuen.Gewöhnlich lehnt er Studenten, die ihr Diplom bei ihm schreiben wollen, gleich ab.Die machen sich dann auf die Suche nach einem Thema in einem anderen Gebiet.Oder er delegiert die Betreuungsarbeit an seine wissenschaftlichen Mitarbeiter.Diese sind allerdings absolute Mangelware und haben, wenn überhaupt, fast ausschließlich 2/3- oder 1/2-Stellen; natürlich bei vollem Arbeitsaufwand. Einige Professoren müssen ganz ohne Assistenten auskommen.Was dies für eine Betreuung bedeutet, kann man sich leicht vorstellen.Ein nicht unerheblicher Teil der Arbeit für die Studenten wird auf freiwilliger Basis geleistet.So gibt es viele ausgebildete Wissenschaftler, die Studenten faktisch ehrenamtlich betreuen und diverse Organisationsaufgaben übernehmen. Vieles würde ohne diese hilfsbereiten Idealisten endgültig zusammenbrechen.Das wissen die Verantwortlichen aber nicht.Hauptsache ist, daß alles noch irgendwie läuft.Die Forschung wird gelähmt, weil Professoren einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringen müssen, daß sie für ihre fleißigen Helferlein Unmengen von Unterschriften leisten müssen, um im gnadenlosen Verteilungskampf noch das eine oder andere Stück durch irgendwelche außeruniversitären Förderungen zu bekommen.Lehre und Forschung sind zumeist nur noch eine Fassade, hinter der wenige besonders leidensfähige Enthusiasten Scherben aufkehren. Junge Wissenschaftler werden für einen ordnungsgemäßen Wissenschaftsbetrieb dringend gebraucht.Man kann hochqualifizierte Leute aber niemals halten, wenn man sie für den Hungerlohn einer halben BAT II-Stelle arbeiten läßt.Soll das alles sein, was man den Leuten bietet, die den Nachwuchs für den - in den letzten Monaten von allen politischen Seiten gepriesenen - Wissenschaftsstandort Deutschland hervorbringen? Vom Idealismus wird keiner satt! Wie stellen sich Politiker wie Herr Radunski denn ein Deutschland an der Forschungsspitze vor, wenn teilweise mehr als ein Dutzend Studenten mit ihren Abschlußarbeiten einen Professor und einen Assistenten mit einer halben Stelle belagern? Und dies alles neben der Betreuung der zahlreichen Studenten in den Vorlesungen, Seminaren (zum Teil auch ehrenamtlich veranstaltet) und bei der Prüfungsvorbereitung.Und dies waren noch lange nicht alle auszuführenden Tätigkeiten.Vieles ließe sich noch aufzählen, und jeder ist herzlich dazu eingeladen, sich an den Universitäten persönlich umzusehen.Aber man kann bereits ahnen, daß sich kein Politiker in diesen Sumpf einweihen lassen möchte, in dem sich seine Unfähigkeit und Ignoranz widerspiegelt. Solange es noch irgendwie läuft, wird schon alles gut sein.Ist es aber nicht! Mit voller Überzeugung: Dieses Land hat die Abenddämmerung schon lange hinter sich gelassen, wenn ein Professor mit einer C4-Stelle die Schreibarbeit für eine nicht mehr existierende Sekretärin vollbringen muß und ehrenamtliche Mitarbeiter wesentlich zum Fortkommen der Studenten beitragen müssen. Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im TU-Fachbereich Physik und hat einen Lehrauftrag am TU-Fachbereich Mathematik.

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