Gesundheit : "Flugis" werden zur Allzweckwaffe

INGO BACH

Studenten in Berlin blockieren und diskutieren / Nicht immer ernten sie BeifallVON INGO BACHMontag früh, acht Uhr, Rotes Rathaus: Aktion "Bettelstudent" läuft pünktlich an - nur der Adressat fehlt noch.Die etwa 50 TU-Studenten scheinen ausgeschlafener zu sein als die Politiker.Von denen hat sich zu so früher Stunde noch niemand blicken lassen.Dabei hätte man zu gern den Regierenden Bürgermeister um ein paar Almosen für die Hochschulen angehauen, sagt Jana Iburg, Studentin der Landschaftsplanung."Aber der ist auch noch nicht da." Und so klappern in den Sammelbüchsen nur ein paar Groschen und Pfennigstücke einsam vor sich hin. Doch damit ist der erste Tag der studentischen Aktionswoche in Berlin längst nicht beendet.Im Gegenteil, in diesen zwölf Stunden bis zur finalen Blockade der Straße des 17.Juni um 20 Uhr, wird es nahezu unmöglich sein, über die Proteste an den Hochschulen uninformiert zu bleiben.Jedes Aktionshappening wird begleitet von einem Schwarm von Flugblattverteilern.Die "Flugis" werden zur Allzweckwaffe im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit. Besonders wichtig sind die Infopapiere bei der öffentlichen Vorlesung der TU-Biologiestudenten im Bahnhof Zoo, denn viele der Passanten bleiben verwundert stehen.Dann erklären die didaktisch geschulten künftigen Biologielehrer geduldig die Misere der Lehrerbildung an den Universitäten - und werben um Sympathien für ihre Nöte.Derweil müht sich ihr Dozent Helmut Ross, gegen den Bahnhofslärm anzubrüllen und den Chlorophyllgehalt von Kräutern zu vermitteln.Eine große Umstellung sei das für ihn nicht, sagt Ross."In meinen Seminaren muß ich auch sehr laut reden, weil sie so übervoll sind.Genau deshalb protestieren wir ja hier!" Die Reaktionen darauf seien überwiegend positiv, sagt der Student Tobias Knop.Doch von manchen hört er auch Ablehnung: "Ich konnte früher auch nicht studieren, also laßt mich in Ruhe!" Was genau Otto und Ottilie Normalgebildet über die Bildungsmisere denken, versucht eine Arbeitsgruppe von Soziologiestudenten der TU zu klären.Mit Hilfe eines streng wissenschaftlichen Fragebogens erkunden sie empirisch die Sympathielage.Anfang nächster Woche sollen die Ergebnisse vorliegen, hofft Katja Müller.Ein schweres Stück Arbeit, denn: "für eine repräsentative Aussage brauchen wir mindestens 2 000 ausgefüllte Bögen." Während die Biologiestudenten im Bahnhof wenigstens ein Dach über dem Kopf haben, stehen ihre Kommilitonen von der Ur- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität im Regen.Und das nicht nur, weil es an diesem Montag-Mittag sanft vom Himmel tröpfelt.Ihr Studiengang soll an der HU eingestellt werden.Und weil dieser Vorschlag nur durch ein Informationsdefizit in der Universitätsleitung erklärbar ist, möchten auch diese Studenten vor allem informieren.In einer öffentlichen Ausgrabung vor dem HU-Hauptgebäude suchen sie nach dem Münzschatz, der das Überleben ihrer Ausbildung sichern könnte.Sie fanden allerdings nur ein Haushaltsloch, wie es im vorläufigen Grabungsbericht heißt. Um 12 Uhr mittags verbreitet sich Advents-Stimmung im Bahnhof Zoo.Die eine Stunde zuvor abgezogenen Biologiestudenten haben Platz gemacht für einen Chor der Fachschaft Jura von der HU.Im Dienste der Aufklärung erwärmen die Jurastudenten die Herzen der Passanten mit solch vorweihnachtlichen Weisen, wie: "Stille Nacht, heilige Nacht / Unsere Uni wird platt gemacht." Weniger zart ironisch, dafür handfest geht es gleichzeitig dreihundert Meter hinter dem Bahnhof zu.300 Studenten von der Hochschule der Künste und der TU blockieren die Hardenbergstraße direkt vor dem HdK-Hauptgebäude.Allerdings reagieren gestreßte Autofahrer etwas weniger sympathisiert als die Kunden der Deutschen Bahn."Wir haben auch nicht mehr Geld als ihr, also laßt uns durch", ruft ein genervter Busfahrer.Ein Arbeiter einer angrenzenden Baustelle seufzt: "Hoffentlich sind die bis zum Feierabend wieder weg." Er wurde erhört, dreißig Minuten später war die Blockade beendet."Sie können jetzt weiter fahren", rief HdK-Studentent Hagen Damwerth den Wartenden per Megaphon zu."Aber denken Sie an uns." Nach diesem Tag werden sie sicher nicht die einzigen sein, die den protestierenden Studenten einen Gedanken oder ein Stoßgebet widmen.

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