Gesundheit : Flussfahrt nach Stonehenge

Britische Archäologen haben in der Nähe des Kultorts ein Dorf ausgegraben – das Camp der Baumeister?

Michael Zick

Sie trafen sich im Jahr 2600 v.Chr. zur Wintersonnenwende bei den Durrington Walls, tranken und schlemmten ausgiebig, wofür Heerscharen von Wildschweinen ihr junges Leben lassen mussten. Es war, so der Ausgräber Mike Parker Pearson von der Sheffield University, ein steinzeitliches Freiluftfestival.

Dann wallfahrteten sie über den Fluss Avon nach Süden, wo sie in Stonehenge einen wohl würdigeren Kult für ihre Toten zelebrierten. Die Kreisgrabenanlage Durrington Walls war – mit einem benachbarten „Woodhenge“ – der Ort des Lebens, Stonehenge die Stätte des Todes, so der Ausgräber weiter.

Die Flussfahrt zwischen den beiden prähistorischen Monumenten symbolisierte den Übergang ins Totenreich: Den vielen und vielfältigen Theorien um Englands größtes vorgeschichtliches Steindenkmal wurden vor einigen Tagen auf einer Pressekonferenz des britischen Archäologen in New York einige neue, glitzernde Steinchen hinzugefügt.

Die Fakten dazu sind recht nüchtern. Mike Pearson hat 3,2 Kilometer nördlich von Stonehenge zwischen der Erdanlage Durrington Walls und dem Fluss Avon acht Einraumhäuser mit 25 Quadratmeter Grundfläche ausgegraben. Lehmfußböden und zentrale Feuerstelle geben ihm Gewissheit, denn von den hölzernen Wänden ist naturgemäß nichts mehr erhalten. Abdrücke im Boden interpretiert er als Betten und Regale. Weitere 30 Behausungen wurden mit geophysikalischen Messungen verifiziert, hunderte werden vermutet: „Es scheint, als sei das ganze Tal voll mit Häusern“, so der Ausgräber.

Reichlich Müll in Form von Tierknochen, Tongeschirr und Feuerstein belegt die Anwesenheit von steinzeitlichen Briten. Die Siedlung ist nach den C14-Datierungen rund 4600/4500 Jahre alt – passend zur ersten Bauphase von Stonehenge. Da Alltagsgegenstände fehlen, vermutet Pearson einerseits, dass hier die Baumeister des Steinkreises gelebt haben oder – andererseits – Wallfahrer zu „saisonalen Treffen zusammenkamen, um Beerdigungszeremonien abzuhalten“. Denkbar ist für ihn auch eine Art Zwischenlager für die Toten, bevor sie die Flussfahrt ins Jenseits antraten. Etwas abseits gelegene, größere Häuser ohne Müll interpretiert der Ausgräber als Behausungen der Häuptlinge oder Priester.

Seine Ausgrabungen im letzten Herbst, so Mike Parker Pearson, belegen einen Zusammenhang zwischen der steinernen Anlage von Stonehenge und dem hölzernen Pendant Woodhenge bei den Durrington Walls. „Stonehenge ist kein isoliertes Monument“, argumentiert er. Die beiden Stätten seien durch Weg, Fluss und Ritual miteinander verbunden und Teil eines großen religiösen Komplexes gewesen.

Gebaut wurde im immer mythischen Stonehenge zwei Jahrtausende lang. Um 3000 v.Chr. entstand ein Ringwall mit 114 Metern Durchmesser und einer einzigen, 13 Meter breiten Öffnung in Richtung Sommersonnenwende. Zuwanderer aus Holland und dem Rheinland präzisierten um 2100 v.Chr. die Ausrichtung auf diesen astronomischen Punkt und legten eine breite Prozessionsstraße („Avenue“) zum Fluss Avon an.

Ein erster Stein-Halbkreis im Inneren der Wallanlage blieb Stückwerk, die aus 400 Kilometer mühsam herbeigeschafften „Blausteine“ (Dolorite) verschwanden wieder. Richtig geklotzt wurde ab 2000 v.Chr.: Innerhalb der nächsten 500 Jahre entstand das charakteristische Erscheinungsbild von Stonehenge mit dem sechs Meter hohen Pfeilerpaar und dem daraufliegenden Dachstein: Fünf solcher „Trilithe“ wurden in Form eines Hufeisens aufgestellt. Ein Kreis aus immer noch über vier Meter hohen Pfeilern mit Dachsteinen umschlossen die Trilithe. Auch heute noch eine imposante Anlage, die zu Mythenbildung und esoterischem Ringelpietz geradezu einlädt.

Die Wissenschaft beschäftigt sich erst seit knapp 30 Jahren ernsthaft mit dem prähistorischen Monumentalbau. Die archäologischen Funde und Befunde müssen zum Reden gebracht werden. Doch auch die Wissenschaft ist dabei nicht gefeit gegen spekulative Interpretationen, die natürlich – wissenschaftlichen – Widerspruch wecken. Denkbar ist nach denGrabungsergebnissen von Mike Pearson vieles, aber noch mehr ist ungeklärt. Wer zum Beispiel die Erbauer von Stonehenge waren, kann die Wissenschaft bislang ebenso wenig erklären, wie den Zweck der gewaltigen Unternehmung, die geistig wie körperlich und logistisch eine Glanzleistung menschlichen Gestaltungswillens darstellt.

Ein überaus reiches Grab aus Zeit und direktem Umfeld von Stonehenge sorgte vor vier Jahren für Aufruhr in Englands prähistorischen Wahrzeichen. Darin nämlich war ein Edler beigesetzt, der nach Aussagen seines Zahnschmelzes aus dem mitteleuropäischen Alpenraum stammte: „Die Erbauer von Stonehenge in Lederhosen?“, grauste sich damals die britische Boulevardpresse.

Aber auch der Sinn der Anlage ist keinesfalls gesichert. Ausrichtungen nach wichtigen Jahreszeit-Terminen wie Sonnenwenden geben der Deutung als „Observatorium“ Auftrieb. Sie kann jedoch auch einem Ahnenkult oder der Götterverehrung gedient haben. Und die Funktion als identitätsstiftender gemeinsamer Ort für eine noch locker strukturierte Gesellschaft liegt nicht außerhalb der Interpretationsmöglichkeiten.

Das Schicksal solcher Ungewissheiten und Mysterien teilt Stonehenge mit vielen anderen Stätten mit prähistorischer Gigantonomie: Ägyptens Pyramiden entstanden zwar einige hundert Jahre nach der britischen Steinaufhäufung.

Aber die monströsen Steintempel auf Malta wuchsen um 3500 v.Chr. in den mediterranen Himmel. In der Bretagne und Spanien setzten schon ab 4000 v.Chr. Menschen Male aus gewaltigen Steinen. Die riesigen Kreisgräbenanlagen aus Erde und Holz in Deutschland und Österreich entstanden um 5000 v.Chr. Der derzeitige Anfangspunkt für herkulische Menschentaten ist die Tempelanlage auf dem Göbekli Tepe in der Südosttürkei, die um 9500 v.Chr. gebaut wurde.

Bei all diesen Weltwundern kann man die Frage „Wie wurde das gemacht?“ inzwischen meist rekonstruieren. Das „Wer?“ dagegen ist kaum zu verifizieren. Und über das „Warum?“ kann man ewig spekulieren.

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