Gesundheit : Forscher erzielen erstaunliche Erfolge - Erste Produkte könnten bald auf den Markt kommen

Laura Johannes

Im Sommer 1997 sah es so aus, als ob der Lungentumor von Patricia Aneff unbesiegbar wäre. Der Tumor breitete sich unterhalb ihrer Lunge aus und machte eine Operation unmöglich. Drei Chemotherapien "ließen mich wie E.T. aussehen, aber änderten nichts am Tumor", sagt die Mutter von drei Kindern aus Texas. "Ich dachte nicht, dass ich das neue Millennium erleben würde." Dann wurde Aneff eine von mehreren Testpersonen einer vollkommen neuen Krebsbehandlung: der Gentherapie. Ein Labortest ergab, dass ihr Tumor aus fehlerhaften p53-Genen bestand - Gene, die im intakten Zustand Zellteilungen unterbinden sollen, wenn das Erbgut Fehler aufweist. Als die Ärzte in ihren Tumor intakte p53-Gene injizierten, schrumpfte er auf die Größe eines kleinen Balls und die Chirurgen konnten ihn leicht entfernen. Aneff, nun gesund, feierte Silvesterabend mit Freunden.

Die Gentherapie versucht, Krankheiten mit biologischen Taschenspielertricks zu kurieren: Korrektur-Gene werden in Zellen eingeführt, denen diese Gene fehlen oder wo sie fehlerhaft sind. Allerdings ist die Gentherapie in den USA heftig unter Beschuss geraten, nachdem der 18-jährige Jesse Gelsinger, der an einer unheilbaren erblichen Stoffwechselkrankheit litt, im vergangenen November während eines Experiments an der University of Pennsylvania starb. Kritisiert wird, dass die Gentherapie in den zehn Jahren des Experimentierens kaum Erfolge hatte. In zahlreichen Testversuchen haben Wissenschaftler zur Heilung tödlicher Krankheiten Gene injiziert, nur um festzustellen, dass nichts passierte - wahrscheinlich, weil die Gene niemals in die betreffenden Zellen gelangten. Aber gerade jetzt, da sich das öffentliche Ansehen der Gentherapie verschlechterte, wurden mehrere bedeutende Erfolge erzielt. In Boston haben Forscher Brustschmerzen, die von verstopften Arterien herrühren, verringert, indem sie Gene, die neue Blutgefäße bilden, in das Herz injizierten. Und französische Ärzte haben kürzlich von ersten Erfolgen bei der Behandlung einer seltenen erblichen Krankheit bei Kindern berichtet, deren Immunsystem zerstört ist und sie zu einem Leben in Isolierung zwingt. Doch nur bei der Krebs-Gentherapie haben die Versuche die Phase drei erreicht, also jenes letzte Forschungsstadium, das auf die Genehmigung durch die US-Behörden hinausläuft. Die Pharmaunternehmen Schering-Plough aus den USA und die deutsch-französische Aventis, die mit dem texanischen Forschungsunternehmen Introgen Therapeutics zusammenarbeiten, waren von den ersten Ergebnissen so beeindruckt, dass sie nun weitergehende Forschungen unterstützen.

Es ist überhaupt nicht sicher, dass diese Versuche etwas bringen werden. Dennoch sind sie ein Hoffnungsschimmer für die kritisierte Gen-Therapie-Branche. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die p53-Therapie zur Standardbehandlung einiger Krebsarten wird", sagt James Zwiebel, Onkologe beim National Cancer Institute, das viele Gentherapie-Versuche finanziert. Aber er ist vorsichtig: "Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Illusion hegt, dass man ein Gen aus dem Regal nehmen kann, es injiziert und - bingo, alle Tumore verschwinden." In den vergangenen Jahren wurde etwa 600 Menschen mit tödlichem Krebs das p53-Gen gespritzt. Damit das Gen in die Zellen gelangt, nutzen Wissenschaftler einen Virus. Die Ergebnisse: Zunächst hat sich Gentherapie als weniger gesundheitsschädlich als die Chemotherapie erwiesen, auch wenn es zu einigen schweren Nebenwirkungen wie hohem Fieber kam. Doch habe die Therapie bei vielen eine eindeutige Auswirkung auf das Krebsleiden gehabt, sagt Antoine Yver, Direktor der Onkologie-Genforschung des Pharmakonzerns Aventis. Bei insgesamt 26 Prozent der Patienten schrumpfte der Tumor oder wurde das Wachstum für zwei bis 18 Monate gestoppt. Das mag sich nach nicht viel anhören. Aber in der Testgruppe - Patienten mit so bösartigem Krebs, dass sie nur noch etwa vier Monate zu leben haben - reichen bereits ein paar zusätzliche Lebensmonate, damit die Behörden das Medikament zulassen.

Wahrscheinlich wird der p53-Ersatz das erste, kommerzielle Gentherapie-Produkt. Die starke Wirkung von p53 auf menschliches Krebsleiden wurde 1989 zuerst von Forschern der John-Hopkins-Universität bewiesen. Man glaube, dass bei 50 bis 75 Prozent der Krebserkrankungen dieses Gen fehlerhaft sei, sagt Professor Bert Vogelstein der Universität, an dessen Lehrstuhl die Pionierarbeit zustande kam. Bald interessierte sich der Lungenkrebs-Chirurg Jack Roth für die Untersuchungen von Vogelstein. Nachdem er Dutzende von Tierversuchen mit p53 gemacht hatte, gründete Roth 1992 das Unternehmen Introgen, um für die ersten Menschenversuche eine Million Dollar zusammenzubekommen. Bei dem ersten Patient, einem 60-jährigen Mann mit einem Lungentumor, bei dem Bestrahlung nichts ausgerichtet hatte, verschwand der Krebs. Allerdings starb der Mann vier Monate später an einem Nierentumor. Dass das Leben des Patienten um ein paar Monate verlängert wurde, war ein Fortschritt.

Die Versuche wurden ausgeweitet, und Introgen begann, mit Aventis zusammenzuarbeiten. Der Pharmakonzern finanziert die Forschung und erhält dafür das Recht auf die Vermarktung des Medikaments. Die Ergebnisse der Testversuche waren überwältigend. Gentherapie hatte eindeutig eine Wirkung auf Tumore - bei einigen stoppte sie das Wachstum, bei anderen schrumpfte der Tumor sogar. Die Aufsichtsbehörde Food an Drug Administration erlaubte, die Testversuche bei Krebskranken fortzusetzen. In einer Sicherheitsanalyse für die Behörden, hatte Aventis festgestellt, dass es in der zweiten Versuchsphase nur bei drei Prozent der 307 Testpersonen zu gravierenden Nebenwirkungen gekommen und keiner gestorben war. Bei einer Chemotherapie hätten fünf Mal so viele Patienten starke Nebenwirkungen gehabt, sagt Yver von Aventis, und etwa drei Prozent wären gestorben. Doch nun, mit Beginn der Phase 3, beginnt der eigentliche Test: Die Gentherapie soll mit der bisherigen Standardbehandlung verglichen werden. Aventis hat gerade einen internationalen Testversuch von p53 bei Gehirntumor und Kehlkopfkrebs begonnen. Etwa 240 Patienten erhalten entweder die Gentherapie oder ein mildes chemotherapeutisches Medikament. Aventis will testen, ob die Gentherapie die Lebenserwartung der Patienten, die im Schnitt bei vier Monaten liegt, auf sieben Monate verlängert. "Es funktioniert. Die Tumoren schrumpfen", sagt Roth. "Nun ist die Frage: Funktioniert die Gentherapie ebenso gut oder besser als die bestehende Behandlung?"

Übersetzt und redigiert von Kristina Greene (Britische Industrie, Börsenfusion), Birte Heitmann (Livingstone) und Maira Meyer (Krebstherapie).

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