Gesundheit : Forscher im Fernsehen

Wissenschaftler drängen immer mehr in die Öffentlichkeit. Viele profitieren davon auch in ihrem Beruf

Amory Burchard

„Bonner Professor: Ich heile Herzinfarkt“. Der „Bonner Express“ verkündet die Sensation in Riesenbuchstaben auf Seite eins. Mit embryonalen Stammzellen könne Armin Welz, Direktor der Klinik für Herzchirurgie, Herzmuskelzellen herstellen und sie dem Patienten direkt in das vom Infarkt geschädigte Herz spritzen, erklären die „Express“-Reporter den Lesern. Auf Seite 23 erfährt der Leser zwar auch, dass Welz bislang nur im Tierversuch mit Labormäusen experimentierte. Aber in seiner Klinik laufen die Telefone trotzdem heiß. Welz ist entsetzt: ein seriöser Arzt als Wunderdoktor.

Wissenschaft und Öffentlichkeit – ein spannungsreiches Verhältnis. Angesichts immer knapperer Ressourcen müssen die Wissenschaftler Aufmerksamkeit außerhalb ihrer Labors und Hörsäle suchen. Wer von einem breiteren Publikum wahrgenommen wird, steigert auch seine Chancen im akademischen Wettbewerb. Doch die Laienwelt kann den Feinheiten wissenschaftlichen Fortschritts kaum folgen. Oft erreichen Ergebnisse breitere Schichten nur in holzschnittartiger Vereinfachung, ja bisweilen verzerrt – für die Wissenschaftler eine Enttäuschung.

„Das Interesse der Öffentlichkeit an Wissenschaft steigt und damit auch ihre Boulevardisierung“, sagt Andreas Archut, Pressesprecher der Universität Bonn. Herzchirurg Welz beschwerte sich nach dem „Express“-Artikel bei ihm. Denn Archut hatte die Pressemitteilung über die Grundlagenforschung des Herzspezialisten geschrieben. Und er hatte den Professor überredet, auch mit der Boulevardpresse zu reden.

An sensationellen Forschungsergebnissen und Einblicken in die lange verschlossenen Labore sind aber nicht nur Massenblätter interessiert. Wissenschaftssendungen im Fernsehen, Lange Nächte, Kinderunis: Forscher sind stärker als je zuvor gefordert, ihre Arbeit zu präsentieren und bei Wissenschaftsevents Heerscharen von neugierigen Besuchern zu unterhalten. „Der Elfenbeinturm ist schon lange geschliffen“, sagt Archut. „Rückschläge“ wie im Fall des Bonner Herzchirurgen seien aber die Ausnahme.

Archut, Erfinder der Wissenschaftsnächte, hat „Professoren mit leuchtenden Augen“ gesehen, die sich nicht vorstellen konnten, dass ihre Arbeit auf so viel Resonanz stößt. Das Aha-Erlebnis sei beidseitig: Auch die Besucher sind überrascht, in Labors und Seminarräumen nicht auf weltfremde Wesen zu stoßen, die sich mit abgehobenen Dingen beschäftigen, sondern auf „Menschen wie du und ich, die sich die Zeit nehmen, zu erklären“.

Öffentliche Aufmerksamkeit für Forschungsergebnisse führt zum Aufstieg in der Scientific Community, sagt der Elite- und Professionsforscher Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt. Wissenschaftler, die öfter in Zeitungen und vor allem im Fernsehen gefragt sind, werden auch von Kollegen entdeckt – und als Promis zu Kongressen eingeladen. Publizität für ein Thema hilft auch bei politischen Entscheidungen über Forschungsgelder. Wenn die Tsunami-Experten vom Potsdamer Geoforschungszentrum Geld bräuchten, hätten sie nach der Katastrophe im Dezember 2004 Chancen, es zu bekommen, glaubt Hartmann. „Es entscheiden nicht Wissenschaftler über die öffentlichen Etats, sondern Politiker – und die sind Laien, die sich in den Medien informieren.“

Also doch kein Konflikt zwischen Wissenschaft und Medien? Hartmann warnt vor „Häppchenjournalismus“. Wenn etwa ein Politologe mehrmals wöchentlich mit nur drei Sätzen im Fernsehen präsent ist und nicht mehr wissenschaftlich publiziert, kann er unter Kollegen schnell als „flach“ gelten. Journalisten neigten außerdem dazu, Experten aus der Wissenschaft „abzuschöpfen“, anstatt selber zu recherchieren, klagt der Soziologe. Hartmann rät seinen Kollegen, mit den Redaktionen für kurze aktuelle Statements als Gegenleistung auch mal einen längeren hintergründigen Beitrag auszuhandeln.

Die Universitäten haben erkannt, dass sie ihre Wissenschaftler für den öffentlichen Auftritt schulen müssen. Die Sprecher üben mit ihnen, wie man eine Pressemitteilung schreibt; die Berliner „Lange Nacht der Wissenschaften“ und der „Wissenschaftssommer“ werden von professionellen Agenturen betreut. An der Technischen Universität Berlin können Wissenschaftler jetzt in einem Weiterbildungsstudium lernen, wie sie „sich im Kampf um öffentliche Akzeptanz, um Budgets, Förderzuschüsse oder Sponsorenmittel erfolgreich behaupten“. Im Wettbewerb „ist die professionelle Selbstdarstellung immer wichtiger geworden“, wirbt die Uni für den neuen Masterstudiengang Wissenschaftsmarketing.

Forschen, lehren, Drittmittel einwerben, Diplomanden betreuen, Gutachten schreiben – und sich außerdem noch Konzepte für die Wissenschaftsnacht ausdenken oder für die Kinderuni. Wie soll ein Wissenschaftler das alles schaffen? „Das ist ganz einfach – in einem gut laufenden Institut mit hervorragenden Studenten und Mitarbeitern“, sagt Harald Lesch, Theoretischer Astrophysiker an der Uni München und Leiter der Uni-Sternwarte. Der 44-Jährige macht im Bayerischen Rundfunk die Astronomie-Sendung a-Centauri, schreibt populärwissenschaftliche Bücher wie „Big Bang Zweiter Akt“ und diskutiert öffentlich über Naturphilosophie – in einem Münchner Restaurant. Am Freitag erhält Lesch den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Als großer Kommunikator betätigt sich Lesch auch in den langen Nächten auf dem Wendelstein, mit denen er und seine Kollegen von der Sternwarte für ein neues, leistungsstarkes Teleskop werben. Zum Sternegucken bei australischer Didgeridoo-Musik lädt er nicht nur die Münchner Öffentlichkeit ein, sondern auch Politiker, die über die Investition zu entscheiden haben. „Die sollen hinterher das Gefühl haben: Das sind unsere Jungs da oben“, sagt Lesch.

Aber nicht jeder Wissenschaftler kann nach den Sternen greifen, um sein Publikum zu fesseln – oder Volkskrankheiten wie den Herzinfarkt heilen. Ein Berliner Forschungsinstitut, in dem vorwiegend Konstruktionsmodelle am Computer ausgetüftelt werden, meldete sich in diesem Jahr von der „Langen Nacht“ ab – auch mangels zündender Ideen für das Publikum. Harald Lesch rät zu Themen, die die Leute wirklich angehen und würde fragen: Nehmen uns diese Computer Arbeitsplätze weg?

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