Gesundheit : „Forscher neigen zu Schummeleien“

Der Soziologe Stefan Hornbostel über gerechte Wettbewerbe und Fälschungsskandale in der Wissenschaft

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Herr Hornbostel, folgende Situation: Sie sind Gutachter in einem hoch dotierten Wettbewerb und haben eine Handvoll Anträge für Forschungsvorhaben vor sich liegen. Wie entscheiden Sie, welches das beste Projekt ist?

In der Regel haben Sie Vorgaben und Ziele, je nachdem, um welchen Wettbewerb es geht. Das ist die Basis, an der man sich orientiert. Eine objektive Messlatte für Wahrheit oder Fortschritt gibt es aber letztendlich nicht. Alle Versuche aus der Wissenschaftstheorie, so etwas zu konstruieren, sind bislang nicht erfolgreich. Deshalb braucht man kompetente und informierte Juroren und Gutachter.

Wie einfach ist es, das beste Vorhaben herauszufiltern?

Der Unterschied zwischen oben und unten ist meist deutlich zu erkennen. Wer in die Spitzengruppe kommt, ist häufig schnell entschieden. Ähnlich ist es mit dem Schluss. Hoch kompliziert ist das Mittelfeld, und die meisten strittigen Entscheidungsprozesse drehen sich um diese Mitte. Bei der Frage, wer davon noch gefördert wird und wer nicht, nähert man sich Zufallsauswahlen an.

In der Tat scheiden sich an wissenschaftlichen Begutachtungsverfahren die Geister. Das Peer-Review-Verfahren – die Prüfung durch Fachkollegen, die in Deutschland wie anderswo maßgeblich ist – befördere Mauscheleien, heißt es. Inhaltlich würde sich der Mainstream durchsetzen. Ihr Institut hat jetzt erstmals eine Studie dazu vorgelegt. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Die empirischen Befunde dazu sind sehr ambivalent. Es gibt Befunde in beide Richtungen, was die Qualität der Urteile angeht. Dadurch, dass die Begutachtungs- und Auswahlverfahren sehr stark unter Beobachtung geraten, spürt man allerdings eine leichte Verunsicherung unter den Peers. Das ist problematisch, weil dann die Bereitschaft sinkt, sich in riskante Felder zu bewegen. Dort ist das Risiko des Fehlurteils größer.

Welche Rolle spielen Netzwerke?

Eine wichtige. Die sind gleichermaßen nützlich wie gefährlich. Netzwerke haben eine wichtige Funktion, weil die Wissenschaftler sich in ihrem Spezialgebiet in häufig weltweiten Gemeinschaften austauschen. Nur wenn die Experten ihre Urteile auf dem aktuellen Diskussionsstand in solchen Gemeinschaften aufbauen können, entsteht mehr als ein subjektives Urteil. Andererseits laden Netzwerke immer zur Rücksichtnahme gegenüber Kollegen ein, und im extremen Fall, wenn Befangenheiten nicht erkannt werden, auch zur Vetternwirtschaft. Es ist schwer kalkulierbar, inwieweit das bei der Urteilsbildung eine Rolle spielt.

Sind internationale Gutachter unabhängiger als deutsche?

Netzwerke machen nicht an den Grenzen eines Nationalstaates halt. Forscher eines Netzes sitzen in Deutschland, in Großbritannien, den USA und vielleicht auch in Indien. Die Probleme der Vernetzung hat man also auch dann, wenn man internationale Gutachter hat. Sie können natürlich auch absolut neutrale und unbekannte ausländische Gutachter holen. Die sind dann aber in der Regel so uninformiert über das deutsche Forschungssystem, dass sie mit deren Urteilen nicht viel anfangen können.

Auch im Elitewettbewerb hat das Begutachtungsverfahren Kritik hervorgerufen. Die Hochschulrektoren fordern mehr Transparenz. Wie kann die hergestellt werden?

Wie viel Transparenz bei der Entscheidungsfindung hergestellt werden muss, ist eine schwierige Frage. Völlige Transparenz hat den Vorteil, dass die Peers zu einer sehr nachvollziehbaren Argumentation gezwungen werden. Der Nachteil ist, dass die Bissfähigkeit der Gutachter abnimmt und ihre Rücksichtnahme steigt. Sie urteilen schließlich über Kollegen, mit denen man auch später noch leben muss und will. Ein weiterer Nachteil zeigt sich in Dänemark …

… wo anders als in Deutschland alle Gutachter vorher bekannt gemacht werden und die Antragsteller auf die Bewertung der Gutachter reagieren können.

Genau. Dort sinkt die Bereitschaft von guten Forschern, an Begutachtungen teilzunehmen. Sie wollen sich der Druckkonstellation ungern aussetzen. Das ist gefährlich, denn dann bekommt man als Gutachter nur die zweite und dritte Reihe.

Für Aufsehen sorgen immer wieder Fälschungsskandale wie zuletzt beim koreanischen Stammzellforscher Hwang. Wie können solche Fälle verhindert werden?

Gar nicht. Die Wissenschaftsgeschichte ist voll von Fälschungen. Wenn man den jüngsten Befragungen unter amerikanischen Wissenschaftlern folgt, dann ist die Neigung zumindest zu kleineren Schummeleien hoch.

Warum?

Forscher bewegen sich in einem hoch kompetitiven System. Gerade wenn man sich anschaut, in welchen Fächern die Fälschungen gehäuft auftauchen, wird klar, dass Konkurrenzdruck ein wichtiger Motor ist. Fälschungen treten typischerweise im Bereich der Lebenswissenschaften auf und in Bereichen, wo eine wirtschaftliche Verwertung der Ergebnisse möglich erscheint. Da wird sehr viel Geld bewegt, und der Druck in Richtung Erfolg wird sehr groß. In dem koreanischen Beispiel konnte man das sehr schön sehen. Dort gab es zusätzlich auch einen enormen politischen Druck im Sinne eines Wissenschaftsnationalismus.

Wie schaffen es Forscher wie Hwang, andere Wissenschaftler von ihren Ergebnissen zunächst zu überzeugen?

In gefälschten Beiträgen werden meist durchaus plausible Befunde aus neuen Forschungsgebieten berichtet. Die Fälscher haben zuvor meist seriös gearbeitet. Die Grenze zwischen Fälschung und Irrtum ist nicht immer klar. Eine genaue Überprüfung ist manchmal gar nicht möglich. Ganz ohne Vertrauen geht es also nicht. Ein Problem ist auch die Nichtveröffentlichung von Befunden. Ein erheblicher Teil klinischer Studien in der Medizin wird niemals publiziert. Wir können dann also gar nicht nachvollziehen, ob und warum etwas nicht funktioniert. Insofern ist eine kritische Öffentlichkeit innerhalb wie außerhalb der Wissenschaft sehr wichtig und die beste Prävention gegen Schummeln.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat eine mächtige Stellung bei der Forschungsförderung. Sehen Sie das als Problem?

Die DFG ist für die universitäre Forschung in der Tat der wichtigste Drittmittelgeber, bei weitem aber nicht der einzige. Ich halte es für sinnvoll, dass wir derartig starke Drittmittelgeber haben, die auf den Bedarf der Wissenschaft reagieren. Dennoch ist es wünschenswert, wenn Konkurrenz im System ist. Dann können sich keine Monokulturen herausbilden, die keinen Anreiz haben, sich zu verbessern. Wir haben und brauchen Konkurrenz bei den Anbietern. Die kommen mit unterschiedlichen Ideen, Kriterien und Beurteilungsverfahren. Das ist ein Potenzial für Innovationen.

Ihr Institut wurde gegründet, um Qualität in der Wissenschaft zu sichern. Gleichwohl werden auch Sie von der DFG finanziert, die etwaige Fehlentwicklungen mit zu verantworten hätte. Könnte das zu einem Interessenkonflikt führen?

Es ist ein wenig zu einseitig, wenn man nur an das Aufspüren von Fehlern denkt. Die Fragestellungen in der Forschungsförderung haben sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Bisher ging es um die Frage, ob die Anträge gut sind, heute kommen zunehmend Fragen danach auf, ob die Programme den Bedarf treffen, ob bei der Förderung tatsächlich exzellente Forschung herauskommt. Unsere Aufgabe ist es, dem nachzugehen. Wir werden zwar von der DFG finanziert, sind aber in der inhaltlichen Arbeit völlig unabhängig. Ich denke, das ist kein Widerspruch.

Wird inzwischen sogar zu viel begutachtet? Viele Wissenschaftler klagen, sie kommen vor lauter Anträgen gar nicht mehr zum Forschen.

Das ist sicherlich so. Die deutsche Wissenschaft hat das Thema Qualitätssicherung lange nicht ernst genommen, selbst als es international bereits diskutiert wurde. Dann wurde holterdiepolter versucht, diese Entwicklung nachzuholen. Das Ergebnis ist, dass wir jetzt ausgesprochen unkoordiniert evaluieren. Aus der Perspektive eines Betroffenen kann das zu skurrilen Situationen führen – wenn man beispielsweise von unzähligen Stellen mehrfach um ähnliche Informationen gebeten wird. Wir müssen zu einem System kommen, in dem wir sehr viel schonender mit der Kraft und der Zeit der Wissenschaftler umgehen.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

Stefan Hornbostel (52) leitet das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn. Der Sozialwissenschaftler lehrt gleichzeitig an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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