Gesundheit : Forschung in Museen: Verflucht sei der Staudamm

Wolfgang Lehmann

Staudämme werden nicht selten zum Fluch geschichtlicher Denkmale. Das aufgestaute Wasser - zum Beispiel von Nil oder Euphrat - überflutet unwiederbringlich Jahrtausende alte Zeugnisse. So löste ein Projekt, bei dem der Euphrat bei Birecik in der Türkei gestaut werden sollte, einen spannenden Wettlauf aus. Auf dem Spiel stand die Rettung römischer Mosaiken. Es liefen Technokraten, die den Bau vorantrieben, gegen Archäologen, die die wertvollen Ruinen erhalten wollten. Sieger blieben die Technokraten - die Fundamente der Villen im römischen Zeugma sind in den Fluten des Euphrat versunken.

Diese Art von Rettungsgrabungen sind heute oft die einzige Möglichkeit, dass Grabungsfunde in andere Länder kommen. Fundländer behalten die Zeugnisse ihrer Geschichte eigentlich bei sich, Fundteilung gehört der Vergangenheit an. Wenn aber Bodendenkmale - zum Beispiel beim Bau von neuen Städten, Stadtteilen oder Staudämmen - in Gefahr sind, und ausländische Archäologen zu deren Rettung ins Land geholt werden, können diese einen Teil der Funde in ihre eigene Obhut nehmen.

Grabungen sind für Museen wichtig. Das Ischtar-Tor aus Babylon, Tempelfassaden aus Uruk, Schrifttafeln aus Assur - ein Großteil der Bestände des Vorderasiatischen Museums auf der Museumsinsel stammt aus eigenen Grabungen. Die Funde machen den wissenschaftlichen Wert eines Museums aus und bilden die Grundlage für die Forschungsarbeit hinter den Kulissen. Ankäufe aus dem Kunsthandel, so schön sie auch sein mögen, können wissenschaftlich wertlos sein, weil die Umgebung und die historischen Bezüge des Fundortes fehlen.

Berliner Museen haben in den letzten Jahrzehnten von Notgrabungen profitiert: Das Kalabscha-Tor im Ägyptischen Museum erinnert an die deutsche Beteiligung an den internationalen Rettungskampagnen beim Bau des Assuan-Staudamms, das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Charlottenburg erhielt Fundstücke aus Habuba Kabira (4. Jahrtausend vor Christus ), die in den siebziger Jahren in Syrien beim Bau des Euphrat-Staudamms gerettet wurden.

Von Notgrabungen profitieren

Aus einer Notgrabung stammen auch die ersten eigenen Funde der DDR, die aber erst 1999, 72 Jahre nach den Ziegeln der Prozessionsstraße, auf die Museumsinsel kamen. Am Habur, dem wasserreichsten Nebenfluss des Euphrats, waren bei der Provinzstadt Hassake im nordöstlichen Syrien bereits seit 1983 zwei Stauseen mit entsprechenden Dammbauten geplant. Damit die zahlreichen aus der Ebene herausragenden Siedlungshügel (Tells) nicht völlig unerforscht in den Fluten untergehen, bat die syrische Antikendirektion dringend um internationale Unterstützung. Durch die gemeinsame Grabungstätigkeit mit Archäologen aus mehreren Ländern, so aus den USA und Polen, aus Japan und dem Libanon, aus Frankreich und Syrien selbst, wurde das Gebiet um Hassake zu einer der am intensivsten erschlossenen Region Syriens. Aus der DDR beteiligte sich die Akademie der Wissenschaften mit dem Vorderasiatischen Museum in drei Grabungskampagnen.

Gefunden wurden Teile eines Dorfes aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Aus dem Inventar - Kochtöpfe, Vorratsgefäße, Sichelklingen und Mahlsteine - kann man schließen, dass die Bewohner sich durch Landwirtschaft und Handwerk selbst versorgten. Auf überregionale wirtschaftliche Kontakte weisen Wagenmodelle aus Keramik, Rollsiegel und Schmuckgegenstände hin. Auffällig sind die zahlreichen Kindergräber, die in Terrassenmauern und innerhalb der Häuser entdeckt wurden. Halaf-Keramik weist auf eine Besiedelung bereits im fünften Jahrtausend vor Christus hin. Besonders auffällig: ein Bronzedolch als frühes Beispiel für die Verwendung des neuen Metalls.

Von 1993 bis 1998 hat das Vorderasiatische Museum unter Leitung von Lutz Martin eine Siedlung am Tell Knedig untersucht. Der Siedlungshügel liegt ebenfalls am Habur und ist durch den Bau eines dritten Staudamms - diesmal südlich von Hassake - gefährdet. Die Teilung der Funde, die auf dem vier Hektar großen Grabungsgelände gemacht wurden, steht noch aus. Die Archäologen fanden eine Siedlung mit Haus-Hof-Komplexen aus den Jahren 2800/2700 vor Christus, dem Beginn der Frühen Bronzezeit in dieser Region. Martin bezeichnet das als sehr frühen Beleg für diese Zeit.

Wie die Siedlung am Tell Abu Hgaira wurde auch die am Tell Knedig am Ende der Frühen Bronzezeit verlassen: Offenbar hat es zum Ende des Jahrtausends große Klimaveränderungen gegeben, denn das Dorf wurde zuerst verkleinert, dann um 2300 vor Christus aufgegeben. Wie es im Vorderen Orient bis heute üblich ist, wurden die Türen zugemauert, weil man vielleicht zurückkommen wird. Was etwas wert war, wurde mitgenommen, das Übrige zusammengefegt - die Häuser wurden besenrein hinterlassen.

Im zweiten Jahrtausend vor Christus blieb der Ort unbewohnt, erst im ersten Jahrtausend, in der Eisenzeit, wurde er wieder besiedelt. Aus dieser Zeit stammen 40 "Doppeltopfgräber", bei denen die Grabgefäße aus zwei zusammengeschobenen Vorratstöpfen bestehen. Sie waren mit zahlreichen Schmuckgegenständen - Bronzeringen, Ketten aus Lapislazuli, Karneol oder Kalkstein -, Keramik und anderen Beigaben ausgestattet. Die Toten wurden in offenbar nicht mehr bewohnten Häusern bestattet.

Als der Regen ausblieb

Dass ganze Ortschaften in dieser Gegend gezielt aufgegeben wurden, ist nach Martins Meinung auf Klimaveränderungen zurückzuführen: Die Grenze für den Regenfeldbau verschob sich nach Norden. Ohne Niederschläge mussten die Bewohner entweder zur nomadischen Lebensweise zurückkehren, also die Steppe durch ihre Herden nutzen, oder wegziehen. Die Bewohner der Tells um Hassake sind weggegangen. Über die Ursache der Klimaveränderungen gibt es nur Vermutungen. Martin nimmt Eingriffe des Menschen in die Natur an: Rodung von Wäldern, Vernichtung der Sträucher durch Viehverbiss, Bodenerosion durch landwirtschaftliche Monokulturen.

Die Grabung am Tell Knedig ist abgeschlossen, die wissenschaftliche Publikation für April 2001 vorgesehen. Weitere Grabungen dürften vorerst unmöglich sein: Sie sind zeit- und personalintensiv, und das Museum beschäftigt aus finanziellen Gründen gegenwärtig nur drei Wissenschaftler. Dabei, sagt Martin, sei Syrien an dieser "Entwicklungshilfe auf kulturellem Gebiet" sehr interessiert und vergebe relativ unbürokratisch Lizenzen. Zudem gehörten Grabungen zum Forschungsauftrag des Museums.

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