Gesundheit : Forschungsmesse: Monsieur 400 000 Volt

Fred Winter

Die Fachhochschulen werden durch die Hochschulreform der kommenden Jahre enorm aufgewertet. Daher wollen sie schon heute verstärkt mit eigenen wissenschaftlichen Leistungen glänzen. Ihre Stärken liegen in der "angewandten Forschung" und schnellen Entwicklung neuer Produkte. Anders als die Universitäten verfügen die Fachhochschulen nicht über wissenschaftliche Mitarbeiter. Die Professoren können sich bei ihren Forschungen meist nur auf die Studenten stützen, auch die Labors sind nicht so gut ausgestattet wie an den Unis.

Vor allem Gymnasiasten waren zur ersten gemeinsamen Forschungsmesse der sieben Berliner Fachhochschulen in die Kongresshalle am Alexanderplatz gekommen. Sie tummelten sich zwischen den Ständen, um sich Informationen sowohl über die Forschungsthemen als auch über Studienmöglichkeiten zu verschaffen. Derzeit schreibt sich jeder fünfte Studienanfänger in Berlin an einer Fachhochschule ein, bei den Absolventen stellen sie schon ein Drittel.

Die Leistungsschau war beachtlich. So restaurierten die Forscher und Studenten der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Karlshorst zahlreiche Dokumentarfilme aus der Jahrhundertwende. Sie zeigen das Leben in Europa vor 100 Jahren, als Spanien, Griechenland oder Sizilien noch exotische Fernziele waren. Gemeinsam mit dem Filmarchiv des Bundes und den Filmmuseen in London und Amsterdam wurden die Zelluloid-Streifen sorgfältig konserviert und auf moderne Datenträger überspielt. Zu dem Projekt gehörte auch, fünf alte Kameras und Projektoren zu reparieren.

Hinab in den Untergrund

Die Elektrotechniker der Technischen Fachhochschule in Wedding stiegen in den Berliner Untergrund hinab, um die neuen, armdicken Hochspannungskabel zur Stromversorgung der Stadt auszumessen. In einem unterirdischen Tunnel in etwa 30 Metern Tiefe verläuft die Stromtrasse auf einer Länge von rund sechs Kilometern. Michael Ermel, Professor für Elektrotechnik und Spezialist für elektromagnetische Verträglichkeit, schickte Testströme durch die 400-Kilovolt-Leitung. Er wollte wissen, wie sich die neuen Kabel bei Überspannungen verhalten.

Die Kabel sind mit vernetztem Polyethylen isoliert, dass hier europaweit erstmals zum Einsatz kam. Ihr Nennstrom beträgt 1600 Ampère, Überspannungen könnten das Kabel also schnell erhitzen und die Isolation zum Schmelzen bringen. "Wir hatten auch die Gelegenheit, die neuen Kabel mit unseren Studenten zu besichtigen", berichtet Michael Ermel. "Das kommt natürlich der Ausbildung zugute."

Die Bauingenieure der FHTW stellten Fertighäuser vor, die mit den Bedürfnissen ihrer Bewohner wachsen. Der Start fällt noch recht beischeiden aus mit einem Wohnraum samt Küche und Bad. Aber dann wird aus dem Zeltdach der Anfangsphase ein zweistöckiges Haus entwickelt, in dem eine mehrköpfige Familie Platz finden kann. Die Industrie interessiert sich bereits für diese Idee eines Hausbaus in Etappen.

Die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, die in Friedrichsfelde residiert, bildet Führungskräfte für die Justiz, die Polizei und die Verwaltung aus. Dort läuft seit längerem das Forschungsprojekt "Kundenorientiertes Bezirksamt durch Bürgerämter und Investorenbüros". Unter Leitung ihres Professors nahmen sich die Studierenden die Berliner Bezirke vor und erarbeiteten Vorschläge für dezentrale Bürgerämter, um den Kontakt zu den Menschen in der Stadt einfacher und effektiver zu gestalten. Gewerbetreibende und Kleinunternehmer haben oft einen höheren Bedarf an Beratung, für sie schlugen die Studenten so genannte Investorenbüros vor, als bezirkliche Servicestelle für diese Klientel. Andere Studenten forschten nach neuen Kooperationswegen zwischen der Polizei und Sozialarbeitern, vor allem in der Szene gewaltbereiter Jugendlicher.

Freizeitangebot für 12-Jährige

Künftige Sozialarbeiter bilden in Berlin gleich drei Fachhochschulen aus: Die Alice-Salomon-Fachhochschule in Lichtenberg, die Katholische Fachhochschule (KFH) in Karlshorst und die Evangelische Fachhochschule am Teltower Damm. In einem Projekt entwickelten die Studenten der Katholischen Fachhochschule außerschulische Freizeitangebote für 11- und 12-jährige Schüler. Diese Altersgruppe kurz vor der Pubertät gilt als schwierig, denn die Jugendlichen schwanken zwischen kindlichen Verhaltensmustern und dem Wunsch, wie Erwachsene behandelt zu werden. "Die gängigen Freizeitangebote an den Schulen zielen entweder auf kleinere Kinder oder auf ältere Jugendliche", erläutert Ulrike Affolderbach, die an der KFH studiert und das Projekt als Hilfsassistentin betreut.

"Zu Beginn jedes Semesters erstellen die Studenten bei uns eine Konzeption, die sie dann schrittweise mit den Schülern in verschiedenen Berliner Schulen umsetzen. Am Ende des Semesters entsteht ein kurzer Bericht, auf dem die nächsten Projekte aufbauen können." Sie selbst betreut einen wöchentlichen Spielnachmittag an einer Grundschule in Oberschöneweide, bei dem die Kinder auch eigene Kochrezepte erproben. "Nach und nach haben wir uns richtig angefreundet", erzählt sie. "Die Kinder haben sich dann auch geöffnet und von ihren persönlichen Problemen geredet. Das war wohl der wichtigste Effekt."

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