Gesundheit : „Forschungsministerium nicht zersplittern“ Helmholtz-Chef Mlynek mahnt die große Koalition

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Die Koalitionsverhandlungen beginnen. Was fordern Sie für die Forschung?

Die zukünftige Ministerin Annette Schavan muss die Bedeutung von Wissenschaft, Forschung und Bildung für die Zukunft unseres Landes noch deutlicher hervorheben. Dazu gehört, dass die Regierung die LissabonAbmachungen der EU einhält: Deutschland muss bis 2010 jährlich drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung aufbringen, das heißt jährlich zusätzlich zehn Milliarden Euro. Ein Drittel sollte von der öffentlichen Hand kommen, zwei Drittel von der Wirtschaft. Schavan muss also auch die Wirtschaft dazu bringen, mehr Geld in Forschung zu investieren.

Teile des Forschungsministeriums sollen in das Wirtschaftsministerium verlagert werden. Welche Folgen hätte das?

Diese Entwicklung beobachte ich mit großer Sorge, weil eine Zersplitterung die Innovationsfähigkeit Deutschlands stark gefährden wird. Wir brauchen Forschungspolitik aus einem Guss und aus einer Hand, nicht zuletzt in Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Auch die Helmholtz-Gemeinschaft wäre betroffen. So könnte das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) künftig zum Wirtschaftsministerium gehören, während die Dachorganisation beim Forschungsministerium bleibt.

Das DLR ist in der Helmholtz-Gemeinschaft und beim Forschungsministerium hervorragend aufgehoben. Ein Beispiel für die Wechselwirkung von Fachgebieten innerhalb der Helmholtz-Gemeinschaft ist die Entwicklung des Tsunami-Frühwarnsystems. Da kommen die Fernerkundung aus dem Weltraum und die Umweltforschung zusammen. Wenn die Zuständigkeit in ein Ministerium fällt, sind solche Kooperationen leichter.

Der designierte Wirtschaftsminister Stoiber war als Förderer von Zukunftstechnologien in Bayern durchaus erfolgreich.

Mir geht es um eine klare Forschungspolitik mit klaren Zuständigkeiten, nicht um Personen. Dass Stoiber eine erfolgreiche Forschungspolitik gemacht hat, steht außer Frage. Er könnte als Wirtschaftsminister mit Maßnahmen der Wirtschaftsförderung entscheidend dazu beitragen, dass die Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung und angewandten Forschung schnell von der Wirtschaft in marktfähige Produkte und Arbeitsplätze umgesetzt werden. Dafür muss man nicht das Forschungsministerium zersplittern.

Die Union will die Zuständigkeit für die Hochschulen komplett den Ländern übertragen. Sollte sich der Bund aus der Hochschulpolitik zurückziehen?

Ich halte eine Forschungspolitik des Bundes mit dem klaren Ziel der Förderung von Hochschulen über die Projektförderung hinaus für sinnvoll. Wir brauchen Universitäten mit internationaler Sichtbarkeit. Deswegen müssen Bund und Länder einige zu internationalen Leuchttürmen ausbauen.

Die Fragen stellte Tilmann Warnecke.

Jürgen Mlynek (54) ist seit zwei Monaten Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten deutschen Forschungsorganisation. Davor war er Präsident der Berliner Humboldt-Uni.

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