Gesundheit : Forschungsverbund Berlin nach schwierigen Zeiten etabliert

Gert Lange

Neue Instituts- und Laborgebäude einweihen in Zeiten knapper Haushaltsmittel - das ist wie ein Morgenleuchten am wolkenreichen Winterhimmel. Der Forschungsverbund Berlin, eine Vereinigung von acht Instituten der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz hatte in diesem Jahr gleich mehrere Lichtblicke. Das Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie ist in einen Neubau nach Berlin-Buch umgezogen. Die Rekonstruktion des unter Denkmalsschutz stehenden Rieslerhauses im alten Wasserwerk Friedrichshagen steht kurz vor dem Abschluss. Dort erhält das Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei eine Bleibe. Ein moderner Labortrakt in Neu Globsow am Stechlinsee wird die experimentellen Möglichkeiten des Instituts erweitern.

Der Umzug des Instituts für Kristallzüchtung in einen Neubau auf dem Campus Berlin-Adlershof ist auch erst ein Jahr her. Diese Investitionen sichern nicht nur den Standort der Institute im Berliner Raum; sie sind auch eine Bestätigung für das etwas ungewöhnliche Organisationsmodell. Dem Forschungsverbund erging es wie Kindern, die in zerrütteten Ehen versuchen, eigene Wege zu gehen, und die man dann auf Grund ihres Eigensinns besonders kritisch beäugt.

Zweckbündnis auf Vereinsbasis

Sie waren 1991 zu einem Zweckbündnis auf Vereinsbasis zusammengeschlossen worden - ein mutiges Experiment in einem Umfeld, das die westdeutschen Organisationsformen auf den Osten übertrug. Verbünde wissenschaftlich autonomer Institute unter einem Dach, aber mit jeweils eigenem Haushalt und unterschiedlichem Forschungsprofil gab es bis dahin nicht.

Dieter Simon, der damalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, konstatierte bereits 1993: "Das einzig Neue in der Wissenschaftslandschaft nach der Wende ist der Forschungsverbund Berlin." Die in Deutschland einmalige Konstruktion lag quer zur Egozentrik traditioneller Verwaltung. Die Institute gaben einen Teil ihres administrativen Personals in eine übergeordnete ServiceStruktur. Sie behielten nur jeweils drei oder vier "Kopfstellen", die der Verbundverwaltung in Berlin-Adlershof zuarbeiten. Dafür übernimmt eine Zentrale für alle Institute die Finanzbuchhaltung, Teile des Bestellwesens, die gesamte Personalverwaltung, die juristische Vertretung, die Organisation der Liegenschafts- und Bauangelegenheiten, Öffentlichkeitsarbeit und Steuerberatung.

Geschäftsführer Falk Fabich, ein leidenschaftlicher Verwaltungsexperte und von Hause aus Jurist und Sozialwissenschaftler, spricht von Vorbehalten, die es anfangs gab: Manche Wissenschaftler befürchteten, dass der eben abgestreifte Dirigismus in anderem Gewand wiederkehrt. Der Verdacht einer "Blauen Akademie" machte die Runde - das war eine Anspielung auf den schmucklosen Namen der "Blauen Liste", unter dem die Institute zunächst arbeiteten. Inzwischen wurden alle Institute zum zweiten Mal vom Wissenschaftsrat begutachtet. Sie erhielten ausnahmslos hervorragende Zeugnisse und wurden für die weitere Förderung empfohlen. Seit diesem Jahr hat der Verbund auch juristische Gestaltungssicherheit. Eine neue Satzung bestätigt die Organisationsstruktur. Ein Kuratorium, dem Vertreter des Bundes, des Landes Berlin und gesellschaftlicher Institutionen angehören, nimmt die Aufsichtspflicht wahr. "Damit haben wir ein von allen Beteiligten akzeptiertes und nun auf Dauer ausgerichtetes Fundament", sagt Geschäftsführer Falk Fabich.

Modell für andere Einrichtungen

Der Forschungsverbund Berlin gebe "die Antwort auf die Frage, wie die von Bund und Ländern gemeinsam getragenen Forschungseinrichtungen effektiv und den politischen Rahmenbedingungen entsprechend organisiert werden können", urteilte der ehemalige Staatssekretär im Bundesministerium Fritz Schaumann. Es wird geprüft, ob und wo das Modell übertragen werden kann.

Initiatoren und Mitarbeiter des Forschungsverbundes haben dramatische Phasen erlebt. Die schwierigste war sicher die Gründung selbst in der turbulenten Nachwendezeit. Die naturwissenschaftlichen Institute der DDR-Akademie waren das erste Mal begutachtet und größtenteils positiv bewertet worden. Sie sollten in ihrem Grundstock erhalten bleiben. Die letzten Empfehlungsschreiben lagen erst im Sommer 1991 vor. Aber zum Jahresende verloren die Institute mit der Auflösung der Akademie ihren Träger und Geldgeber.

In dieser konfliktreichen Situation galt es, unter ungeheurem Zeitdruck eine Verwaltung aufzubauen, die in der Lage ist, in acht Ost-Berliner Forschungseinrichtungen neue Arbeitsverträge auszustellen, Gehälter zu zahlen, Direktoren zu berufen und ein Budget von hundert Millionen Mark zu managen. Mit den Instituten einzeln zu verhandeln, hätte alles nur verzögert, zumal die alten Leitungen meist nicht mehr existierten. In einer Nachtsitzung im November 1991 wurde die erste Satzung des Forschungsverbundes verabschiedet, sozusagen aus dem Zwang der Verhältnisse eine neue Organisationsform gefunden.

Sie sollte zunächst nur fünf Jahre bestehen. Doch schon 1994 sprachen sich die Institutsdirektoren dafür aus, die von anderen Forschungsorganen mit Argwohn bedachte Struktur beizubehalten. Sie hatte sich bewährt, und die Leitungen waren so weit gefestigt, dass sie innerhalb der damaligen "Arbeitsgemeinschaft Blaue Liste" gegen alten Trott aufbegehrten. Immerhin macht das Potenzial der acht Berliner Institute zehn Prozent der von Bund und Ländern finanzierten Forschungseinrichtungen aus, und zusammen mit gleichgesinnten Direktoren in Dresden, Magdeburg, Rostock stellten die Reformer eine wirksame Kraft dar.

Die vierte Säule

Der Umbau der "Blauen Liste" zur Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) ging wesentlich vom Forschungsverbund Berlin aus. Damals wurde dessen Sprecher Professor Ingolf Hertel (heute Staatssekretär im Berliner Senat) zum Präsidenten gewählt und das Konzept einer konkurrenzfähigen, "vierten Säule der außeruniversitären Forschung" entwickelt. Einer vierten Säule neben Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft sowie den Großforschungszentren.

Derzeit beträgt das Haushaltsvolumen des Verbundes 135 Millionen Mark. Die Institute haben etwa tausend Beschäftigte.

Fabich: "Eine gute gemeinsame Verwaltung schränkt die Autonomie und Leistungsfähigkeit an sich autarker Institute nicht ein, sondern hilft sie sichern."

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