Gesundheit : Frankfurt/Oder steigt zum High-Tech-Standort auf - in Sichtweite der A12 entsteht Halbleiterwerk

Claus-Dieter Steyer

Der Aufstieg von Frankfurt (Oder) zu einer international bedeutsamen High-Tech-Region ist keine Vision mehr: Seit gesern seht Europas modernster Reinstraum für die Entwicklung und Pilotfertigung von Mikrochips in Sichtweite der Autobahn A 12. Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine Minister für Wissenschaft, Wirtschaft und Bildung nahmen an der Schlüsselübergabe für die 180 Mitarbeiter des Instituts für Halbleiterphysik teil. 128 Millionen Mark waren seit August 1998 in den 900 Quadratmeter großen Reinstraum sowie in angeschlossene Labor-, Büro- und Vortragsräume investiert worden. 75 Prozent der Kosten kamen aus den Kassen der EU, den Rest teilten sich Bund und Land.

Institutsdirektor Professor Abbas Ourmazd, ein gebürtiger Iraner mit amerikanischer Staatsbürgerschaft, musste gestern immer wieder das "große Wunder von Frankfurt" erklären. Denn die meisten Gäste aus vier US-Bundesstaaten, aus der Schweiz, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und aus ganz Deutschland schauten sich gestern zum ersten Mal in dem von der Berliner Architektengruppe Gunter Henn entworfenen 130 Meter langen und 116 breiten Gebäudekomplex um. Ihre Neugierde war durchaus nicht nur Ausdruck einer üblichen Höflichkeit gegenüber dem weltweit geachteten Institutschefs. Viele äußerten ihre ehrliche Bewunderung für die "unglaubliche Entwicklung gerade in so einem abgelegenen Gebiet", wie es ein Texaner ausrückte. Die meisten Manager verbanden ihren Ausflug an die Oder gleich mit konkreten Verhandlungen über eine künftige Partnerschaft oder deren Ausbau.

Diese Zusammenarbeit wird sich hauptsächlich auf das Gebiet der drahtlosen Kommunikationstechnik erstrecken. Der sich ständig weiter entwickelnde Handy-Markt soll wesentlich von Frankfurt (Oder) aus bestimmt werden. Wichtigster Trumpf ist die Beimischung von Kohlenstoff in herkömmliche Handy-Chips in diesem von Staubpartikel weitgehend freien Reinstraum. Das sei wie ein Turbo-Lader für herkömmliche Handys. "Wir sind Weltspitze und arbeiten heute schon an einer völlig neuen Generation von Mobiltelefonen", sagte Ourmazd selbstbewusst. Beispielhaft dafür sei die Kooperation mit dem Produktions- und Entwicklungsriesen Motorola aus Phoenix.

Der drittgrößte Elektronikkonzern der Welt hatte im Juni zwei Verträge zum Technologietransfer und für gemeinsame Entwicklungen mit den Frankfurtern geschlossen. Die komplette Forschungsarbeit in Europa will Motorola schon in absehbarer Zeit von Frankfurt aus steuern, wurde gestern bekannt. Derzeit sucht der Konzern "engagierte, kreative Ingenieure mit Pioniergeist für seine Filiale in der Oderstadt.

Gerade hier dürften sich viele Interessenten auf die Anzeige melden. Denn Frankfurt war einst das Zentrum der DDR-Halbleiterproduktion mit rund 8000 Beschäftigten. Das galt allerdings nach der Wende als hoffnungsloser Fall. Das Werk machte bis auf wenige Teilfirmen dicht, nur das Institut blieb als Kern übrig. Das überlebte dank starker Stützung durch Bund und Land. Als keiner mehr so recht an eine Zukunft dachte, tauchte im November Abbas Ourmazd in der Stadt auf. Er muss Bundes- und Landesminister sowie den Frankfurter Oberbürgermeister dermaßen mit seinen Plänen begeistert haben, dass sie Millionen lockermachten oder zumindest deren Auszahlung befürworteten.

30 Firmen im Umfeld

Schon aus diesem Grund mussten sie die Eröffnung des neuen Institutsgebäudes als einen riesigen Erfolg feiern. Staatssekretrür Knut Bauer aus dem Bundesforschungsministerium nannte den Frankfurter Bau denn auch ein "sichtbares Zeichen dafür, dass Deutschland wieder zu einem Standort der Mikroelektronik werden kann". Es bestünden sogar gute Chancen, dass in Brandenburg bald auch die in Frankfurt entwickelten Produkte auch produziert werden, kündigte Wirtschaftsminister Fürniss an. Schon jetzt arbeiteten in der Umgebung des Instituts 30 kleinere Firmen. Die Nähe zu Berlin sowie zu Ost- und Mitteleuropa und das Arbeitskräftepotential nicht zuletzt in den Universitäten seien dafür eine Garantie. Niemand wollte gestern etwas von Nachteilen der Lage Frankfurts am östlichen Rand von Deutschland wissen. "Nachteile kann man durch schöpferische Arbeit ausgleichen", antworte Ourmazd.

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