Gesundheit : Frauen in der Physik eine Seltenheit (Kommentar)

tdp

Nachwuchsmangel! In Unternehmen und Forschungsinstituten heulen Alarmsirenen. In der Physik sieht es da kaum anders aus als in der Informatik. Hier wie dort aber weiß man, dass die Probleme auch hausgemacht sind. Bei der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Dresden wurde nun auch über eine Frage diskutiert, die in der Öffentlichkeit selten Widerhall findet: Warum ist die Zahl der Frauen in den Natur- und Ingenieurswissenschaften eigentlich so gering?

In Computerkursen oder Physikpraktika stürzen sich die männlichen Schüler und Studenten oft enthusiastisch auf PCs und Versuchsapparaturen. Sie probieren vieles einfach aus: drehen hier die elektrische Spannung hoch und wechseln dort mir nichts, dir nichts einen Teil des Computerprogramms aus.

Schülerinnen und Studentinnen sind da oft zurückhaltender, überlegter. Sie möchten verstehen, was sie anrichten, ehe sie etwas machen. Bei Experimenten kommen sie oft erst spät zum Zug, haben dann aber unter Umständen ein tieferes grundsätzliches Verständnis der Vorgänge erlangt.

Dies mag nur kurz beleuchten, dass in Schule und Studium so manches an den Bedürfnissen des weiblichen Nachwuchses vorbei geht und dass die Kreativität naturwissenschaftlich Begabter sehr unterschiedliche Zeitrhythmen haben kann. Von einigen Physikerinnen bei der Dresdner Tagung war zu hören, dass sie erst später auf den jeweiligen Etappen ihrer wissenschaftichen Karriere anlangten als ihre männlichen Kollegen.

Mit ihren überalteten Lernstrukturen und Rollenmustern beraubt sich unsere Gesellschaft eines enormen wissenschaftlichen Potenzials. Selbst jene Nachwuchswissenschaftlerinnen nämlich, die eine Promotion erlangen, stehen danach vor einer viel höheren Mauer als ihre männlichen Kollegen. Wollen sie sich habilitieren, sehen sie sich in einem Alter zwischen 28 und 35 Jahren vor die Frage gestellt: entweder Forschung oder Familie. Eine Alternative hierzu bietet die Hochschullaufbahn, bieten auch Forschungsinstitute kaum an. Es mangelt an offenen Einstiegs- und Wiedereinstiegsmöglichkeiten, Querverbindungen zu anderen Berufsfeldern, an flexiblen Regelungen zur Kinderbetreuung. Kein Wunder, dass die Inhaber von Physiklehrstühlen zu (abschreckenden) 98 Prozent Männer sind.

Mit einem Blick ins Ausland - und in die ehemalige DDR - zeigten die Physikerinnen in Dresden auf, dass es auch anders sein kann. Denn was den Frauenanteil in den physikalischen Fakultäten betrifft, liegt Deutschland heute im internationalen Vergleich am unteren Ende, weit hinter europäischen Staaten wie Spanien, Portugal oder Frankreich zurück. Auch das ist wenig bekannt und drang selbst in Dresden nicht weit vor. Erst nach dem Plenarvortrag zur Frage "Frauen in der Physik?" füllte sich das Hörsaalzentrum wieder. Mit Männern!

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