Gesundheit : „Frauen werden in Angst versetzt“ Ein Brustkrebs-Experte zur Früherkennung

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Herr Koubenec, wird der Brustkrebs zum „Killer der Frauen“?

Die absolute Häufigkeit von Brustkrebs wird meist übertrieben, zum Beispiel, um Frauen zur Teilnahme am Mammographie-Screening zu bewegen. Von 100 fünfzigjährigen Frauen hat weniger als eine Brustkrebs. Außerdem nimmt die Sterblichkeit an Brustkrebs in allen westlichen Ländern ab, unabhängig davon, ob ein Früherkennungsprogramm besteht.

Wieweit verbessert die Früherkennung die Heilungschancen?

Durch Früherkennung leben Frauen nicht länger. Es sterben nur weniger an Brustkrebs, dafür aber an anderen Krankheiten. Es werden viele Frühstadien und Vorstufen entdeckt. Dies verbessert manchmal den Krankheitsverlauf durch weniger eingreifende Behandlung, bringt aber auch die Gefahr der Übertherapie mit sich. Das heißt, es werden Frauen behandelt, deren Krebs ohne die Früherkennung zu ihren Lebzeiten nie in Erscheinung getreten wäre.

Wie viele Todesfälle werden durch Brustkrebs-Früherkennung verhütet?

Das werden oft Frauen mit Zahlen getäuscht. Die Befürworter des Screenings werben damit, dass die Sterblichkeit um 30 Prozent gesenkt werden könne. Das scheint sehr viel zu sein. In absoluten Zahlen sieht das anders aus: Von 2000 Frauen, die zehn Jahre lang zum Mammographie-Screening gehen, stirbt wahrscheinlich eine weniger an Brustkrebs.

Kann die Reihenuntersuchung schaden?

Ob etwas gefunden wird oder nicht: Die Frau hat keine Sicherheit. Über zehn Prozent der Tumoren werden übersehen und etwa 80 Prozent der Verdachtsfälle sind falscher Alarm. Hinzu kommt: Wenn bei einer Frau ein Krebs entdeckt wird, der zum Zeitpunkt des Screening nicht mehr heilbar ist, würde diese Entdeckung nur die Zeit des Leidens verlängern, nicht aber das Leben. Außerdem ist mit einigen zusätzlichen Krebserkrankungen durch die Strahlenbelastung zu rechnen, allerdings mit sehr wenigen.

Welche Folgen hat ein falscher Alarm?

Zunächst einmal werden die Frauen in Angst und Schrecken versetzt. Sie müssen weitere eingreifende Untersuchungen über sich ergehen lassen, zum Beispiel eine Gewebeentnahme, bis sich der Verdacht meist als falsch herausstellt.

Werden Frauen ausreichend informiert?

In Berlin gibt es ein Faltblatt. Darin werden die geschilderten Probleme zwar teilweise erwähnt, aber nur so nebenbei in wenigen Zeilen. Dagegen werden die Vorteile groß herausgestellt. So werden Frauen nicht informiert, sondern werbend beeinflusst. Eine gute Broschüre hat dagegen das „Nationale Netzwerk Frauen und Gesundheit“ herausgegeben. Sie wird vom Deutschen Krebsforschungszentrum empfohlen und von einigen Krankenkassen verteilt.

Das Gespräch führte Rosemarie Stein.

Hans-Joachim Koubenec ist Gynäkologe an den Berliner DRK-Kliniken Westend und Mitarbeiter der Stiftung Warentest.

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