Frauenärztin in Kreuzberg : Der schmale Grat

Sohela Rduch-Jandi ist Frauenärztin in Kreuzberg. Sie behandelt vor allem Muslima wegen Schwangerschaft oder Abtreibung oder einer Jungfernhäutchenrekonstruktion. Zu Besuch in einer Praxis in der Moderne und Tradition verschmelzen.

Tuan Lam
Mit festem Blick. Sohela Rduch-Jandi, 61, stellt sich oft den Männern der Patientinnen im Wartezimmer ihrer Kreuzberger Praxis entgegen. Ihre Autorität braucht keine Lautstärke.
Mit festem Blick. Sohela Rduch-Jandi, 61, stellt sich oft den Männern der Patientinnen im Wartezimmer ihrer Kreuzberger Praxis...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die Frau im roten Kleid atmet schwer. Sie ist schwanger. Der schwarze Holzstuhl unter ihr wirkt zu klein für ihren ausladenden Körper, den Bauch, der sich wölbt, der spannt und ihre Beine auseinanderdrückt. Auf dem Dielenboden des weiß gestrichenen Wartezimmers haben ihre drei Kinder Buntstifte und Malpapier ausgebreitet, sie sprechen französisch, ihre Heimat war einmal Nordafrika. Der Vater ist mitgekommen in diese Praxis. In ihr werden Frauen behandelt. Nun wühlt der Mann in der Handtasche seiner Frau. Als er gefunden hat, was er sucht, zieht er ein grünes ausländisches Dokument heraus. Sie greift nach dem Papier. Er wird laut, drückt ihre Schulter nach hinten, dann wird sie laut.

Die Sprechzimmertür fliegt auf. Doktor Sohela Rduch-Jandi, eine zierliche und kleine Dame, unterbricht das Wortgefecht. „Was ist hier los?“ Ihr Blick ist auf die Ehefrau gerichtet. „Sie haben mich doch gebeten“, sagt diese, „meinen Mutterschaftspass mitzubringen.“ Er wolle ihr den Pass aber nicht geben. Ihr Mann baut sich auf, groß und breit, mit Bauchansatz. Seine Wut macht ihn noch größer. „Ich bin der Bestimmer, ich sage, was gemacht wird. Sie müssen mich fragen.“ Er wiederholt diesen Satz noch einmal. „Sie müssen mich fragen.“

Die Ärztin fixiert ihn mit ihrem geraden Blick, ihre Autorität braucht keine Lautstärke. „Wenn Sie Ihre Frau weiterhin so behandeln, verlassen Sie sofort meine Praxis.“ Dann legt sie ihre Hand auf die Schulter der Schwangeren und sagt: „Sie aber bleiben!“ Er verstummt. Für’s Erste.

Sohela Rduch-Jandi ist Ärztin, Frauenärztin. Aber eigentlich ist sie Expertin noch für etwas ganz anderes. Ihre Patientinnen sind Muslimas und kommen oft aus einer anderen Welt zu ihr. Diese Welt befindet sich nur ein paar Meter neben der, die die Berliner als die ihre betrachten würden. Manchmal ist die Kluft gar nicht zu erkennen. Aber es gibt sie, und in der Praxis von Doktor Rduch-Jandi zeigt sie sich. Und nicht nur daran, dass ein Ehemann mal laut und grob wird.

Die meisten muslimischen Männer kommen aus Fürsorge mit, sagt die Ärztin, sie übersetzen, wollen an der Entwicklung ihres ungeborenen Kindes teilhaben. Ein kleiner Teil von ihnen sei aber, wie sie es sagt: „unangenehm neugierig“. Sie wollten nicht wissen, sondern kontrollieren, Männer mit „hierarchischem Denken“ seien das. Sie begleiten ihre Frauen selbst bei Routineuntersuchungen und folgen ihnen bis ins Sprechzimmer. Zunächst um sich zu vergewissern, dass eine Ärztin und nicht ein fremder Mann in einem weißen Kittel ihre Ehefrauen abtastet, später um zu kontrollieren, dass ihre Frauen nicht etwa ohne ihr Wissen verhüten. Diese Ehemänner sind hier unerwünscht. „Meine Patientin ist die Frau.“

Schutz der Frauen, auch gegen Traditionen

Es ist ein so einfacher Satz. Selbstverständlich ist er nicht. Seit rund 20 Jahren arbeitet die gebürtige Iranerin in ihrer Gemeinschaftspraxis in Kreuzberg, oben Sprechzimmer, unten Tagesklinik, ein Altbau mit stuckverzierten Decken in direkter Nachbarschaft zur Betonarchitektur am Kottbusser Tor. In den Augen vieler Muslime aus dem Viertel stellt die Praxis eine Gefahr dar. Die Stimmung ist aufgeheizt. Auf der Straße ist Sohela Rduch-Jandi beim Verlassen ihrer Praxis schon angegangen worden. Sie wird beschimpft. Männer werden laut.

Die Stadtforscher des Planungsbüros Topos haben in ihrer aktuellen Sozialstudie nachgezählt: Mehr als 50 Prozent der rund 43 500 Bewohner des Stadtteils sind Migranten. Das Wartezimmer der Frauenarztpraxis ist ein Spiegel dieses Viertels. Neben deutschen Frauen und Studentinnen, die es aus aller Welt nach Kreuzberg gelockt hat, sitzen viele Türkinnen, Araberinnen. Es sind Frauen, über die es heißt, dass sie sich auf Druck ihrer Familien Kopftücher umbinden, dass sie kein oder nur schlechtes Deutsch sprechen, dass sie sich abgrenzen, Blicke meiden, verschüchtert sind. Zu Sohela Rduch-Jandi müssen sie aber sprechen, über sich selbst, über ihre Beschwerden und Probleme.

Viele der Frauen hier sind von Verwandten und Freunden geschickt worden. Die wissen, dass Sohela Rduch-Jandi Persisch, Französisch, sogar ein bisschen Türkisch spricht. Was auch immer die muslimischen Frauen bedrückt oder hat krank werden lassen, es wird hinter verschlossener Tür besprochen, von Frau zu Frau: Schwangerschaften zur Fastenzeit, Schwangerschaftsabbrüche nach dem dritten, vierten oder fünften Kind, mit und ohne Wissen des Vaters, Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Die Ärztin bewegt sich ständig auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite steht der Schutz der Frau. Sich über Traditionen hinwegzusetzen auf der anderen.

Neben ihrem Stamm an türkischen Frauen kommen die meisten muslimischen Patientinnen derzeit aus Syrien und Afghanistan. Sie sind vor dem Krieg in ihren Ländern geflohen wie Shamin, die im Sprechzimmer der Ärztin an dem dunkelblauen Stoff an ihrer Stirn nestelt. Die Afghanin trägt einen Tschador, ein langes Kopftuch, es bedeckt ihre Ohren, schlängelt sich um ihren Hals, ruht schließlich auf ihren Hüften. Shamin schwitzt. Noch einmal zupft sie am Saum und zieht ihn nach hinten. Hier darf sie das: ihre dunklen, braunen Haare zeigen. Auf der gegenüberliegenden Seite des schwarz furnierten Tisches sitzt Sohela Rduch-Jandi. Sie spricht persisch. „Sie haben Kinder?“

„Ja, aber nur zwei sind mit mir in Deutschland.“

„Wo sind die anderen?“

„Die anderen zwei sind in Pakistan, bei ihrem Vater.“

Ob sie denn Schmerzen habe?

„Nein“, sagt Shamin. „Ich möchte Ihnen die Wahrheit sagen, ich habe vor zwei Jahren abgetrieben.“ Sie habe damals in Afghanistan Misoprostol eingenommen, eine Abtreibungspille. Sie wolle wissen, ob sie noch fruchtbar sei.

„Wollten Sie oder Ihr Mann das Kind nicht haben?“

Es sei wegen ihrer Flucht gewesen, darüber wolle sie aber nicht sprechen, über ihre Flucht. Von Afghanistan ging es über Pakistan nach Europa, ihr Mann blieb zurück. Die Frauenärztin stellt keine Fragen mehr. Sie bittet ihre Patientin zur Untersuchung in den Nebenraum, rechts Gynäkologenstuhl, links Ultraschall, sie macht die Tür zu.

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