Gesundheit : Frauenförderung: Nach Leistung befördern, nicht nach Alter

Amory Burchard

Die Juristin Anne Meurer musste sich bei ihrer ersten Bewerbung fragen lassen, warum sie nicht heirate, ob sie denn keine Kinder wolle, ja, warum sie sich überhaupt vorstelle. Heute ist sie Direktorin der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Giesela Rühl schreibt an ihrer juristischen Dissertation und schwankt zwischen einer Karriere in der Wissenschaft, als Richterin oder Anwältin. Topmanagerinnen und ehrgeizige Hochschulabsolventinnen: Ihre Wege kreuzen sich eher selten. Von den einen gibt es noch immer viel zu wenige. Von den anderen gibt es zwar immer mehr, aber die meisten ihrer Chefs werden auf absehbare Zeit männlich sein. Werden sie es genauso schwer haben wie die Frauen, die in den 70er und 80er Jahren anfingen?

Die Unternehmensberaterinnen der Boston Consulting Group und die Organisatorinnen der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin glauben zumindest, dass Hochschulabsolventinnen "mit Führungspotenzial" besonderer Förderung bedürfen. "Move Ahead!" riefen sie jetzt zum zweiten Mal 120 ausgewählten jungen Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei einem Workshop in Berlin zu. Unternehmerinnen, Beraterinnen, Managerinnen und Professorinnen sagten, wie es geht. Manuela Roßbach, Geschäftsführerin der Hilfsorganisation Care Deutschland, verlangt von einer Projektkoordinatorin "hohe Flexibilität und Mut". Sie muss von einem Tag auf den anderen bereit sein, nach Pakistan oder in ein anderes Krisengebiet zu fliegen. Es finden sich Frauen für diesen Job - von 30 Care Deutschland Mitarbeitern sind nur sieben Männer. "Aber", sagt Manuela Roßbach, "wenn man in einer Nichtregierungs-Organisation aufsteigen will, braucht man auch Managementqualitäten." Der Vorstand bestehe noch immer zu 90 Prozent aus Männern. Sie arbeite daran, das zu ändern.

Frausein, Mannsein - spielt das heute bei Bewerbungen noch eine Rolle? Die 26-jährige Katrin Glatzel gehört zu den Absolventinnen, die das nicht glauben. Niemals in ihrem - zugegebenermaßen kurzen - Berufsleben sei ihr eine Situation begegnet, in der sie als Frau benachteiligt worden wäre, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin. Emanzipation sei für sie bislang kein Thema gewesen. Junge Frauen, sagt BfA-Direktorin Anne Meurer, seien immer sehr selbstbewusst. Aber nachdem sie in den ersten Bewertungen durch die männlichen Abteilungsleiter schlechter abschneiden als ihre männlichen Kollegen und wenn die Luft für sie auf der zweiten und dritten Stufe der Verwaltungslaufbahn langsam dünner wird - riefen sie doch irgendwann nach der Quote. So wie die Abteilungsleiterin, die am Freitag zur Direktorin kam und sagte, sie sei es Leid, mit 16 Männern allein zu sein: "Bitte geben sie mir eine zweite Frau." Frau Meurer will es tun - nach der Devise "Beförderung nach Leistung, nicht nach Dienstalter".

Noch ein Problem wächst zwischen 20 und 30 heran - der Kinderwunsch. Muss eine Karriere-Frau eine Rabenmutter sein? Werden auch Männer die ein bis drei Jahre "Elternzeit" und das Recht auf Teilzeit-Arbeit nutzen, das ihnen jetzt gleichberechtigt zusteht? In diesen Fragen, Hoffnungen und Zweifeln waren sich die Frauen im Zenit und am Anfang ihrer Karrieren wieder einig.

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