Gesundheit : Fraunhofer-Gesellschaft: Das Fusionsfieber grassiert

Heiko Schwarzburger

Nicht nur in der Wirtschaft greift die Fusionitis um sich: Schon im vergangenen Herbst offenbarte Hans-Jürgen Warnecke, Chef der Fraunhofer-Gesellschaft: "Wir führen zurzeit Gespräche, das Berliner Heinrich-Hertz-Institut in unsere Gesellschaft zu integrieren. Eine solche Fusion wird von den Mitarbeitern ausdrücklich begrüßt." Dieser Nachsatz war notwendig, denn im Fall der ungleich größeren Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) vollzieht sich die Vereinigung nur schleppend. Einen Zeitpunkt für die Verschmelzung der Fraunhofer-Gesellschaft mit der Berliner Technologieschmiede Hertz-Institut wollte Warnecke nicht nennen.

Im Sommer 2000 legten sowohl die Leitung des Heinrich-Hertz-Instituts (HHI) als auch das Fraunhofer-Präsidium ihren Geldgebern die Fusionsabsicht auf den Tisch. Die Fraunhofer-Institute werden vom Bund finanziert. Das Berliner Heinrich-Hertz-Institut gehört bislang zur "Wissenschaftgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz", vormals "Blaue Liste". Der jährliche Grundetat des Instituts von rund 27,3 Millionen Mark wird je zur Hälfte vom Bund und vom Land Berlin aufgebracht. Die wissenschaftlichen Erfolge lassen sich sogar in Geld ausdrücken: Zusätzlich zur institutionellen Förderung durch das Land und den Bund kamen im Jahr 2000 noch 21,7 Millionen Mark aus Forschungsaufträgen über Drittmittel in die Kasse.

150 Wissenschaftler, 100 sonstige Mitarbeiter und 80 Studenten forschen gemeinsam mit Hochschulen und der freien Wirtschaft nach neuen Informationstechniken und Photonik-Netzen. Elektronische Bildtechnik für Multimedia und mobile Breitbandsysteme zeugen davon, um welche Schmiede für modernste Innovationen es sich handelt. Den Forschern war es 1999 erstmals gelungen, Daten mit einer Übertragungsrate von 160 Milliarden Bits pro Sekunde über ein 116 Kilometer langes Standard-Glasfaserkabel der Deutschen Telekom im Raum Darmstadt zu jagen.

Obwohl sich die beiden Fusionspartner einig sind, ziehen sich die Gespräche hin. Offizielle Statements aus dem Heinrich Hertz Institut sind rar: "Vor einer definitiven Stellungnahme der Gesellschafter sollten von Seiten des Instituts keine Verlautbarungen zu diesem Thema herausgegeben werden", teilt Pressesprecher Wolf von Reden mit, schiebt jedoch nach: "Wir hoffen sehr, dass dieser Wartezustand bald ein Ende hat."

Die Zeit drängt, denn demnächst steht die Neuberufung des wissenschaftlichen Leiters des Heinrich-Hertz-Instituts an. "Der Kandidat sollte schon wissen, ob er ein Blaue-Liste-Institut führt oder ein Institut der Fraunhofer-Gesellschaft". Mit dieser Aussage nährt Josef Lange, zuständiger Staatssekretär in der Berliner Wissenschaftsverwaltung, die Hoffnungen auf baldige Fortschritte. "Derzeit verhandeln beide Institute über das gemeinsame wissenschaftliche Konzept." Danach folgen Gespräche mit dem Bundesforschungsministerium, in denen es um die Leitlinien für eine Fusion geht. Auch Josef Lange ist daran gelegen, Irritationen zu verhindern: "Es gibt eine grundsätzliche Übereinkunft zwischen uns und dem Bund, die Kräfte in der IuK-Forschung zu bündeln. Berlin könnte von der Fusion als Stadt der Wissenschaft profitieren, durch neue Arbeitsplätze und Ausgründungen."

Eckhart Curtius, Pressesprecher im Bundesforschungsministerium, stößt in das gleiche Horn: "Wir wollen eine solche Fusion. Aber die beiden Partner in ihrer Finanzierung und in ihrer Struktur zusammenzuführen, das will gut vorbereitet sein." Dennoch wagt er eine vorsichtige Schätzung für den Fusionszeitpunkt: "Nicht vor 2002, eher ein Jahr später." Es wird noch viel Wasser die Spree hinunter fließen, bis der neue Coup unter Dach und Fach ist. Denn hinter den Kulissen geht es um viel mehr: "Nachdem der Wissenschaftsrat nun seine Empfehlungen über alle großen deutschen Forschungsgesellschaften abgegeben hat, müssen wir uns über generelle Konsequenzen für die Neuordnung der außeruniversitären Institute in Verbindung mit den Universitäten Gedanken machen", meint Staatssekretär Josef Lange. Im Klartext: Die neue Fusion könnte den Auftakt zu einer ganze Reihe von Verschmelzungen in der Wissenschaft bilden.

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