Gesundheit : Freie Fahrt zum Nordpol

Das Eis in der Arktis verschwindet rapide. Grönlands Schmelzwasser lässt den Meeresspiegel beträchtlich steigen

Roland Knauer

Der Klimawandel lässt den stellenweise drei Kilometer dicken Eispanzer über Grönland dramatisch schnell schmelzen. Das schreiben Isabella Velicogna und John Wahr (Universität des US-Bundesstaates Colorado in Boulder) jetzt im Journal „Nature“ (Band 443, Seite 329).

Alle zwölf Monate verschwindet demnach Eis im Volumen von rund 248 Kubikkilometern oder 248 000 Milliarden Liter. Zu einem Würfel gepresst, würden dessen 6300 Meter lange Kanten bis zu den Gipfeln der höchsten Andenberge reichen. Jedes Jahr lässt das Schmelzwasser den Spiegel der Weltmeere um einen halben Millimeter steigen.

Dies belegen die Daten eines Satelliten namens Champ, der das Schwerkraftfeld der Erde vom Weltraum aus misst. Dieses ist nicht regelmäßig, sondern weist Dellen und Beulen auf und ähnelt eher einer Kartoffel als einer Kugel. Verschieden dichtes Material im Erdinnern ändert nämlich die Schwerkraft genauso wie Gebirge oder Tiefseegräben.

Fliegen nun Satelliten über einen Bereich mit größerer Masse und damit stärkerer Erdanziehungskraft, verändert sich ihre Bahn. Forscher des Geoforschungszentrums GFZ in Potsdam haben Champ mit einem Empfänger für das Satellitenortungssystem GPS ausgerüstet, mit dessen Hilfe sich die Bahn des künstlichen Erdtrabanten zentimetergenau verfolgen lässt. Seit sieben Jahren vermisst Champ nun das Schwerefeld der Erde.

Lässt man zwei solcher Satelliten hintereinander um die Erde kreisen, werden Unterschiede im Schwerkraftfeld erst einen der beiden Zwillinge erfassen und seine Bahn verändern. Mit Mikrowellen misst man nun den Abstand zwischen beiden Satelliten auf ein oder zwei Tausendstelmillimeter genau. Ein solches Satellitenpaar, Grace genannt, das auch klimarelevante Prozesse beobachtet, saust im Auftrag der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa und gebaut vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR seit dem 17. März 2002 in 220 Kilometern Höhe um die Erde.

Seitdem misst das Duo über Grönland jedes Jahr etwas weniger Schwerkraft. Da sich das Erdinnere nicht so schnell verändern sollte, bleibt nur eine Ursache für den gemessenen Unterschied: Das Eis Grönlands verschwindet. Und dieser Schwund beschleunigt sich rapide. Von April 2004 bis April 2006 verschwanden 250 Prozent mehr Eis von Grönland als zwischen April 2002 und April 2004. Schneller als bisher schmilzt das Eis aber ausschließlich im Süden Grönlands, wo die Temperaturen besonders rasch steigen.

Auch das ganzjährige Eis des Nordpols geht rapide zurück. Dort klaffen derzeit Lücken so groß wie die Fläche Großbritanniens. Dies belegen Aufnahmen des europäischen Umweltsatelliten Envisat aus der Zeit vom 23. bis 25. August. „Ein Schiff hätte von Spitzbergen oder Nordsibirien aus ohne Probleme bis zum Nordpol fahren können – dort, wo normalerweise überall Packeis ist“, erklärt Ozeanexperte Mark Drinkwater von der europäischen Weltraumbehörde Esa. Anfang der achtziger Jahre waren in der Arktis am Ende eines Sommers etwa acht Millionen Quadratkilometer Eis übrig, im Jahr 2005 dagegen nur noch 5,5 Millionen. Experten sehen den Rückgang als Folge des Treibhauseffekts.

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