Gesundheit : Freie Universität Berlin: Tumulte statt Feier

Anja Kühne

Zuerst war es nur ein kleiner Triller, begleitet von vereinzeltem Gelächter. Dann kam noch einer. Und noch einer. Als Hans-Olaf Henkel dann das Thema seiner Rede genannt hatte, "Freiheit oder Gleichheit", brach das Pfeifkonzert los. An allen Seiten des Audimax der FU entrollten Studierende große Plakate, aus den Sitzreihen brandete solidarischer Applaus auf, dazwischen erschollen kräftige Buhrufe gegen den Redner. Ihre Immatrikulationsfeier, die am Mittwoch im Tumult endete, wird den Erstsemestern noch lange in Erinnerung bleiben.

Hans-Olaf Henkel, der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und neuer Präsident der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz, polarisiert. Für die Gewerkschaften ist er der König des Turbokapitalismus; mit seinen deftigen Sprüchen hat der 1940 in Hamburg geborene Kaufmannssohn aber auch viele Manager verprellt. Warum lädt die Freie Universität als Redner einen Mann ein, der erst vor kurzem öffentlich behauptete, in Deutschland gebe es keine Armen?

Für FU-Präsident Peter Gaehtgens stellt vor der Veranstaltung klar: Nicht "gefälliges Gesäusel", sondern eine "ernsthafte Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Fragen von heute" soll die Studierenden auf ihren ersten Schritten in die Welt der Wissenschaft begleiten. Henkel ist auch aktives Mitglied bei Amnesty International und wurde zum "Ökomanager" des Jahres 1992 gewählt. "Dass Personen, die sich engagiert haben, kontrovers sind, liegt in der Natur der Sache. Aber Drückeberger gibt es genug", so Gaehtgens. "Ich bedaure, dass ein Großteil der Studierenden gar nichts sagt."

Diesmal kam es anders. Während die Studierendenvertretung sich in den vorangegangenen Semestern geweigert hatte, an der offiziellen Begrüßungsfeier für die Erstsemester teilzunehmen, hatte sich am Mittwoch kurzfristig ein Asta-Vertreter zu einer Rede an die "lieben Erstis" entschlossen und beschuldigte die Universität, mit dem Auftritt Henkels dessen "elitäres Gemauschel" salonfähig machen zu wollen: "Natürlich sind Leute aus reichen Familien für ihr Studium besser vorbereitet." Es gebe nicht zu viel Gleichheit, sondern zu wenig.

Henkel sieht das gerade umgekehrt - so weit er in dem Getöse noch zu verstehen war. "Stück für Stück geben wir zur Zeit unsere Freiheit im Namen der Gleichheit auf. Wenn wir das nicht ändern, sind wir bald nicht mehr frei, sondern nur noch solidarisch." "Die Freiheit die Sie meinen, ist die der Deutschen Bank!" skandierte jemand als Antwort. "Lasst ihn doch reden, der Asta-Typ hat doch auch geredet", schrie ein anderer zurück. Zu kurzen Rangeleien kam es, als ein älterer Herr versuchte, einem Aktivisten seine Trillerpfeife wegzunehmen. Mehrmals kam Präsident Gaehtgens auf das Podium: "Ich möchte Sie ernsthaft bitten, diese Pfeiferei zu unterlassen", sagte er unter starkem Applaus der Mehrheit, die die Rede offensichtlich gerne gehört hätte. "Dies ist der Terror einiger weniger."

34 Prozent des Bruttosozialprodukts werden in Deutschland inzwischen für die Solidarität ausgegeben, mehr als je zuvor, rechnete Henkel vor. "Ich habe in Kalkutta gelebt, kennen Sie ein Land, wo die Unterschiede zwischen Arm und Reich geringer sind als bei uns?" Nach dem Abbruch der Veranstaltung kam es zu einer besonders unschönen Szene: Henkel, der den Teilnehmern im Anschluss eine Diskussion angeboten hatte, bekam auf seinem Weg ins Foyer von einem Störer ein Sandwich auf den Kopf geworfen. Leibwächter überwältigten den Attentäter, doch wurde er von einer Gruppe junger Leute wieder befreit und floh.

Vize-Präsidentin Gisela Klann-Delius sagte zu den Tumulten: "Wir werden uns nicht ins Boxhorn jagen lassen." Für die Zukunft sei nach Wegen zu suchen, wie man das Recht der Mehrheit darauf, zuzuhören, durchsetzen könne. Bei den Störern scheine es sich nicht um Studierende gehandelt zu haben, jedenfalls habe ein Asta-Vertreter gesagt: "Ich kenne die nicht, ich habe mit denen nichts zu tun."

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