Gesundheit : Freiheit, Gleichheit, Klarheit

Adelheid Müller-lissner

Der Tagungsort trägt noch den Charme des Unfertigen. Doch diese Debatte ist längst fällig, denn in Deutschland und in Frankreich stehen noch im Januar dazu wichtige Entscheidungen an: In Schloss Genshagen, dem Sitz des Berlin-Brandenburgischen Instituts für Deutsch-Französische Zusammenarbeit in Europa (kurz BBI), trafen an diesem Wochenende Mitglieder der nationalen Ethikräte beider Länder mit Fachleuten aus Naturwissenschaft, Politik und Jurisprudenz zusammen, um über "Europäische Grundwerte in der Bioethik" zu diskutieren.

Das Thema embryonale Stammzellen hat dabei die höchste Aktualität und größte Brisanz. Und selbst in den Pausen waren die Begriffe "Stammzellen" und "cellules souches" im zweisprachigen Chor der Stimmen am häufigsten auszumachen.

Doch Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin sparte diese Vokabel in seinem Grundsatzvortrag über "Die ethischen und kulturellen Herausforderungen der neuen Biotechnologie" aus. Der Minister und Philosophieprofessor stellte zunächst mit großer Eindringlichkeit klar, was seine Zunft nicht leisten will und kann: Einzelne ethische Probleme "lösen" oder gar "die Aufgabe eines Priesterstands vergangener Zeiten übernehmen, der Ratlosen sagte: das ist richtig, das ist falsch!" Das beifällige Nicken der französischen Gäste, deren größere laizistische Tradition zuvor von Institutsdirektor Rudolf von Thadden schon gebührend gewürdigt wurde, war an dieser Stelle deutlich. Aber auch Hilfestellung bei der Suche nach einer "spezifisch europäischen Sicht" in bioethischen Fragen will der Minister nicht bieten.

"Normativer Minimalkonsens" gesucht

Tatsächlich ist diese Sicht so einheitlich ja keineswegs, auch innerhalb der Staaten: Wir erleben derzeit allenthalben "widerstreitende moralische Intuitionen". Wir brauchen allerdings, davon ist der Minister überzeugt, einen "normativen Minimalkonsens". Nur er kann Regelwerke wirksam legitimieren. Wenn Ethik die Religion nicht durch "wissenschaftlich begründete Moral" ersetzen kann - welchen Beitrag zur Entscheidung der - auch politisch - drängenden Fragen kann man dann überhaupt von ihr erwarten? Für Nida-Rümelin ist klar: Der Beitrag liegt in der Klärung. Philosophische Ethik kann die Standpunkte und Argumente prüfen, die in der Debatte genannt werden. Der Philosoph bleibt aber auch bei diesem Geschäft immer eingebettet in die "lebensweltlich konstituierte Moralität", einen Standpunkt "außerhalb" oder gar "oberhalb" kann er nicht einnehmen. Dafür tritt die Ethik nicht erst zu einem bestimmten Zeitpunkt als Deckmäntelchen unseres Handelns hinzu, sondern "wir sind in jeder Situation darauf gefasst, für unser Tun Gründe angeben zu müssen". Doch an den Hochschulen werde nicht genug getan, um Forscher auf diese Aufgabe vorzubereiten.

Keine kleinen Aufgaben insbesondere für Wissenschaftler in der Biotechnologie; denn auf ihre "dramatischen Veränderungsmöglichkeiten" ist die Ethik nicht vorbereitet. Oder, mit Wittgenstein: "Die Grenzen der Lebenswelt sind auch die Grenzen des etablierten Ethos." Die angemessene Grundhaltung angesichts des Neuen liegt für Nida-Rümelin in der "ethischen Prophylaxe" oder "ethisch motivierten Risikoversion". Grenzen zieht hier allerdings nicht ein wie auch immer geartetes Tabu, sondern die Gemeinschaft selbst. Nicht ein Rückfall in die Vor-Aufklärung, sondern der Prüfstand der Rationalität ist gefragt. Hier wiederholte der Minister seine schon vor Jahresfrist ausgesprochene Warnung, Begriffe aus unserem humanistischen Grundkonsens durch "Überdehnung" zu gefährden, etwa den der Menschenwürde.

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