Gesundheit : Freiheit in Gefahr

Die Medizin braucht die Pharmaindustrie – doch die wachsende Kommerzialisierung hat ihren Preis

Rosemarie Stein

ERGEBNISSE GEGEN GELD: WIE UNABHÄNGIG IST DIE FORSCHUNG?

Die Forschung ist frei. Was aber, wenn Wissenschaftler im Auftrag der Industrie forschen? Wie sieht es dann mit der Unabhängigkeit aus? Nach einer Studie ist sie zumindest in Gefahr: Werden Arzneimittelstudien zur Prüfung der Wirksamkeit und der Nebenwirkungen von den Herstellern bezahlt, fallen die Ergebnisse viermal so günstig für den Sponsor aus wie bei Studien, die aus anderen Quellen finanziert werden. Dies ergab eine Übersicht, die amerikanische Forscher im Fachblatt „British Medical Journal“ (Band 326, Seite 1167) veröffentlichten.

Möglichst viele Drittmittel zusätzlich zum regulären Etat einzuwerben, gilt zwar als positives Kennzeichen einer Universität. International aber wird der von der Industrie finanzierte Teil der medizinischen Drittmittelforschung zunehmend kritisch diskutiert: Es geht um die Gefahr für die Freiheit der Forschung und für die Patienten.

„Der Besitzer ist zufrieden“

In der englischsprachigen medizinischen Fachpresse untersucht man seit Jahren, in welchem Maße die Forschung durch wirtschaftliche Interessen beeinflusst wird. Darüber hat eine lebhafte Debatte eingesetzt, die bei uns gerade erst beginnt. In der amerikanischen Hochschulmedizin kommen heute fast zwei Drittel der Forschungsmittel aus der Industrie – doppelt so viel wie vor zwanzig Jahren. Das „ New England Journal of Medicine“ fragte: „Steht die Hochschulmedizin zum Verkauf?“ – „Nein – der jetzige Besitzer ist ganz zufrieden mit ihr“, antwortete ein Leser sarkastisch. Selbst die Weltgesundheitsorganisation warnt vor der wachsenden Kommerzialisierung der medizinischen Forschung und dem Druck auf die Forscher, von denen einige sogar mit Prozessen überzogen wurden, weil sie – geschäftsschädigend – ihre für die Sponsorfirma negativen Studienergebnisse veröffentlicht hatten.

Die Kritiker wollen die Apparate- und Arzneimittelindustrie, die schließlich ihre Produkte verkaufen muss, ebenso wenig verteufeln wie die Zusammenarbeit mit der Hochschulmedizin und den forschenden Kliniken. Sie beklagen aber, dass nur solche Forschung stattfindet, die bezahlt wird. Man vernachlässigt also Probleme, die nicht von kommerziellem Interesse sind, wie Entstehung, Verlauf und Verhütung von Krankheiten, Prüfung des nie nachgewiesenen Nutzens bestimmter gängiger Methoden, Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Krankheiten oder gegen die in Ländern ohne Kaufkraft vorherrschenden Leiden.

Der Baseler Hochschul-Psychiater Asmus Finzen befürchtet Folgen „für die Auswahl der Forschungsfelder, die Art der Publikation von Forschungsergebnissen, für das Selbstverständnis der medizinischen Fakultäten und die berufliche Sozialisation des Nachwuchses“. Klinische Studien, vor allem die Erforschung neuer Arzneisubstanzen, seien notwendig. Problematisch aber sei es, „wenn sich die Forschung – wie so oft – auf die Prüfung minimaler Unterschiede zwischen Substanzen einlässt, die für Marketingzwecke nützlich, wissenschaftlich aber ohne jede Bedeutung sind.“

Nach dem Bedarf für ein neues Präparat darf keine deutsche Ethikkommission fragen. Beurteilt wird nur, ob die geplante Studie so angelegt ist, dass sich die damit gestellte Frage beantworten lässt, sagte Ruth Mattheis von der Ethikkommission der Ärztekammer Berlin dem Tagesspiegel. Zahlreiche Analysen vor allem durch britische und amerikanische Forscher zeigen jedoch: Man kann Studien so aufziehen, dass das Ergebnis annähernd wunschgemäß ausfällt.

Ironisch gemeinte Tricks für Sponsoren brachte das „British Medical Journal“ zum Jahreswechsel (Band 327, Seite 1446): Man kann die Kontrollgruppe mit einem falsch dosierten oder besonders nebenwirkungsreichen Mittel behandeln; ein scheinbar positives Zwischenergebnis statt des unsicheren Endresultats veröffentlichen; bei negativem Ausgang eine kleine Untergruppe von Patienten hervorheben, bei denen die Therapie anschlug; oder eine Studie bei unerwünschtem Ergebnis nicht publizieren.

Dass dies häufig so gehandhabt wird, zeigten Martin Hildebrandt und Wolf-Dieter Ludwig vom Helios-Klinikum Berlin-Buch in einer schonungslosen Analyse der Industrie-Einflüsse auf die klinische Forschung (veröffentlicht im Fachblatt „Onkologie“, Band 6, Seite 529). Wie andere unabhängige Experten fordern sie, alle beginnenden Studien zentral zu registrieren. Denn die Unterschlagung negativer Ergebnisse verfälscht das Urteil über den medizinischen und auch ökonomischen Nutzen eines Mittels oder Verfahrens für Patienten. Das gilt umgekehrt auch für die übliche Mehrfachveröffentlichung positiver oder auch geschönter Resultate.

Solche bewussten Publikationsfehler verzerren das in Übersichten zusammengefasste Gesamtergebnis der Studien und die darauf fußenden Behandlungsleitlinien. Dennoch behält sich der Geldgeber nicht selten die Kenntnis sämtlicher Daten und die Genehmigung zur Publikation vor, jedenfalls bei Auftragsforschung. Als solche müsse der Löwenanteil der Industrie-Drittmittelforschung bezeichnet werden, sagte Petra Thürmann, Klinische Pharmakologin der Universität Witten-Herdecke, dem Tagesspiegel.

Aber die Grenze sei schwer zu ziehen, meint Cornelius Frömmel, Charité-Prodekan für Forschung, und „bei Auftragsforschung, da ist man nur Dienstleister, da besteht keine Publikationspflicht“. In den „Richtlinien für die aus Drittmitteln finanzierten Forschungsvorhaben“ der Charité steht in der Tat nur, die Studienergebnisse seien „schriftlich zu dokumentieren“. In den Sponsoring-Regeln des Klinikkonzerns Helios dagegen heißt es ausdrücklich, die Resultate seien zu veröffentlichen, „auch, wenn sie für den Auftraggeber der klinischen Studien negativ ausfallen“, und später wird das vom Helios Research Center überprüft.

Um verdeckte Abhängigkeiten und Interessenkonflikte transparent zu machen, werden die Forscher in solchen Richtlinien zunehmend verpflichtet, ihre Verbindungen zur Industrie offen zu legen. Vor drei Jahren verlangten dies auch die Herausgeber von zwölf international führenden medizinischen Zeitschriften in einer gemeinsamen Stellungnahme. Sie forderten außerdem für die Forscher Mitwirkung an der Studienplanung, Zugang zu sämtlichen Daten und uneingeschränktes Publikationsrecht.

Mit Firmenkontakten prahlen

Transparenz sei dringend nötig, löse aber nicht alle Probleme, meint Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die ebenfalls von ihren Mitgliedern die Offenlegung von Industriekontakten verlangt. Manche amerikanischen Mediziner prahlten sogar mit ihren Beraterverträgen: „Je mehr Verbindungen mit Firmen ich nenne, als umso einflussreicher gelte ich.“ Die Empfehlungen der Zeitschriftenherausgeber wurden in Amerikas medizinischen Hochschulen auch nach zwei Jahren erst selten befolgt, ergab eine Umfrage, über die „Arzneimittelbrief“ (Band 37, Seite 15) berichtete. Für die vielen deutschen Regeln, von der ärztlichen Berufsordnung bis zu den Verhaltensempfehlungen der Industrie, dürfte Ähnliches gelten.

Der Staat wiederum scheint die Kehrseite der Drittmittelforschung kaum zu sehen. Sonst würde er die klinische Forschung lieber selbst massiv fördern. Koste es, was es wolle. Das Bundesforschungsministerium hatte vor etwa einem Jahrzehnt die Förderung von Therapiestudien völlig eingestellt. Seit 1999 unterstützt es jedoch den Aufbau von „Koordinierungszentren für Klinische Studien“ an zwölf medizinischen Fakultäten, darunter der Charité, und von 17 „Kompetenzzentren“ für bestimmte Krankheiten. Und kürzlich startete das Ministerium gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein vierjähriges, mit 40 Millionen Euro ausgestattetes Programm für „patientennahe“ Studien, an denen die Industrie kein Interesse hat, etwa wegen der Seltenheit eines Leidens. Wenigstens etwas, aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

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