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Ein Plädoyer für die außeruniversitären Institute der Geschichtsforschung

Martin Sabrow

Stecken die Geisteswissenschaften in einer Krise oder nicht? Ein aus der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stammendes Manifest hat die Frage vor wenigen Monaten entschieden bejaht. Der Wissenschaftsrat hat sie in seinen jüngsten Empfehlungen zur Zukunft der Geisteswissenschaften in Deutschland zurückgewiesen. Beide aber sind interessanterweise zu derselben Schlussfolgerung gekommen: Es gelte, die aus den Universitäten ausgewanderte Forschung in den Geisteswissenschaften nach dem Vorbild der amerikanischen Institutes of Advanced Study als Forschungskollegs oder Exzellenzzentren an die Universitäten zurückzuholen.

Zurück zur Einheit von Forschung und Lehre in den Geisteswissenschaften? Es ist zweifelhaft, ob der Ruf zur Umkehr der außeruniversitären Forschung alle geisteswissenschaftlichen Fächer gleichermaßen auf den richtigen Weg führt. Der Umstand, dass die Geisteswissenschaften bei der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs so stark abgeschlagen wurden, macht jedenfalls nachdenklich. Offenbar sind ihre Forschungsvorhaben im universitären Wettbewerb mit natur- und lebenswissenschaftlichen Vorhaben nicht hinreichend konkurrenzfähig.

Bei den fünf Geisteswissenschaftlichen Zentren, die der Wissenschaftsrat jetzt zur Weiterförderung empfohlen hat, findet der Appell zur Rückkehr an die Universitäten ein uneinheitliches Echo. Zumindest zwei von ihnen, das Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und das Geisteswissenschaftliche Zentrum Ostmitteleuropa in Leipzig sind von ihrer Größe her mit den Universitäten ihrer Sitzregion schlichtweg nicht kompatibel. Man darf vermuten, dass sie den Versuch einer Integration mit personeller Schrumpfung und Verlust von Forschungspotenzial zu bezahlen hätten – ganz zu schweigen davon, dass ihre Rolle als Netzwerke der Fachinformation mehr institutionelle Kontinuität verlangt, als sie auf maximal zwölf Jahre angelegte Forschungskollegs zu bieten vermögen. Lehrreich ist hier das Schicksal des Wissenschaftler-Integrations- und Hochschulerneuerungsprogramms, das sich nach der Wiedervereinigung dem Auftrag verschrieben hatte, die zu DDR-Zeiten verselbstständigte Forschung wieder universitär einzubinden. Die parallel gegründeten Geisteswissenschaftlichen Zentren stehen heute mehrheitlich stärker denn je da und boten einer nicht geringen Zahl früherer DDR-Wissenschaftler die Möglichkeit zum Anschluss an die internationale Wissenschaftsentwicklung. Das universitäre Integrationsprogramm erwies sich jedoch als Fehlschlag und wurde 1996 eingestellt.

Nicht allen geisteswissenschaftlichen Fächern ist mit der Entwicklungsperspektive eines inneruniversitären Exzellenzzentrums gleichermaßen geholfen, wie der Wissenschaftsrat selbst anerkennt. So hat die Geschichtswissenschaft in den letzten zwei Jahrzehnten ihre Dynamik nicht umsonst vor allem außerhalb der universitären Strukturen entfaltet: Die wachsende Nachfrage nach historischer Selbstverständigung, die in unserer Gegenwart zunehmend das Leitbild des Fortschritts durch das Leitbild der Erinnerung verdrängt, hat zu einem geschichtskulturellen Boom geführt. Ihm wäre die akademische Historiografie auch dann nicht gewachsen, wenn die Zahl der Professuren nicht parallel zu den gewachsenen Studentenzahlen reduziert worden wäre.

Die außeruniversitäre historische Forschung ist breit verankert. Sie lebt von Drittmitteln oder arbeitet auf Basis einer institutionellen Bund-Länder-Finanzierung. Sie findet als Behördenforschung statt wie in der Birthler-Behörde oder im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam. Und sie hat ihren Platz in der Arbeit der Gedenkeinrichtungen in Berlin, Buchenwald oder Sachsenhausen. Diese ohnehin bedrohte Vielfalt – wie die geplante Schließung des Historischen Kollegs in München – weiter rückgängig machen zu wollen, wird dem Rang der Vergangenheit für die Identitätsbildung unserer Gesellschaft nicht gerecht.

Nun ist das aus einem neuhumanistischen Ganzheitsideal gespeiste Ideal der Einheit von Forschung und Lehre keine überhistorische Formel. Es förderte die Umstellung des Lehrbetriebs von der Ordinarienvorlesung auf das Forschungstraining in Fachseminaren und -instituten, das der deutschen Universität im 19. Jahrhundert Weltgeltung verschaffte. Aber als allgemein gültige Maxime der akademischen Wissenschaft hatte es sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts überlebt. Nicht zufällig vollzog sich auch die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unter Berufung auf Wilhelm von Humboldt, der in seiner Denkschrift über die Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin auch so genannte Hilfsinstitute errichtet wissen wollte, die nur in lockerer Verbindung zu den Universitäten und Akademien stehen sollten.

Wohin das Festhalten an überkommenen Organisationsmodellen führen kann, ist gegenwärtig in Göttingen zu studieren. Dort soll das Max-Planck-Institut für Geschichte abgewickelt werden, nachdem die Berufung eines neuen Direktorenduos zwei Mal misslang. Die vom Institut geplante Neuausrichtung des historischen Forschungsauftrags auf transnationale und globale Geschichte scheiterte letztlich, weil sie im so genannten Harnack-Prinzip gefangen blieb: Danach wird die Leistungskraft einer wissenschaftlichen Einrichtung an einzelnen herausragenden Forscherpersönlichkeiten gemessen statt am herausragenden Profil seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Tragkraft ihrer Arbeitsvorhaben.

Auf die vielleicht drängendste Zukunftsfrage der Geisteswissenschaften geben die Empfehlungen keine befriedigende Antwort: Auch um einzelne Forschungskollegs und Dauerstellen unterhalb der Professur bereicherte Universitäten werden den steigenden Ausstoß an hoch qualifizierten Forschern nicht aufnehmen können, den sie selbst erzeugen. Vor wenigen Jahren machte das bittere Wort von einer zur Verschrottung anstehenden Generation von Privatdozenten die Runde. Heute wissen wir, dass die Generation sich nicht hat verschrotten lassen. Sie hält sich mit Forschungskarrieren auf Drittmittelbasis und befristeten Projektstellen gerade an außeruniversitären Einrichtungen über Wasser. Sie, die vielerorts das Rückgrat der geisteswissenschaftlichen Forschung in Deutschland bildet, bleibt aber in der Lebenslüge einer Karriereplanung gefangen, die immer noch nur die Hochschulprofessur als erfolgreichen Abschluss einer wissenschaftlichen Berufstätigkeit anerkennt.

Nicht in der Rückkehr zur Einheit von Forschung und Lehre liegt die Zukunftsperspektive der geisteswissenschaftlichen Forschung, sondern in ihrer institutionellen Mehrgleisigkeit. Exzellenzzentren und Forschungskollegs werden den Universitäten wichtige neue Impulse geben. Im Interesse der internationalen wissenschaftlichen Konkurrenzfähigkeit aber ist mehr verlangt, nämlich ein Ring von außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Halbdistanz zu den Universitäten – auf sie bezogen durch Lehrbeteiligung und Nachwuchsrekrutierung und von ihnen getrennt durch ihre selbstständige Verfassung als Institutionen eigenen Rechts. Dann wird es vielleicht auch möglich sein, das Elend der akademischen Berufsplanung zu lindern und in Analogie zum französischen System des maître de recherche und des directeur de recherche die Anerkennung der außeruniversitären Forschungsprofessur als vollgültigen akademischen Berufsweg zu erreichen.

Martin Sabrow ist Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Potsdam und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam.

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