Gesundheit : Freispruch zweiter Klasse

Gericht entscheidet im Fälschungsskandal um Krebsforscher

Hermann Horstkotte

Die Staatsanwaltschaft Berlin und Friedhelm Herrmann, der gefallene Engel der Krebsforschung und angeblich größte Forschungsbetrüger aller Zeiten, sind sich einig geworden: Der zeitweilige Medizinprofessor an der Humboldt-Universität, zugleich Vorsitzender der Gentherapiekommission der Bundesärztekammer und Mitglied in wichtigen Ausschüssen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), beugt sich einer „Auflage“ von 8000 Euro. Damit wird ein Ermittlungsverfahren wegen Erschleichung von Fördergeldern in fünfstelliger Höhe eingestellt. Das erklärt Herrmanns Anwalt Hans-Dietrich Quedenfeld dem Tagesspiegel. Die zuständige Staatsanwältin bestätigt, diesen im Juristendeutsch so genannten „Freispruch zweiter Klasse“ (nach Paragraph 153 a der Strafprozessordnung) vorgeschlagen zu haben. Mehrere Sponsoren, darunter die DFG, hatten Strafanzeige erstattet. Der Beschuldigte bleibt aber ein Ehrenmann. Denn die „Auflage“ ist keine Strafe, nicht einmal eine Geldstrafe, wie sie dem Verkehrssünder droht.

Nur untergeschoben?

Die wissenschaftliche Karriere Herrmanns war schon 1997/98 mit einem Skandal zu Ende gegangen, als ein vor der Entlassung stehender Mitarbeiter behauptete, das Forschungsteam des molekularbiologischen Superstars sei eine Fälscherbande. Eine von der DFG eingesetzte „Task Force F.H.“ fand heraus: Viele von rund 350 Artikeln, in denen Herrmann als Mitautor vorkommt, weisen mit ein und denselben Messergebnissen ganz verschiedene Experimente nach. Manche Computerbilder erwecken den Anschein von Fotomontagen, wie sie sich mit handelsüblichen Programmen herstellen lassen.

Aus Hermanns Sicht haben ihm die eigenen Leute in einzelnen Fällen Falsches untergeschoben. „Ich habe die Arbeiten meiner Schüler nur überflogen und meinen Namen dazugesetzt, um den Eindruck zu vermeiden, ich würde mich von den Ergebnissen meiner Mitarbeiter distanzieren.“ Einige haben Fälschungen zugegeben, der Professor selber nie. Insgesamt drei Berliner Staatsanwältinnen mühten sich nacheinander ab, Verdächtigungen auf individuell zurechenbare Beweise zu überprüfen. Schon im März vergangenen Jahres hielt das Landgericht die Beweislage allerdings für zu dürftig, um eine Anklage zuzulassen. Die verwickelte Sachlage hinderte Hermanns Professorenkollegen allerdings zu keinem Zeitpunkt vor persönlichen Vorverurteilungen und der energischen Forderung von Disziplinarmaßnahmen mit dem – unerreichten – Endziel Rausschmiss.

Dienst quittiert

Wolfgang Gerok, als Vorsitzender einer „Gemeinsamen Kommission“ aller womöglich geschädigten Geldgeber besonders ungeduldig, musste sich vom damaligen baden-württembergischen Wissenschaftsminister Klaus von Trotha entgegenhalten lassen: „Mir scheint, dass sich in unserer Gesellschaft eine Mentalität breit macht, unmittelbar spektakuläre Aktionen zu fordern, auch wo der Rechtsstaat das nicht zulässt.“ Ein scharfzüngiger juristischer Beobachter riet den Medizinprofessoren, klarer zwischen Rechts- und „Empörungstatbeständen“ zu unterscheiden. Als Herrmann 1998 freiwillig den Dienst quittierte, kommentierte das der Heidelberger Humangenetiker Claus Bartram mit einem Bild aus der Boxersprache: Der frühere Kollege habe „das Handtuch geschmissen“, also genug Prügel bezogen. Und der Ulmer Altdekan Guido Adler triumphierte auf einer DFG-Tagung: „Wir haben Herrmann in kürzerer Zeit, als so etwas zum Beispiel in Amerika möglich ist, aus der akademischen Welt hinausgetrieben.“

Die Zunft hat ihren Sündenbock geopfert. Darüber aber ist nicht zu vergessen, dass Herrmann insgesamt rund hundert Mitautoren bei den belasteten Aufsätzen hatte. Mehr als die Hälfte schweigt bis heute, oft mit juristischem Beistand. In 58 fragwürdigen Aufsätzen ist auch Herrmanns Lehrer Roland Mertelsmann mit von der Partie, 15 Mal sogar als Hauptautor. Der aber tut ganz unschuldig: „In den USA sagten mir viele Kollegen: ,Mensch, da hast du aber Pech gehabt.’“ Und die deutschen Kollegen? „Ich habe von einigen gehört: ,Das hätte mir auch passieren können.’“ So ein Pech hat vielleicht auch Herrmann gehabt, wer weiß?

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